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14.04.2019 | (rsn) - Beinahe wäre es die große Sensation geworden. Zusammen mit Philippe Gilbert (Deceuninck – Quick-Step) fuhr Nils Politt (Katusha - Alpecin) ins berühmte Velodrom von Roubaix ein. Die Glocke ertönte, die letzte Runde auf der Radrennbahn stand an, der ganz große Coup durch den Kölner in der Hölle des Nordens war zum Greifen nah.
In der letzten Kurve aber nutzte Gilbert als erstes den Schwung des Spurwechsels auf der Bahn von außen nach innen und war nicht mehr abzufangen: Der Sieg für den Belgier beim 117. Paris-Roubaix.
Für Politt blieben der zweite Platz und die Gewissheit, an diesem Nachmittag nach 257 Kilometern und 29 Pavé-Sektoren in die Topliga der Klassikerfraktion aufgestiegen zu sein.
Das Podium komplettierte der Belgier Yves Lampaert, Teamkollege von Gilbert, mit 13 Sekunden Rückstand. Platz vier ging an Sep Vanmarcke (EF Education First, +0:40), Fünfter wurde ein entkräfteter Vorjahressieger Peter Sagan (Bora - hansgrohe, +0:42).
"Es war knapp, aber ich bin immerhin Zweiter geworden. Und das in meinem Alter“, sagte der 25-jährige Politt im Ziel: "Ich kann es noch nicht glauben. Ich habe mich aber schon seit dem Morgen sehr gut gefühlt und auch während des gesamten Rennens.“ Politt hatte ein starkes Rennen hingelegt, war frühzeitig zweimal in Spitzengruppen vertreten und auch gegen Rennende einer der stärksten Fahrer gewesen.
"Am Ende war es etwas unglücklich für mich, da Yves Lampaert noch von hinten kam. Da konnte Gilbert etwas pokern. Eigentlich wollte ich an zweiter Stelle sprinten. Aber ich habe noch einige Jahre vor mir und werde sicherlich zurückkommen“, sagte Politt. Lampaert hatte sich kurz vor dem Ziel aus einer Verfolgergruppe um Peter Sagan und Sep Vanmarcke abgesetzt und damit vor allem Politt unter Druck gesetzt, der Gilbert schließlich am Hinterrad durch die letzte Runde im Velodrom führen musste.
Deceuninck - Quick-Step mit 4 Mann in den Top 8
Mit zwei Fahrern auf dem Podium und insgesamt vier Fahrern unter den ersten zehn, Florian Senechal und Zdenek Stybar erreichten die Plätze sechs und acht (beide +0:47), gelang der belgischen Equipe Deceuninck – Quick-Step damit die perfekte Antwort auf den verpassten Sieg bei der Flandern-Rundfahrt am vergangenen Sonntag. Mit einem Sieger Philippe Gilbert dürften aber nicht unbedingt viele gerechnet haben – ein achter Platz beim Omloop Het Niewúwsblad Anfang März war bis dato seine beste Klassikerplatzierung in dieser Saison gewesen.
"Es ist ein besonderer Sieg. Viele Leute waren pessimistisch und haben gesagt, dass ich das nicht könnte. Aber vor zwei Jahren habe ich Flandern gewonnen und jetzt Roubaix. Ich habe mich als Fahrer entsprechend verändert“, sagte Gilbert im Siegerinterview. Der 36-Jährige galt einst vor allem als Spezialist für die Ardennen-Klassiker, gewann Lüttich-Bastogne-Lüttich und viermal das Amstel Gold Race. Mit dem Sieg bei Paris-Roubaix darf er sich nun allerdings bei vier von fünf Monumenten als Sieger bezeichnen – nur Mailand-Sanremo fehlt ihm noch.
"Ich bin taktisch das perfekte Rennen gefahren. Ich habe immer alles zu meinem Vorteil gedreht durch meine frühen Attacken. Und Nils Politt war der perfekte Begleiter. Wir sind einfach nur gefahren. Am Ende gewinnt der Beste – und das war zum Glück am Ende ich“, fügte Gilbert an.
So lief das Rennen
Der Beginn sah die üblichen Attacken vor, eine Gruppe konnte sich lange allerdings nicht lösen – unter anderem waren Dmitriy Gruzdev (Astana), Lennard Kemna (Sunweb), Mads Pedersen (Trek - Segafredo), Jurgen Roelandts (Movistar) und Mads Wurtz Schmidt (Katusha - Alpecin) zwischenzeitlich in verschiedenen Fluchtversuchen aktiv.
Erst nach 84 Kilometern bildete sich eine ernsthafte Spitzengruppe, die später auf 23 Fahrer anwuchs und namhafte Fahrer wie Michael Schär (CCC Team), Yves Lampaert (Deceuninck - Quick Step), Nils Politt und Marco Haller (Katusha - Alpecin), Matteo Trentin (Mitchelton - Scott), Stefan Küng (Groupama - FDJ) und Matti Breschel (EF Education First) beinhaltete. Die Gruppe fuhr sich zwischenzeitlich einen Vorsprung von rund einer Minute heraus, rund 50 Kilometer später war ihr Unterfangen jedoch zu Ende.
Van Aert im Pech
Die tempofeste Fahrweise setzte sich in der Folge fort, zwischenzeitlich waren Peter Sagan und Oliver Naesen (Ag2r) distanziert – keine Gruppe schaffte es allerdings, sich entscheidend abzusetzen. Nach dem Wald von Arenberg, 90 Kilometer vor dem Ziel, bestand das Feld noch kompakt aus rund 60 Fahrern. Nur Wout Van Aert (Jumbo - Visma) verlor erst wegen eines Defekts und kurz darauf aufgrund eines Sturzes zweimal den Kontakt zur Gruppe – kämpfte sich aber jeweils zurück.
66 Kilometer vor dem Ziel in der Verpflegungszone attackierte Politt und bekam Begleitung von Philippe Gilbert und Rüdiger Selig (Bora - hansgrohe). Das Trio hielt sich über einige Kilometer an der Spitze, 50 Kilometer vor dem Ziel setzte dann eine Gruppe um Peter Sagan, Yves Lampaert, Sep Vanamarcke, Van Aert, Christoph Laporte (Cofidis) Marc Sarreau (Groupama - FDJ) nach.
Trek - Segafredo und Van Avermaet verpassen den Moment
Die beiden letztgenannten Franzosen verloren alsbald den Anschluss, der Rest schloss zu Gilbert und Politt auf und bildete die rennentscheidende Gruppe. Der Vorsprung betrug zwar nie mehr als 1:15 Minuten, doch in der Verfolgung fanden sich keine Teams zur organisierten Nachführarbeit zusammen. Den Postausgang verpasst hatten zu jener Phase unter anderem Greg Van Avermaet (CCC) sowie Trek - Segafredo, das mit John Degenkolb, Jasper Stuyven und Mads Pedersen gleich drei Optionen in der Gruppe besaß.
Das Sextett an der Spitze harmonierte bis ungefähr 23 Kilometer vor dem Ziel – Gilbert attackierte im Sektor Cysoin-Bourghelles und bekam Begleitung durch Sagan und Politt. Lampaert stellte wenig später mit Vanmarcke im Schlepptau den Anschluss wieder her, Van Aert verlor hingegen den Kontakt zur Spitze. Einen weiteren Vorstoß unternahm Gilbert 16 Kilometer vor dem Ziel im Sektor Carrefour de l'Arbre, doch erneut schafften Sagan, Politt und Vanmarcke den Anschluss.
Vanmarcke im Finale von Defekt gestoppt
Dann forcierte Politt 14 Kilometer vor dem Ziel selber eine Tempoverschärfung – und sorgte für die Vorentscheidung. Nur Gilbert reagierte, der Rest der Gruppe verpasste den Moment. Das Duo fuhr sich schnell einen Vorsprung von rund einer halben Minute heraus, die Verfolgung war auch dadurch gestört, dass Vanmarcke einen technischen Defekt beklagte und Sagan mit seinen Kräften am Ende schien.
Kurz vor dem Ziel entwischte Lampaert den beiden und sicherte sich im Velodrom den letzten Platz auf dem Podium. Der Schweizer Stefan Küng (Groupama - FDJ) erreichte Platz elf (+0:47), Marcus Burghardt (Bora - hansgrohe) und Degenkolb beendeten das Rennen auf den Rängen 24 (+2:14) und 28 (+3:00).
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