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Van Aert und Evenepoel im Zeitfahren geschlagen

Titelverteidiger Ganna verdirbt den Belgiern den WM-Auftakt

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Titelverteidiger Ganna verdirbt den Belgiern den WM-Auftakt"
Das Podium der Zeitfahr-WM, v.l.: Wout Van Aert, Filippo Ganna, Remco Evenepoel | Foto: Cor Vos

19.09.2021  |  (rsn) – Filippo Ganna hat sein Regenbogentrikot in Brügge erfolgreich verteidigt und den Gastgebern den WM-Auftakt verhagelt. Der Italiener siegte auf dem 43,4 Kilometer langen Parcours mit nur sechs Sekunden Vorsprung auf den Belgier Wout Van Aert, der wie im Vorjahr Zweiter wurde. Dessen Landsmann Remco Evenepoel sicherte sich mit 44 Sekunden Rückstand Bronze.

Der Deutsche Zeitfahrmeister Tony Martin beendete das letzte Einzelzeitfahren seiner Karriere auf dem respektablen sechsten Rang (+1:18), Maximilian Walscheid (Deutschland) verpasste als Elfter (+1:54) die Top 10 um nur eine Sekunde.

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Nur zwei Mal betrug bei einer Zeitfahr-Weltmeisterschaft der Abstand zwischen Gold und Silber bisher weniger als sechs Sekunden. 1997 gewann Laurent Jalabert mit drei Sekunden Vorsprung vor Serhiy Honchar, 2003 lagen zwischen dem Weltmeister Michael Rogers und dem zweitplatzierten Uwe Peschel sogar nur 65 Hundertstelsekunden. In Imola betrug der Abstand zwischen den beiden Ersten letztes Jahr noch 26 Sekunden. Nach einem für ihn enttäuschenden zweiten Platz bei der Europameisterschaft im Zeitfahren vor zwei Wochen schlug Ganna im WM-Rennen zu. “In der letzten Woche hat sich meine Form sehr verbessert. Vor der EM war ich im Höhentrainingslager, dadurch waren meine Beine in Trento nicht so gut. Aber als ich heute wach wurde, merkte ich direkt, dass ich gute Beine hatte“, erzählte der alte und neue Weltmeister im Sieger-Interview.

Ganna verdrängte Van Aert noch auf den Silberplatz

Ganna war als letzte Fahrer gestartet und verdrängte schließlich die beiden Belgier von den ersten beiden Plätzen. Dennoch erhielt er vom kurz zuvor angekommenen Van Aert eine Umarmung. “Wir haben alle Respekt voreinander. Wenn ich starte, will ich gewinnen. Wenn das Rennen vorbei ist, können wir uns trotzdem gratulieren und umarmen“, erklärte der Italiener. “Ich danke ihnen, dass sie mich motiviert haben und zu Höchstleistungen angetrieben haben. Das Trikot ist für mich sehr wichtig und ich hoffe, es nächstes Jahr würdig präsentieren zu können“, fügte Ganna an.

Trotz der sportlichen Geste war dem Zweitplatzierten nicht zum Lachen zumute. Silber im WM-Zeitfahren 2020, Silber im Straßenrennen vier Tage später, Silber bei der Cross-WM in Oostende, Silber im Olympischen Straßenrennen in Tokio - und jetzt noch Silber im WM-Zeitfahren 2021 lautete die Bilanz des 27-Jährigen. “Glücklich bin ich nicht. Ich habe ein gutes Rennen gefahren, aber das ist das Silber zu viel für mich. Eigentlich muss ich zufrieden sein, aber vom Gefühl her ist es einfach nur schade“, stellte der enttäuschte Van Aert im Sporza-Studio fest.

“Nur sechs Sekunden hinter Ganna ist eigentlich top. Trotzdem ich werde zu Hause mal zählen, wie viele Silbermedaillen ich habe. Oder vielleicht doch besser nicht, denn das macht mich nicht glücklicher“, so Van Aert, der einen Schreckmoment erlebte, als er in einer Kurve kurz in Rutschen geriet, aber einen Sturz vermeiden konnte. Sein nächstes Ziel ist nun am kommenden Sonntag das Straßenrennen dieser Weltmeisterschaften. “Ich werde morgen ein langes, ruhiges Training machen und dann zwei Tage Ruhe halten. Danach geht es mit Intensität in Richtung Sonntag“, kündigte Van Aert an.

Evenepoel mit Bronze weniger zufrieden als Martin mit Rang sechs

Auch Evenepoel unterlief unterwegs ein Malheur. In einer Kurve geriet der 21-Jährige in ein kleines Schlagloch, wodurch er seine Trinkflasche verlor. “Ich hatte das Gefühl, dass ich über einen Stein fuhr. Kurz danach griff ich zu meiner Flasche, aber die war nicht mehr zu sehen“, lachte Evenepoel. Trotzdem fuhr er wie in Trento zur Bronzemedaille, dieses Mal allerdings gegen noch stärkere Konkurrenz.

Dementsprechend zufrieden war der 21-Jährige auch im Sporza-Studio. “Bei der EM habe ich gelernt, dass Tempo einteilen sehr wichtig ist. Ich war da zu schnell gestartet und das hatte mich vielleicht Gold gekostet“, vermutete er. “Für die WM haben wir einen Pacing-Plan gemacht“, fügte Evenepoel an. Hundertprozentig glücklich war aber auf der Jungstar nicht: “Wir wollten zwar zusammen auf dem Podium stehen, aber nicht als Zweiter und Dritter.“

Die beiden deutschen Starter zeigten gute Leistungen. Der 36-jährige Martin verpasste die angepeilten Medaillenränge zwar, war als Sechster aber bester Deutscher. “Ich bin zufrieden. Ich habe sicherlich mit dem Podium geliebäugelt, aber ich habe auch gesagt, dass dann wirklich alles gut zusammenlaufen muss für mich“, sagte Martin gegenüber radsport-news.com. Auch Walscheid war direkt nach seinem Zieleinlauf zufrieden über seine Leistung: “Ich bin zügig losgefahren und habe schnell meinen Rhythmus gefunden und konnte den auch bis zum Ende durchhalten“, so der WM-Elfte zu radsport-news.com.

 

So lief das Rennen:

Als erster Fahrer erreichte der als Zweiter gestartete Matteo Sobrero das Ziel. Die Zeit des Italienischen Meisters wurde durch den sensationellen Briten Daniel Bigham allerdings fast um eine Minute unterboten. Der 29-Jährige durfte sich aber nur gut kurz freuen, weil nämlich Walscheid die Bestzeit um weitere 17 Sekunden unterbot.

Der Heidelberger hatte eine sehr gute letzte Rennphase, denn auch der Slowene Jan Tratnik, der bei der letzten Zwischenzeit wie Bigham noch vor dem Deutschen lag, war im Ziel hinter ihm. Der Schweizer Stefan Bissegger allerdings unterbot die Zeit Walscheids um 28 – und hinter ihm tauchte bereits Evenepoel auf, der nochmal sagenhafte 42 Sekunden schneller unterwegs war. Für Bissegger reichte es schließlich zu Rang sieben.

Obwohl Evenepoels Bestzeit lange Bestand hatte, wurde an den Zwischenzeiten bereits deutlich, dass Evenepoel die Goldmedaille nicht würde gewinnen können. Tony Martin kam als zwischenzeitlicher Zweiter ins Ziel, der Däne Kasper Asgreen verpasste Evenepoels Bestzeit nur um zwei Sekunden und wurde am Ende Vierter. Auch Europameister Stefan Küng war bei der ersten Zwischenzeit schneller als der junge Belgier, doch auch der Schweizer konnte Evenepoel nicht vom Hot Seat verdrängen und belegte schlussendlich Rang fünf.

Als vorletzter Starter verbesserte zunächst Van Aert die Bestzeit um 38 Sekunden. Den belgischen Doppeltriumph verhinderte dann aber Ganna verhindert werden, der nochmal sechs Sekunden schneller war als der dreifache Crossweltmeister.

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