Müllers Ronda-Filipinas-Tagebuch

Nichts ging mehr!

Von Robert Müller

Foto zu dem Text "Nichts ging mehr!"
Geschafft! Robert Müller nach der 1. Etappe der Ronda Filippinas | Foto: Robert Müller

08.02.2019  |  (rsn) - Hallo aus Iloilo, Panay, Philippinen! Heute stand mit 197 Kilometer plus 13 Kilometer Neutralisation gleich die längste Etappe auf dem Programm. Die Strecke führte mit Rückenwind an der Küste entlang nach Westen, dann wurde eine Runde mit der einzigen Bergwertung gedreht und anschließend ging es die selbe Straße an der Küste bei Gegenwind wieder zum Ausgangspunkt zurück. Die Bergwertung wurde von den einheimischen Fahrern als relativ harmlos beschrieben, aber alle warnten vor den schlechten Straßen, die wirklich sehr schlecht sein sollten. Ich dachte mir, dass es schon nicht so schlimm wie bei der Tour of Indochina in den Bergen von Laos kommen wird, wo wir viele Abfahrten auf wahnsinnig schlechten Schotterpisten bewältigen mussten.

Nach dem Ende der Neutralisation begann das Rennen wie erwartet sehr schnell und es wurde permanent attackiert. Ich hielt mich zurück, doch es war trotzdem nicht einfach und ich litt bereits unter der ungewohnten Hitze. Kurz vor der Bergwertung, die nach 56km anstand, hatte sich endlich eine Gruppe abgesetzt und es wurde kurz ruhiger. Dadurch hatte ich die Hoffnung, dass wir am Anstieg so weiterfahren würden, doch gleich unten wurde wieder attackiert und ich hatte bereits zu kämpfen. Wegen des nun fehlenden Fahrtwinds wurde mir immer heißer bis ich irgendwann dachte, dass mein Kopf explodieren würde und ich abreißen lassen musste, um mein eigenes Tempo fahren zu können.

Die Filipinos sind nicht gerade als begnadete Abfahrer bekannt und so machte ich mir noch keine Sorgen, sondern dachte, dass ich in der Abfahrt wieder nach vorne fahren könnte. An der Bergwertung angekommen lag ich noch nicht zu weit zurück und konnte vor mir eine große Gruppe sehen. Als es in den ersten Teil der Abfahrt ging wurde die Straße immer wieder zur Schotterpiste mit großen Schlaglöchern und ich traf eines mit dem Vorderrad und hatte einen Durchschlag. Zunächst fuhr ich weiter und hielt nach meinem Teamwagen Ausschau, was nicht so einfach war, da hier alle Autos im Rennen gleich aussehen und man sie nur an den beschrifteten Aufklebern unterscheiden kann.

Auf der "schlechten" Seite des Berges herunter

Als er dann da war dauerte der Laufradwechsel wegen den verdammten Nasen an den Gabelenden zu lange und als ich endlich weiter fahren konnte war ich alleine auf weiter Flur und hatte noch knapp 140 Kilometer vor der Brust. Es war wegen der engen und sehr schlechten Straße der verbleibenden Abfahrt, die immer wieder durch Gegensteigungen unterbrochen wurde, nicht möglich, im Windschatten des Autos zu fahren und eine klebrige Flasche kam nicht in Frage. Ich habe mich nur gefragt, warum wir die "gute“ Seite des Berges hoch und die sehr schlechte runter gefahren sind, denn die Runde hätte man problemlos auch anders herum fahren können. Als es dann endlich mal geradeaus ging verabschiedete sich mein sportlicher Leiter, weil er meine Teamkollegen weiter vorne verpflegen wollte und ließ mich alleine zurück und ich hatte ein ernsthaftes Problem.

Der letzte dünne Rest der Nabelschnur, die die Autokolonne hinter dem Feld darstellt, war nun gekappt worden und ich erinnerte mich daran, dass ich letztes Jahr wegen einer ähnlichen Situation die Tour of Lombok auf der Schlussetappe aufgeben musste. Panik stieg in mir auf, denn wenn man bei Rennen in Südostasien einen Platten im falschen Moment hat, kann das immer das Aus bedeuten. Aber mir kam auch die Karenzzeit von 25 Prozent, bei einer Siegerzeit von fünf Stunden also eine Stunde und 15 Minuten, in den Sinn und ich versuchte mich wieder zu beruhigen und mir einzureden, dass das kein großes Problem darstellen sollte. Nach und nach bekam ich Gesellschaft von Fahrern, die das gleiche Schicksal wie mich getroffen hatte oder die von vorne zurückfielen.

Als wir zu dritt waren, lief die Gruppe noch gut, zu fünft schon schlechter und als wir schließlich zu siebt waren war es die reinste Katastrophe. Einige wollten nicht mitführen und ein Fahrer aus Sri Lanka fuhr stets völlig übertrieben harte Führungen und sprengte damit jedes Mal die Gruppe. Außerdem fuhr er immer ganz rechts am Straßenrand, ungeachtet dessen, ob dort Schlaglöcher waren oder von wo der starke Wind kam und der kam meistens von links. Da ich die Position direkt hinter ihm einnahm, fiel jedoch für mich noch genug Windschatten ab und ich verzichtete darauf, ihn zurecht zu weisen. An jeder der vielen Wellen sprintete er nach oben und ließ dann wieder die Beine hängen. Er ging mir jedenfalls mit der Zeit gehörig auf die Nerven und ich wünschte mir, dass er einen Platten fahren würde damit wir ihn los wären.

In ungeliebter Gesellschaft

Einige Male versuchte ich ihn ziehen zu lassen damit wir endlich gleichmäßiger fahren könnten, doch das ließen die Anderen nicht zu. Die Moral in der Gruppe wurde immer schlechter und statt zusammen zu arbeiten bekriegten wir uns und machten es uns so schwer wie möglich. Es war die reinste Katastrophe und die schlimmste Gruppe, in der ich je gefahren bin. Ab etwa 50 Kilometer vor dem Ziel teilte sich die Gruppe immer wieder mit wechselnden Konstellationen in drei Teile und ich fuhr auch immer wieder kilometerweit alleine, um gleichmäßig fahren zu können. Aber dann kam wieder einer von hinten heran und jemand vorne wurde langsamer und ich hatte wieder ungeliebte Gesellschaft.

Die ganze Zeit über hatten wir ordentlichen Gegenwind und die Straßen waren während der gesamten Etappe wirklich erbärmlich schlecht. Riesige tiefe Schlaglöcher, viele Schotterabschnitte und schmale Baustellen oder eine sehr bucklige und raue Oberfläche. Traf nichts von alldem zu, bestand die Straße aus Betonplatten mit einem unangenehmen Stoß etwa alle vier Meter. Es war jedenfalls unmöglich sich mit den Unterarmen auf den Oberlenker zu legen um etwas aerodynamischer zu sein. Alle Fahrer, mit denen ich nach dem Rennen gesprochen habe, meinten, dass sie noch nie über so lange Zeit auf so schlechten Straßen gefahren seien und mein Teamkollege Jordi sagte, selbst im Kongo wären die Straßen besser.

Doch das war nicht das einzige Problem, auch der Verkehr machte uns zu schaffen, denn als der Abstand nach vorne immer größer wurde, war die Strecke irgendwann nicht mehr gesperrt und wir fuhren im"„normalen“ Verkehrsaufkommen. Teilweise hatten wir nicht einmal ein Vorausfahrzeug und mussten höllisch auf streunende Hunde, Ziegen, Kinder und den ganzen Wahnsinn des philippinischen Verkehrs aufpassen. Nicht selten wurden wir durch Trucks ausgebremst und manchmal mussten wir uns einen Weg kreuz und quer durch komplett verstopfte Baustellen bahnen.

Die letzten 25 Kilometer fuhren wir zu zweit und mir tat bereits alles weh, meine Hände wurden immer wieder taub, mein unterer Rücken schmerzte und meine wegen der Hitze geschwollenen Füße brannten in den nun zu eng gewordenen Schuhen. Die noch ungewohnte Sitzposition meines neuen Rades, das ich zuvor nur zweimal kurz gefahren war, wirkte sich in der letzten von inkl. Neutralisation genau sechs Stunden Fahrzeit nicht besonders positiv aus. Auch meinem Magen ging es nicht gerade gut und so brachte ich außer zwei kleinen Gels nichts herunter. Außerdem merkte ich nun, dass ich begann Krämpfe zu bekommen, und das nicht nur in den Beinen.

Die Kilometer zogen sich unendlich langsam dahin und als endlich die 10-Kilometer-Marke auftauchte zählte ich jeden verbleibenden Kilometer herunter. Der Zielstrich war dann eine Erlösung und mein Körper ließ sofort die Klappe fallen und nichts ging mehr. Ich musste mich erstmal hinlegen, war komplett verspannt, dehydriert, überhitzt, hatte Krämpfe und mir war schwindelig und schlecht. So dermaßen fertig war ich schon lange nicht mehr gewesen. Gewonnen hat die Etappe übrigens solo mit vier Minuten Vorsprung der prominenteste Fahrer im Feld, Francisco Mancebo, der schon Vierter bei der Tour und Dritter bei der Vuelta war. Ich kam mit genau einer halben Stunde Rückstand auf ihn ins Ziel, da hatte ich sogar mehr erwartet. Die Karenzzeit betrug eine Stunde und 17 Minuten, trotzdem schafften sie acht Fahrer nicht.

Morgen gleiche Stelle, gleiche Welle

Gez. Sportfreund Radbert

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