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06.01.2023 | (rsn) – Nadine Gill kennt man jetzt. Die gebürtige Heidelbergerin hat in der Saison 2022 international auf höchstem Level auf sich aufmerksam gemacht und sich so einen Zweijahresvertrag bei Ceratizit – WNT erarbeitet. Doch wie Gill im Rückblick gegenüber radsport-news.com erklärte, war sie selbst mit ihrem Jahr gar nicht so zufireden. Sie erwartet mehr von sich und das heißt: Man darf gespannt sein, wohin der Weg der 31-Jährigen noch führen wird.
"Ich bin auf jeden Fall zufriedener als 2021, aber trotzdem nicht ganz zufrieden. Das ist mir jetzt beim Jahreswechsel nochmal aufgefallen. Ich weiß einfach, dass ich noch einige Fehler gemacht habe und noch viel Potenzial ausschöpfen könnte. Ich kann die kleinen Fortschritte schätzen, möchte aber auf jeden Fall noch mehr", erklärte Gill nach einer Saison, die man durchaus mit dem Prädikat internationaler Durchbruch versehen kann.
Gill fuhr zahlreiche Top-Ten-Resultate ein und glänzte vor allem im Monat Mai, dem Saisonhöhepunkt ihres baskischen Teams Sopela. Sie wurde bei der Ruta del Sol (2.1) und beim GP Eibar (1.1) jeweils Fünfte und mischte sich auch bei den WorldTour-Rundfahrten im Baskenland sowie in Burgos bergauf unter die Besten der Welt. Anschießend wurde sie Sechste im DM-Einzelzeitfahren und Dritte im DM-Straßenrennen im Sauerland.
"Ich glaube, die, die mich richtig kennen, wissen, dass mehr drin ist. Aber wenn man von außen mit den Vorjahren vergleicht, ist es natürlich eine große Steigerung", ordnete Gill ihre Resultate ein.
___STEADY_PAYWALL___ Nach verkorkstem 2021 wieder ein deutlicher Aufwärtstrend
Denn auch wenn die Späteinsteigerin – die Mitarbeiterin des Auswärtigen Amts ist erst vor wenigen Jahren während einem Einsatz in Brasilien vom Laufen zum Radsport gekommen – bei ihrem Giro-Debüt 2020 Potenzial andeutete und Bundestrainer André Korff sie für 2021 erstmals in den BDR-Kader aufnahm, so durchlebte Gill damals ein schwarzes Jahr. Pfeiffersches Drüsenfieber und allerlei Probleme stoppten ihren Aufwärtstrend.
Nadine Gill (Sopela, links) bestimmt das Tempo am Berg bei den Deutschen Meisterschaften 2022. | Foto: Cor Vos
Zur Saison 2022 wechselte Gill ihren Trainer, arbeitet nun mit Björn Kafka zusammen, und konnte sich wieder ruhiger vorbereiten – auf eine, das war von Beginn an klar, sehr konzentrierte Saison. Das kleinere UCI-Team Sopela hatte seinen Fokus auf spanischen Rennen und so rückte vor allem der Mai in Gills Blick, um sich auf großer Bühne zu präsentieren.
"Ich wusste, wenn ich eine Chance auf einen Vertrag bei einem größeren Team haben will, muss ich im Mai etwas zeigen", sagte sie nun. "Durch die kleinen spanischen Rennen im März und April habe ich dann wieder etwas Selbstbewusstsein gefasst." Und so kamen auf der Iberischen Halbinsel dann starke Ergebnisse zustande, mit denen sie selbst aber gar nicht so glücklich war.
Fokus auf den Mai öffnete die Tür zum Profi-Vertrag
"Ich habe es oft einfach nicht als Ergebnis umsetzen können und bin ohne Rückstand knapp am Podium vorbei – wenn man es zum Beispiel mit Ricarda Bauernfeind vergleicht. Sie ist deutlich sprintstärker. Und deshalb ist es für mich einfach noch nicht zufriedenstellend: Ich war immer da, aber nie dabei (auf dem Podium)", blickte Gill konkret vor allem auf die Ruta del Sol und den GP Eibar zurück, wo sie an vier Tagen nie mehr als zwei Sekunden vom Podestplatz und nur einmal mehr als drei Sekunden vom Sieg weg war, dennoch jeweils mit den Plätzen fünf, vier, sechs und fünf vorlieb nehmen musste.
Neue Farben für 2023: Nadine Gill hat für zwei Jahre bei Ceratizit - WNT unterschrieben und trägt nun Blau-Rot. | Foto: Ceratizit - WNT
Als Bewerbung für ein größeres Team reichte das dennoch. Im Mai sprach sie Ceratizit-Teamchef Dirk Baldinger in Spanien an und bald wurde ein Vertrag für 2023 und 2024 unterschrieben, so dass Gill ihre zunächst zweijährige Beurlaubung beim Auswärtigen Amt auf vier Jahre verlängerte – unter Wegfall aller Bezüge natürlich, denn im Gegensatz zu Bundeswehr oder Bundespolizei kennt das Auswärtige Amt keine Sportförderung.
So war im Sommer schon klar, dass Gill zumindest 2023 und 2024 vom und für den Radsport leben würde. Denn was ab August lief, erinnerte dann doch wieder eher an das verkorkste 2021: Sopela hatte nicht mehr viele Rennen im Programm, lediglich kleinere Events in Frankreich – und Gill schielte dabei vor allem auf die schwere Ardeche-Rundfahrt im September. Doch eine Virusinfektion setzte die 31-Jährige, die inzwischen mit ihrem brasilianischen Mann am Chiemsee wohnt, wieder außer Gefecht und beendete ihre Saison.
"Im Amateurbereich hatte ich viel Glück und es lief immer für mich, aber das ist es bei den Profis jetzt eben noch nicht", erklärte Gill und fasste dann konkret zusammen, warum sie bislang wohl noch nicht ganz zufrieden mit sich selbst und ihrer Radsportkarriere sei: "Ich habe mich nie richtig fit und austrainiert gefühlt diese Saison. Ich kenne es vom Laufen, dass da nicht mehr viel Luft war und ich am Limit war. Aber das ist beim Radfahren bisher nicht so."
2023 soll das nun anders werden und Gill blickt voller Motivation voraus. Denn die Abläufe, die Organisation und auch die Möglichkeit, sich rein aufs Sportliche zu konzentrieren, seien durch den Wechsel zu Ceratizit – WNT große, positive Veränderungen für sie.
Mehr Trainingslager, mehr Rennen - mehr Spitzenergebnisse?
Beispielsweise habe sie im Winter 21/22 ein einziges Trainingslager auf den Kanaren mit ihrem Mann absolviert - und zwar den gemeinsamen Urlaub - und sei ansonsten meist mit dem Mountainbike durch Süddeutschland gefahren. In diesem Winter nun war sie schon im Dezember mit dem Team in Italien im ersten Camp, reist nun am heutigen Freiitag nach Mallorca zum Trainingslager des BDR und von dort anschließend weiter aufs spanische Festland zum nächsten Camp mit Ceratizit – WNT.
Hinter Liane Lippert und Ricarda Bauernfeind wurde Nadine Gill Dritte bei der DM am Hohen Asten im Sauerland. | Foto: Cor Vos
Nach den Deutschen Meisterschaften im Juni formulierte Gill ihr langfristiges Ziel gegenüber radsport-news.com sehr forsch: "Ziel ist eine der besten Bergfahrerinnen der Welt zu sein", sagte sie damals. Darauf angesprochen grinst sie ein halbes Jahr später: "Das bleibt auch auf jeden Fall das allgemeine Ziel! Und ansonsten möchte ich einfach die Chancen besser nutzen, bei Rennen, wo ich schon nah dran war – also auf dem Papier einfach die Ergebnisse verbessern. Ich will einfach eine bessere Fahrerin werden. Ich habe es theoretisch in den Beinen, aber manchmal nicht im Kopf."
Ihren ersten Saisoneinsatz wird Gill schon am 29. Januar in Almeria haben. Danach steht mit der UAE Tour bereits die erste WorldTour-Rundfahrt auf dem Programm und anschließend die Valencia-Rundfahrt (2.Pro) als "erstes Highlight", wie sie selbst sagte. Von dort soll es weiter zu Strade Bianche und später im Frühjahr auch zu den Ardennen-Klassikern sowie über den spanischen Mai schließlich zur Tour de France gehen, umriss sie grob die Planung ihrer ersten Jahreshälfte – viele Rennen, die ihr mit bergigem Profil entgegenkommen. Man sollte 2023 also ein Auge auf Nadine Gill haben.
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