Lichtenberg & Schweizer glänzen, Schock für Becker

"Außerirdische" Abbott: Am Mortirolo stoppt sie nicht mal ein Sturz

Von Felix Mattis aus Tirano

Foto zu dem Text "
Mara Abbott (Wiggle-High5) fuhr am Mortirolo in einer eigenen Liga und ins Rosa Trikot. | Foto: Cor Vos

06.07.2016  |  (rsn) - Die erste Anlaufstation im Ziel und scheinbar 'zurück auf der Erde' war ihr Vater - und die Umarmung dauerte gefühlt eine volle Minute. Einen Tag weniger als drei Jahre nach ihrem zweiten Giro-Gesamtsieg durfte Mara Abbott (Wiggle-High5) in Tirano nach einer Vorstellung wie von einem anderen Planeten erneut das Maglia Rosa überstreifen. Sie gewann die 77,5 Kilometer kurze Königsetappe des Giro Rosa über den Mortirolo trotz eines Sturzes in der Abfahrt mit 37 Sekunden Vorsprung vor einer vierköpfigen Verfolgergruppe um Claudia Lichtenberg (Lotto-Soudal).

Die deutsche Giro-Siegern von 2009 wurde Tagesfünfte und rückte auf Gesamtrang vier vor - 33 Sekunden hinter Abbott. Vor ihr liegen noch die Tagesvierte Megan Guarnier (Boels-Dolmans / + 0:10 Minuten im Gesamtklassement) und die Tageszweite Elisa Longo Borghini (Wiggle-High5 / + 0:15). Die Etappendritte Tatiana Guderzo (Hitec Products / + 0:38) folgt auf Gesamtrang fünf.

Während Lichtenbergs Leistung die deutschen Fans freudig stimmen und auch für Olympia Hoffnungen wecken darf, müssen sie sich um Charlotte Becker (Hitec Products) Sorgen machen. Das Mitglied des Olympischen Verfolgungs-Vierers konnte einem Sturz in der Anfangsphase der Etappe nicht ausweichen und brach sich die Schulter. Sie wird am Donnerstag in Berlin operiert - in der Hoffnung, auf Olympia-Kurs zu bleiben.

Für Abbott war der Triumph in Tirano der Lohn für ihre harte Arbeit. "Als Radsportlerin ist es das, wofür man arbeitet", sagte sie im Ziel über das Rosa Trikot. "Am Anfang denkt man, es passiert immer wieder: Ich habe einmal Rosa bekommen, ich werde es immer wieder bekommen. Aber irgendwann realisiert man, wie hart es tatsächlich ist, es zu holen."

Nach ihrem ersten Giro-Gesamtsieg 2010 entwickelte die Klettererin aus Boulder, Colorado eine Essensstörung und setzte schließlich die Saison 2012 aus. 2013 kam sie zurück und gewann ihren zweiten Giro - mit einem noch immer extrem mageren Körper. Und auch 2016 ist sie kein Muskelpaket geworden, scheint aber genug Kraft für Giro-Sieg Nummer drei zu haben.

Am Mortirolo deklassierte das Fliegengewicht ihre Konkurrenz förmlich. Sie attackierte bereits in den ersten der insgesamt 33 Kehren und fuhr während der 12 Kilometer langen und im Schnitt mehr als 11 Prozent steilen Steigung mehr als vier Minuten Vorsprung auf die Gruppe der Mitfavoritinnen heraus.

Einzig Emma Pooley (Lotto-Soudal) blieb am Berg halbwegs in Schlagdistanz. Die Britin, die während der ersten fünf Giro-Tage hinter den Erwartungen zurückgeblieben war und sich bereits viel Rückstand eingehandelt hatte, fuhr zwei Minuten nach Abbott über den Pass, war allerdings mit Vorsprung in die Steigung gestartet, da sie während der flachen 30 Auftaktkilometer in eine Ausreißergruppe gegangen war.

"Ich wusste, dass es wegen der Abfahrt schwer sein würde, die Etappe zu gewinnen. Aber ich bin froh, dass ich am Berg hart fahren und sehen konnte, wo ich stehe", erklärte Pooley, die wegen der Olympischen Spiele vom Triathlon in den Straßenradsport zurückgekehrt ist, bislang aber Ergebnisse schuldig blieb. Die Olympia-Nominierungen des Britischen Verbandes wurden daher öffentlich hinterfragt. "Wenn man Zweifel spürt, ist das hart. Und wenn ich in dieser Woche nicht in der Lage gewesen wäre, gut zu klettern, dann hätte ich die Nominierung abgelehnt", so Pooley. Doch am Mortirolo gehörte sie zu den zehn Schnellsten, was Zweifler angesichts des harten Olympia-Kurses in Rio verstummen lassen sollte.

Pooleys Abfahrtschwäche sorgte allerdings dafür, dass sie von der neunköpfigen Favoritengruppe um ihre Teamkollegin Lichtenberg, sowie Titelverteidigerin Anna Van der Breggen (Rabo-Liv) und die Gesamtführende Evelyn Stevens (Boels-Dolmans) eingeholt und schließlich abgehängt wurde. Die Gruppe ging nach 16 welligen Kilometern auf dem Bergrücken des Mortirolo-Passes mit 4:23 Minuten Rückstand auf Abbott in die Abfahrt zum Ziel und schlug dort vor allem dank Lichtenberg ein Höllentempo an.

"Claudia war in der Abfahrt super stark. Sie war so schnell - verrückt! Dadurch sind Stevens, Van der Breggen und auch Pooley zurückgefallen", erzählte Ex-Weltmeisterin Guderzo im Ziel in Tirano. Die Italienerin sowie ihre Landsfrau Longo Borghini und Guarnier aus den USA waren die einzigen drei, die Lichtenberg folgen konnten. Das Quartett erreichte den Zielstrich in Tirano schließlich nur 37 Sekunden nach Abbott und Longo Borghini sprintete vor Guderzo auf Etappenrang zwei.

Dass sie auf den letzten 20 Kilometern fast vier Minuten auf die US-Amerikanerin gutmachten, lag aber nicht nur an Lichtenbergs Abfahrtskünsten, sondern auch an einem Sturz der Siegerin. "Da waren teilweie recht große Schlaglöcher und ich habe eines davon genau getestet - das war keine gute Idee! Ich bin ziemlich heftig gestürzt", so Abbott, die nach der Siegerehrung aber keine allzu großen Schmerzen mehr zu haben schien.

Enttäuschend verlief die Etappe für die im Weißen Trikot fahrende Polin Katarzyna Niewiadoma (Rabo-Liv). Durch ihre Auftritte an den ersten Tagen der Rundfahrt avancierte die Gesamtdritte von 2014 von der Edelhelferin der schwächelnden Titelverteidigerin Van der Breggen zu einer der größten Favoritinnen auf den Gesamtsieg. Am Mortirolo aber zerplatzte der Traum der 21-Jährigen, nachdem sie dem ersten Angriff von Abbott noch als einzige hatte folgen können.

"Zunächst konnte ich ihr Tempo noch gut mitgehen, aber dann habe ich Probleme mit dem Herz bekommen, musste ruhiger fahren und konnte dem Rhythmus der Anderen nicht mehr folgen", erklärte Niewiadoma mit feuchten Augen. 4:26 Minuten nach Abbott kam sie als Zwölfte ins Ziel und hat nun 3:49 Minuten Rückstand auf das Rosa Trikot - da konnte auch die Verteidigung ihrer Führung in der Nachwuchswertung wenig trösten. "Ich bin wirklich, wirklich enttäuscht. Es ist nie schön zu spüren, dass Du nicht das kannst, was Du willst."

Beeindruckend hingegen war der Auftritt von Doris Schweizer (Cylance). Die Schweizer Meisterin ist beim Giro Rosa beste Klettererin ihres Teams und nutzte die ihr deshalb gewährten Freiheiten am Mortirolo hervorragend. Sie erreichte den Gipfel mit der Favoritengruppe und litt schließlich lediglich unter ihrer gravierenden Abfahrtschwäche. 2:48 Minuten hinter Abbott wurde sie Tageszehnte und rückte auch in der Gesamtwertung auf diesen Platz vor - mit 4:42 Minuten Rückstand auf die US-Amerikanerin.

Gesamtzweite ist nun Abbotts Landsfrau Megan Guarnier (Boels-Dolmans) mit zehn Sekunden Rückstand vor Abbotts Teamkollegin Elisa Longo Borghini (+ 0:15 Minuten). Lichtenberg (+ 0:33) folgt auf Rang vier vor Guderzo (+ 0:38) und Stevens (+ 1:22), die in der Abfahrt knapp anderthalb Minuten auf ihre Kontrahentinnen einbüßte. Van der Breggen verlor bergab 59 Sekunden, ist als Gesamtsiebte mit 2:10 Minuten Rückstand auf Abbott dank ihrer Zeitfahrqualitäten aber noch immer eine Kandidatin auf den Giro-Sieg.

Weiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößern

Mehr Informationen zu diesem Thema

04.04.2025Rettet Weltmeisterin Kopecky Belgiens heiligen Sonntag?

(rsn) – Die Bilder gingen vor einem Monat um die Welt: Ein neunjähriges Mädchen erklomm auf ihrem Rennrad vor dem Omloop Nieuwsblad die Mauer von Geraardsbergen, bejubelt von vielen tausend Zuscha

04.04.2025Die Aufgebote für die 22. Flandern-Rundfahrt der Frauen

(rsn) – Zum mittlerweile 22. Mal steht die Flandern-Rundfahrt der Frauen (1.WWT) im Programm. Rund um Oudenaarde müssen die Fahrerinnen aus 24 Teams insgesamt 168,9 Kilometer absolvieren, wobei zwÃ

04.04.2025Schrempf: Radprofi mit Bildungsauftrag vor zweiter Ronde

(rsn) – Vor fünf Jahren schnürte Carina Schrempf (Fenix – Deceuninck) noch ihre Laufschuhe. Erst eine Fußverletzung brachte sie dann dem Radsport näher - dass sie sich aber wenig später mit d

03.04.2025Die Strecke der Flandern-Rundfahrt der Frauen 2025

(rsn) – Seit Jahr und Tag ist Oudenaarde das Zentrum der Flandern-Rundfahrt der Frauen. Auch die 22. Ausgabe des Rennens startet hier, seit 2012 befindet sich hier zudem in der Minderbroedersstraat

03.04.2025Niewiadoma hofft bei der Ronde auf die Power aus dem Vorjahr

(rsn) - Diese Szene gefiel Kasia Niewiadoma (Canyon – SRAM – zondacrypto) beim gestrigen Dwars door Vlaanderen (1.Pro) überhaupt nicht: Als Elisa Longo Borghini (UAE - ADQ) zu ihrem letztendlich

03.04.2025Erholt sich Visma-Kapitänin Vos rechtzeitig zur Flandern-Rundfahrt?

(rsn) – Wenn es am kommenden Sonntag bei der 22. Flandern-Rundfahrt der Frauen (1.WWT) auf der Zielgerade in Oudenaarde zum finalen Sprint einer kleineren Gruppe kommen sollte, könnte Marianne Vos

03.04.2025Flandern-Rundfahrt der Frauen: Die letzten zehn Jahre

(rsn) – Die Flandern-Rundfahrt der Frauen ist das älteste durchgängig ausgetragene unter den Monumenten im Frauen-Kalender – und nach der Trofeo Alfredo Binda sowie dem Flèche Wallonne und dem

02.04.2025Highlight-Video des 13. Dwars door Vlanderen der Frauen

(rsn) - Elisa Longo Borghini (UAE Team ADQ) ist bereit für die Titelverteidigung bei der am Sonntag anstehenden Flandern-Rundfahrt. Das bewies die Italienische Meisterin eindrucksvoll bei der 13. Aus

02.04.2025Longo Borghini nimmt in Waregem Revanche für Sanremo

(rsn) – Elisa Longo Borghini (UAE Team ADQ) hat mit einem Solo von rund 25 Kilometern erstmals in ihrer Karriere Dwars door Vlaanderen (1.Pro) der Frauen für sich entschieden. Die Italienische Meis

31.03.2025Wiebes‘ unglaubliche Statistiken: Die Zahlen hinter der “100“

(rsn) – Ihren ersten UCI-Sieg feierte Lorena Wiebes im Jahr 2018. Das war damals im Mai beim Dorpenomloop in Aalburg, einem Rennen, das heute nicht mehr ausgetragen wird. Damals war sie 19 Jahre alt

31.03.2025Kool schafft bei Gent-Wevelgem den Befreiungsschlag

(rsn) – Auch wenn die Weltklasse-Sprinterin Charlotte Kool (Picnic – PostNL) beim überlegenen Sieg von Lorena Wiebes (SD Worx – Protime) bei Gent-Wevelgem (1.UWT) chancenlos aussah, war die 25-

30.03.2025Wiebes macht die 100 voll und feiert Titelverteidigung

(rsn) – Lorena Wiebes (SD Worx – Protime) hat bei der 12. Ausgabe von Gent-Wevelgem in Flanders Fields Women Elite die Konkurrentinnen erwartungsgemäß in den Schatten gestellt und nach 168, 9 K

Weitere Radsportnachrichten

04.04.2025Flandern-Favoriten: Wer hält Belgiens Fahne hoch?

(rsn) – Und wieder einmal steht sie auf dem Programm: die Flandern-Rundfahrt. “Vlaanderens Mooiste“, wie die Einheimischen sagen. Mitunter ist vom wichtigsten Wochenende des Jahres die Rede, hie

04.04.2025Van der Poel: “Tadej und ich stehen ein bisschen über dem Rest“

(rsn) – Mit einem vierten Sieg am Sonntag könnte Mathieu van der Poel alleiniger Rekordhalter der Flandern-Rundfahrt werden. Doch diese Marke steht nicht im Fokus des Niederländers, der als Titelv

04.04.2025Van Aert baut bei der “Ronde“ auf kollektive Visma-Stärke

(rsn) – In den vergangenen Jahren zählte Wout van Aert (Visma – Lease a Bike) in schöner Regelmäßigkeit zu den Top-Favoriten der Flandern-Rundfahrt. Doch ausgerechnet beim wichtigsten belgisch

04.04.2025Die Aufgebote für die 109. Flandern-Rundfahrt

(rsn) – Mit der Flandern-Rundfahrt (1.UWT) steht am Sonntag der Höhepunkt der flämischen Klassikerwochen an. Die 109. Ausgabe der “Ronde“ führt über 269 Kilometer Wochenende von Brügge nach

04.04.2025Rettet Weltmeisterin Kopecky Belgiens heiligen Sonntag?

(rsn) – Die Bilder gingen vor einem Monat um die Welt: Ein neunjähriges Mädchen erklomm auf ihrem Rennrad vor dem Omloop Nieuwsblad die Mauer von Geraardsbergen, bejubelt von vielen tausend Zuscha

04.04.2025Die Aufgebote für die 22. Flandern-Rundfahrt der Frauen

(rsn) – Zum mittlerweile 22. Mal steht die Flandern-Rundfahrt der Frauen (1.WWT) im Programm. Rund um Oudenaarde müssen die Fahrerinnen aus 24 Teams insgesamt 168,9 Kilometer absolvieren, wobei zwÃ

04.04.2025Auch Vuelta benennt die 23 teilnehmenden Teams

(rsn) – Nach der Tour de France und dem Giro d’Italia hat nun auch die dritte Grand Tour des Rennkalenders ihre Team-Selektion präsentiert. Bei der 80. Vuelta a Espana (23. August – 14. Septemb

04.04.2025Schrempf: Radprofi mit Bildungsauftrag vor zweiter Ronde

(rsn) – Vor fünf Jahren schnürte Carina Schrempf (Fenix – Deceuninck) noch ihre Laufschuhe. Erst eine Fußverletzung brachte sie dann dem Radsport näher - dass sie sich aber wenig später mit d

04.04.2025Nach Gelb auch Grün: Girmay gibt wie Pogacar Roubaix-Debüt

(rsn) – Neben Tadej Pogacar (UAE Team Emirates – XRG) wird auch Biniam Girmay (Intermarché – Wanty) am 13. April sein Debüt bei Paris-Roubaix sein Debüt bei Paris-Roubaix geben. Nachdem der S

04.04.2025Update für die Dura-Ace-Laufräder? Van der Poel als Testpilot

(rsn) - Mathieu van der Poel (Alpecin - Deceuninck) ist beim E3 Saxo Classic nicht nur mit seinem souveränen Sieg, sondern auch mit seinem Material aufgefallen. Der Niederländer war dort mit einem u

04.04.2025Jagd auf das Lila Trikot: Rad-Bundesliga startet am Wochenende

(rsn) - Am Wochenende startet die Rad-Bundesliga 2025. Während für die Männer bereits am Samstag beim Großen Preis der südlichen Weinstraße in Schweigen der Startschuss fällt, kämpfen die Frau

03.04.2025Die Strecke der Flandern-Rundfahrt der Frauen 2025

(rsn) – Seit Jahr und Tag ist Oudenaarde das Zentrum der Flandern-Rundfahrt der Frauen. Auch die 22. Ausgabe des Rennens startet hier, seit 2012 befindet sich hier zudem in der Minderbroedersstraat

RADRENNEN HEUTE

    Radrennen Männer

  • Tour of Hellas (2.1, GRE)
  • La Route Adélie de Vitré (1.1, FRA)
  • Jamaica International Cycling (2.2, 000)