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27.06.2012 | (rsn) - Seit fast 110 Jahren beschäftigt die Tour de France die Gemüter der Menschen. Nicht nur Sportreporter und Fans werden jedes Jahr drei Wochen lang in Atem gehalten, wenn fast 200 Radprofis quer durch Frankreich geschickt werden. Auch eine ganze Reihe von Comic-Zeichnern und -Autoren ließ sich von den auf der Tour geborenen Mythen und Schicksalen zu Geschichten und Zeichnungen anregen.
Dass es sich bei diesen Zeichnern fast ausnahmslos um Künstler aus dem franko-belgischen Raum handelt, verwundert bei der großen Begeisterung für den Radsport in Frankreich und den Benelux-Staaten kaum.
Helden schon vor dem Start
Bereits in den frühen 1950er Jahren, als Comic-Magazine wie "Spirou" oder "Tintin" in Frankreich und Belgien ihren Siegeszug antraten, waren auch die Namen der Radprofis in aller Munde. Sie wurden in ausgedehnten Reportagen vorgestellt, und oft bereits vor dem Start der Tour Anfang Juli eines jeden Jahres zu Helden erklärt.
Nicht wenige Jungs dürften damals einen Radsport-Profi zu ihrem Vorbild gemacht haben. Und da die in den Magazinen veröffentlichten Zeichner ihre Geschichten ebenfalls um Helden und Mythen aufbauten – oder sogar selbst erklärte Fans des Radsports waren – kam es in nicht wenigen Fällen zu einer fruchtbaren Verbindung.
Etwa, als André Franquin in seiner 1954 für das "Spirou"-Magazin entstandenen "Spirou und Fantasio"-Geschichte »La mauvaise tête« (dt. »Der doppelte Fantasio«) die Ankunft einer Etappe der Tour de France im Süden des Landes zum atmosphärisch dichten wie spannungsgeladenen Hintergrund macht.
Die Anerkennung des sportlichen Ereignisses hatte Hitchcock'sche Qualitäten, und ging über die Zeichnungen von Maurice Tillieux zu einem Tour de France-Spiel in "Risque-Tout" (1956; dt. "Riskiere alles!") oder seines Kollegen Will zu etlichen Sport-Artikeln im Konkurrenzblatt "Tintin" (1958/59) weit hinaus.
Michel Vaillant bei der Tour
Hier war es ein anderer frankobelgischer Zeichner, der sich durch seine Darstellungen des Radsports (und vieler anderer Sportarten) verdient gemacht hat. Bevor Jean Graton mit seiner Autosport-Serie »Michel Vaillant« zunächst nationale und im weiteren Verlauf auch internationale Anerkennung erhielt, machte der belgische Zeichner als Chronist von sportlichen Anekdoten in Form von zumeist vier oder fünf Seiten langen Kurzgeschichten auf sich aufmerksam.
Darunter waren auch einige Episoden, die sich im Umfeld der Tour de France abspielten: »Le maillot jaune a disparu« von 1954 (dt. "Das verschwundene Gelbe Trikot") zum Beispiel, oder die auch in deutscher Übersetzung veröffentlichten Geschichte von 1953, »Le champion de la Squadra« (dt. »Die Giganten der Straße«, in Dalla Nr. 22/1954).
Nun fesselt die Tour de France aber bis heute Fans und Zuschauer, und offenbar haben auch zeitgenössische Zeichner das Bedürfnis, Ereignisse aus dem Radsport zu thematisieren, und in spannende Geschichten umzusetzen.
Das kann nach den Erinnerungen eines ehemaligen Profis erfolgen, wie etwa im Fall der 2000 gestarteten Reihe "Le Tour de France en Bande dessinée" (die Tour im Comic), für die sich die Autoren die Hilfe (und die für gute Verkäufe nötige Popularität) von Laurent Jalabert einholten, der in den 1990er Jahren einer der erfolgreichsten Radprofis Frankreichs war, und mehrere Jahre die Weltrangliste anführte.
Zeichner und Szenaristen dieser Reihe, von der der erste Band auch in deutscher Übersetzung in der "Ehapa Comic Collection" erschien, spielten dabei eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich darunter z.B. auch Thierry Robberecht (Szenarist von "Der Feind") war.
Darüber hinaus gibt es ambitionierte Projekte wie das 2005 in der prestigeträchtigen "Aire Libre"-Reihe des Dupuis Verlags erschienene Albums "L'Aigle sans orteils" von Christian Lacroix, das dieser Tage in deutscher Übersetzung als "Der Adler ohne Krallen" (Verlag Schreiber & Leser) erscheint.
Die Anfänge der Tour: "Adler ohne Krallen"
Der 1949 in Lyon geborene Zeichner und Autor Lacroix (alias Lax) konzentriert sich in seiner Erzählung auf die Anfänge der Tour de France, und berichtet von den Leiden und dem Aufstieg des jungen Antoine in eindrucks- und stimmungsvollen Bildern.
Damals, in den Vortagen des Ersten Weltkriegs, als die Teilnehmer der "Großen Schleife" in den Wintermonaten noch in Fabriken arbeiten mussten, in denen ihre Fahrräder produziert wurden, und der Genuss von Rotwein (Achtung, Doping!) zur Kräftigung und Motivation dazugehörte.
Aber Lacroix erzählt uns auch von menschlichen Schicksalen im Fahrwasser der Tour, die sich neben den Strapazen und Anstrengungen erfüllen. Und daran hat sich bis heute nur wenig geändert...
Diese Geschichte stammt aus dem ersten Heft des neuen Comic-Magazins "Alfonz", das der Autor Volker Hamann in seinem Verlag "Edition Alfons" herausgibt. Das Juli-Heft ist in Comic-Läden, Bahnhofs-Buchhandlungen und an gut sortierten Zeitschriften-Kiosken ab sofort erhältlich.
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