Kellers Guadeloupe-Tagebuch

Zu erschöpft? Von wegen!

Von Hermann Keller

Foto zu dem Text "Zu erschöpft? Von wegen!"
Hermann Keller (rechts) und seine Teamkollegen bei der Tour de Guadeloupe | Foto: Embrace The World

09.08.2022  |  (rsn) - Wieder einmal klingelte um 6 Uhr der Wecker, allerdings war es heute der erste Morgen, an dem ich mich nochmal auf die andere Seite gedreht habe und erst später zum Frühstück kam. Auch am Buffet konnte man sehen, dass nicht mehr jeder Fahrer den Riesenappetit hatte. Die ersten Ermüdungserscheinungen waren also da.

Wie sich herausstellte, war dies aber nicht nur bei unserem Team der Fall. Als die Fahrer vom Bus zum Startort kutschiert wurden, fragte auf halber Strecke der Busfahrer, ob eigentlich jemand die Jungs vom Team Corratec gesehen hatte – was alle verneinten. So mussten sie heute lernen, dass in Guadeloupe Pünktlichkeit eine Tugend ist. Der Bus setzte uns am Startort ab und fuhr nochmal zurück, um die noch am Hotel stehenden Kollegen abzuholen.

Die Fahrer des Corratec-Teams sind sehr nett und wir haben uns schon häufiger mit ihnen unterhalten, so erfuhren wir auch, dass sie zuvor eine Rundfahrt in Venezuela gefahren und von dort direkt angereist sind. Somit muss die Ermüdung bei ihnen wohl nochmal um einiges größer sein. Allerdings wohl nicht groß genug – später mehr dazu.

Die Etappe wurde also gestartet und quasi mit dem Startschuss schoss auch wieder einmal Marcel (Peschges) aus dem Feld heraus. Es bildete sich eine kleine Spitzengruppe und während wir uns hinten im Feld auf die anstehende Bergwertung vorbereiteten, verschwendete unser Kollege keinen Gedanken daran, sich zu schonen und die beiden Ausreißer konnten sich einen soliden Vorsprung erarbeiten. Die Bergwertung war weniger schlimm als gedacht, da der Anstieg relativ gleichmäßig gefahren wurde und nur oben heraus steil wurde. So fuhr das Feld geschlossen über die Kuppe, worüber ich nicht unbedingte traurig war.

Nach dem Berg kamen dann auch noch andere Fahrer auf die Idee zu attackieren und so startete ein wildes Gespringe. Wir bekamen es deutlich besser hin als die letzten Tage, uns vorne im Feld aufzuhalten und besetzten immer wieder mal die Verfolgergruppen, wovon sich leider keine absetzen konnte. Durch die vielen Angriffe stieg natürlich auch das Tempo enorm, wodurch sich Marcel und sein Begleiter nach etwa 25 Kilometer wieder im Feld befanden. Marcel hatte aber anscheinend noch nicht genug, buchte sich direkt für die nächste Spitzengruppe ein Ticket und zog erneut von dannen.

Während unser Teamkollege vorne fuhr, versuchten wir weiterhin die Verfolgergruppen zu besetzen, um dann eventuell bei einem Zusammenschluss mit zwei Fahrern vorne vertreten zu sein. Nach etwa zehn Kilometern sah ich, wie direkt vor mir Veljko Stojnic, einer der beiden Serben des Corratec-Teams, attackierte und sprang direkt an sein Hinterrad. Wir überbrückten die nur noch sehr kleine Lücke zu der Gruppe von Marcel und schossen direkt mit Schwung daran vorbei.

Von hinten sprangen dann noch zwei weitere Fahrer hinzu. Gerade als ich aus der Führung ging und mich am Ende unserer Gruppe einreihte, nahmen die beiden Jungs vor mir die Beine hoch und Stojnic zog von vorne davon. Ich wollte an dieser Stelle auch nicht das Loch zufahren, das meine Begleiter aufgehen lassen haben und wir schauten uns blöd an, so dass von hinten ein weiterer Fahrer mit Schwung an uns vorbeirauschte und nach vorne aufschloss. Wir wurden eingeholt, die anderen beiden waren auf und davon.

Sie erarbeiteten sich einen ordentlichen Vorsprung, waren aber immer in Sichtweite. Währenddessen saßen wir hinten im Feld auf dem Trockenen, da die beiden kleinen Trinkflaschen im Flaschenhalter natürlich nicht für eine gesamte Etappe reichen bei dem Klima in Guadeloupe. Es gab etwas Kommunikationsprobleme, wer zum Flaschen holen fährt, und so kam es, dass mir innerhalb von fünf Minuten drei verschiedenen Teamkollegen Flaschen brachten. Auf der einen Seite freute ich mich natürlich darüber, dass alle an mich dachten, auf der anderen Seite ist es aber auch nicht optimal, wenn sich drei Fahrer zum mehr oder weniger selben Zeitpunkt am Ende des Feldes oder in der Wagenkolonne aufhalten. Dies wurde dann spätestens klar, als ein Team an der Spitze des Feldes auf die Windkante ging und wir alle im hinteren Drittel waren.

Glücklicherweise wurde das Feld nicht zersprengt und wir konnten mit aufgefüllten Flaschenhaltern wieder nach vorn fahren, um dann dort festzustellen, dass nochmals zwei Fahrer enteilt waren und, um es in den Worten unseres serbischen Freundes auszurücken, “durch Magie“ den Anschluss nach vorne schafften. Da diese Rundfahrt auch live im Fernsehen übertragen wird, konnten wir durch die Aufnahmen von Helikopter und mehreren Motorrädern sehen, dass alles mit rechten Dingen zuging und die beiden einfach einen sehr günstigen Moment zur Attacke gewählt hatten.

Als das Sextett vorne komplett war, schien die Situation für die meisten Teams zufriedenstellend und die Spitzengruppe erhielt freie Fahrt. Unser Plan war es, sich bei noch 45 zu fahrenden Kilometern mit Thomas (Lienert) und Fabian (Kruschewski) mit einzureihen in der Verfolgung und so am Ende einen Sprint herbeizuführen, in welchem mich dann Oli (Mattheis) und Marcel positionieren sollten.

Die beiden bis dahin kontrollierenden Teams ließen die Lücke aber leider etwas zu groß werden, so dass es trotz der Nachführarbeit nicht so aussah, als würden wir die Gruppe einholen können. Dies lag vor allem daran, dass sich kein Team eines anderen Sprinters mit einreihte. Als dann Thomas und Fabian etwa 15 Kilometer vor dem Ziel ausscherten, wurde ein Sprint sehr unwahrscheinlich, da die Gruppe immer noch zwei Minuten Vorsprung hatte.

Das Tempo wurde weiter hochgehalten durch anschließende Attacken, aber wie zu erwarten schafften es vier der sechs Ausreißer vor dem Feld ins Ziel. Dies ist wohl vor allem Stojnik zu verdanken, da er das Tempo der Gruppe hochgehalten hatte. Er war es dann auch, der die Spitzengruppe knapp zwei Kilometer vor dem Ziel zerlegte und einen Solosieg einfuhr. Von wegen zu erschöpft!

Währenddessen war Oli darauf aus, sich vorne im Feld zu halten, um bei eventuellen Rissen keine Zeit in der Gesamtwertung zu verlieren. Marcel war aufgrund seiner zahlreichen Attacken auch nicht mehr ganz frisch, und Fabian und Thomas waren froh, nach der zermürbenden Tempoarbeit überhaupt noch das Feld halten zu können. So war ich bei der Positionierung für den Sprint um Platz fünf auf mich allein gestellt, und ließ hier sehr viele Körner liegen, war dann auch deutlich zu früh im Wind und wurde Tageszwölfter.

Alles in allem, würde ich sagen, fuhren wir recht gut, hatten aber etwas Pech. An der einen oder anderen Stelle müssen wir uns noch besser absprechen, denn ein weiteres Podium wäre sehr schön.

Vielleicht klappt es damit ja morgen. Dann steht eine hügelige Runde auf dem Programm, die mehrmals befahren wird. Die Anstiege sind laut Roadbook aber nicht allzu lange – zum Glück.

Vielen Dank fürs Lesen, morgen dann mehr.

Liebe Grüße
Hermann

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