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15.07.2013 | (rsn) - Ich sage es gleich vorweg: Ich habe keine Antwort auf die Frage, ob wir am Mont Ventoux von Chris Froome einen Auftritt gesehen haben, der abartig oder grandios war.Aber seiner Reaktion heute stimme ich 100% zu, auch wenn ich mich nicht auf seine Seite schlagen will: Sein "That’s not cool!" kann ich nachvollziehen.
Denn nach einer historischen Leistung eine Art Kreuzverhör über sich ergehen lassen zu müssen, würde wohl jeden mächtig nerven. Während anderswo im Anschluss an vergleichbare Triumphe epochal investigativ (nach obligatorischer Gratulation vorweg) gefragt wird, wie sich der werte Herr denn nun fühle, was ihn bewege, wem er danke, wo die Party steige, herrscht im Radsport in recht einzigartiges Freu- und Feierverbot.
Das hat sich der Radsport global selbst eingebrockt, da muss er durch und das soll ihm auch keiner ersparen. Aber der jeweils einzelne Athlet darf davon schon, auf Deutsch gesagt, angekotzt sein. Bradley Wiggins ist ja in ähnlicher Situation letztes Jahr ein Wort mit dem Anfangsbuchstaben seines Nachnamens rausgerutscht.
Verbrannte Erde, gebranntes Kind
Doch der Mann im Gelben Trikot muss sich zusammenreißen. Und Froome weiß ja, dass uns unfassbar nette Leute wie Tyler Hamilton jahrelang höflichst und verständnisvollst belogen haben. Dass ein Krebs-Überlebender mit Blick auf seine Rolle als globaler Hoffnungsspender jeden Verdacht nachvollziehbar als absurd brandmarkte, dass man eine Liste erstellen kann, auf was schon alles dreist geschworen wurde: Frauen, Kinder, Hunde, Augenlicht, Gräber.
Zahllose Lügner und Betrüger haben verbrannte Erde hinterlassen, als Zuschauer ist man das berühmte gebrannte Kind: Man will sich nicht schon wieder emotional jene Finger verbrennen, die schon voller Narben sind.
Deshalb: "That’s not cool" gilt auch für meinen Job in solchen Situationen: Es nervt fürchterlich, sich angesichts dünner Faktenlage viel zu tief in Grauzonen herumzutreiben und doch kein belastbares Urteil anbieten zu können. Die Experten streiten sich um Messpunkte, Windgeschwindigkeiten und Temperaturunterschiede beim Versuch, eine Watt-Zahl an Froomes Leistung zu heften und feinden sich dabei fleißig an. Es wäre so viel einfacher, wenn man Gewissheiten statt Glaubenskämpfe hätte.
Zumal, wenn nationale Blickwinkel hinzukommen. Müde lächelnd wird kolumbianische oder britische Begeisterung mit wissendem Nicken abgetan: 'Die werden schon noch ihr böses Erwachen erleben...'. Mit welchem Recht? Gleichzeitig reagiert der deutsche Fan eher gereizt, wenn andere als einzigen Kommentar zu den vielen Erfolgen in dieser Tour mit dem Finger das Auge nach unten ziehen.
Aber mal vorsichtig gefragt: Wenn Kittel Martin und Co. zumindest einen Minimum an Vertrauensvorschuss verdient haben – warum dann eigentlich nicht Froome?
Und wenn er sauber wäre?
In die fast schon verzweifelte Suche nach Beweisen für Froomes angeblich völlig offensichtlich irgendwie manipulierte Leistung mischt sich eine Stimme, die eine fast ketzerische Frage stellt. Sie gehört dem immer wieder gern zitierten Paul Kimmage, der einer der Leuchttürme in der so schwer überschaubaren, nebulösen Diskussion ist. In seiner irischen Heimatzeitung präsentiert er schon vor dem Ventoux einen Gedanken, den irgendwie sonst keiner so richtig aussprechen traut.
"Was, wenn Froome tatsächlich gerade eine der wahrhaft großartigen Leistungen gezeigt hat?" Und er fragt sich, den vielleicht größten aller Skeptiker, hinterher: "Was muss passieren, damit wir wieder bereit sind, einen Vertrauensvorschuss zu geben?"
Ein Ende der Jagd auf die Doper? Niemals. Aber ein Ende der Hexenjagd. Des Generalverdachts. Eine Rückkehr zum Blick auf den Einzelfall – und dann als Konsequenz manchmal den Mut zur nicht befriedigenden Feststellung: Man kann es nicht mit Sicherheit sagen.
Das ist kein schönes Ergebnis für einen Journalisten, das macht weniger Spaß als klare Kante am Stammtisch. Aber es kommt der Wahrheit wohl am nächsten, und darum geht es doch.
Froome nicht über der roten Linie
In der aufgeheizten Diskussion um Wattzahlen und Kletterrekorde, wo jetzt jeder mit einer Stoppuhr angeblich sofort den Daumen heben und senken kann, erinnern die ruhigeren der Experten daran, dass man mit Topleistungen bei der Tour rechnen muss. Klingt banal, ging aber irgendwie unter zuletzt – wenn die weltbesten Athleten beim Saisonhöhepunkt ihr Maximum abrufen, ist das etwas mehr als Sportabzeichen oder Bundesjugendspiele...
Um nur Fred Grappe, den Coach von FDJ, und Ross Tucker, einen südafrikanischen Sportwissenschaftler heranzuziehen: Es ist möglich, dass Froome einen außergewöhnlichen "Motor" hat, aus dem auf sauberem Wege mehr Leistung kommt, als aus den mit Doping getunten Modellen früherer Tour-Sieger. Und ja, seine Leistungen sind an der oberen Grenze dessen, was menschlich machbar ist und daher mit großer Vorsicht zu genießen. Aber sie sind nicht jenseits von Gut und Böse.
Denn außergewöhnliche Leistungen gehören zum Sport, die große Kunst ist nur, dabei die schmutzigen Bestmarken von den echten athletischen Sternstunden zu trennen. Das Problem bewegt ja nicht nur den Radsport.
Aktuell hat die Leichtathletik mit den positiven Test bei den drei schnellsten Männern des Jahres zu kämpfen. Für viele der logische Umkehrschluss: Dann muss Usain Bolt auch ein Doper sein, denn dessen Rekordmarke ist ja noch schneller. Auch hier kann ich nur sagen: Gut möglich, aber vielleicht ist er wirklich ein Ausnahmeathlet? Immerhin ist der Jamaikaner schon mit 16 Jahren die 200m schneller gelaufen als je ein deutscher Sprinter überhaupt. Hat man Bolt also in Manier von DDR-Schwimmerinnen schon sehr jung mit verbotenen Mitteln gepäppelt, obwohl er Medaillen bei den "Großen" da noch lange nicht gewinnen konnte?
Ausnahmeathleten sind Ausnahmen
Mir geht bei dieser Grundsatzdiskussion ein Gespräch von einem Fachmann aus einer ganz anderen Ecke nicht aus dem Kopf. Wolfgang Pichler war viele Jahre der Coach der schwedischen Biathleten, inzwischen ist er in Russland aktiv. Vor allem aber ist er die klarste Stimme gegen Doping im ganzen Wintersport. Es ist schon einige Jahre her, dass wir uns einst im Spätsommer über Team Telekom, geplatzte Illusionen und Betrug im Hochleistungssport unterhielten.
Und Pichler erinnerte an einen Punkt, der so oft in der Gleichmacherei vergessen wird: Es gibt immer wieder absolute Ausnahmetalente, ob nun in Sport, Musik, Wissenschaft. Und er weiß, wovon er spricht: Er hat ein solches Juwel zur vielleicht größten Biathletin aller Zeiten gemacht - die sechs Gesamtweltcupsiege von Magdalena Forsberg sind noch immer unerreicht. Pichler ist zutiefst überzeugt, dass alle Siege, alle Medaillen der Schwedin sauber erzielt wurden.
Das gibt keine Garantie für irgendeine andere Leistung, keine Frage. Aber die Option überhaupt wieder im Kopf zuzulassen, dass man hin und wieder wirklich grandiose Sportmomente erlebt, wäre schon was. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob der Ventoux 2013 einer davon war oder nicht.
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