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13.05.2024 | (rsn) - Analoge und digitale Welten verschränken sich immer mehr, auch beim Radsport. Auf besondere Weise dreht Rouvy mittlerweile die Schraube weiter. Auf der 2017 von den Brüdern Petr und Jiri Samek im böhmischen Städtchen Vimperk gegründeten Plattform finden sich mittlerweile mehr als 1.300 Routen aus der echten Radsportwelt. L’Alpe-d’Huez und Mont Ventoux kann man vom Wohnzimmer aus mit seinem Rad befahren. Auch Strecken des aktuellen Giro d’Italia wurden aufgezeichnet und werden dort in verblüffend guter Auflösung präsentiert.
Dazu gehören der Anstieg vom letzten Samstag nach Prati di Tivo sowie Mortirolo und Stilfser Joch, die auf der 15. und 16. Etappe befahren werden. Wobei es Stand jetzt doch zweifelhaft erscheint, das Stilfser Joch in Angriff genommen wird. Wegen Schneefall und Lawinengefahr plädieren die lokalen Behörden für einen Verzicht. Praktisch ist, dass die wahrscheinlichste Alternative, der Umbrailpass, auch schon auf Rouvy verfügbar ist – ganz fotorealistisch und mit hübschem Sonnenschein.
Auf solche ästhetischen Qualitäten wie gutes Wetter, Sonnenschein und klare Sicht, aber auch auf manche überraschenden Extras achten die derzeit etwa zwei Dutzend Kamerateams, die Rouvy auf dem gesamten Globus beschäftigt, ganz besonders. Denn das Fahren soll ja neben allem Schwitzen auch das Auge belohnen. Anspornend ist auch, dass der eigene Avatar, tritt man schnell genug, an Hobbyfahrern vorbeiziehen kann, die zum Zeitpunkt der Aufnahme tatsächlich Gipfel wie etwa den Mont Ventoux hinauf kletterten. “Auf manchen Strecken sieht man auch Schafe über die Straße ziehen. Bei Strecken in Australien haben wir Känguruhs im Bild gelassen“, erzählte Lucie Kubinova, Sprecherin von Rouvy, RSN am Rande des Giro.
Kubinova hat beobachtet, dass manche Nutzer sich regelrecht verabreden für derartige Strecken mit Schafen und Känguruhs. Avatare von anderen Nutzern, die zeitgleich auf dem gleichen Abschnitt trainieren, sind ebenfalls zu sehen. Man muss aber keine Platzangst bekommen. Es handelt sich gewöhnlich um weniger als ein Dutzend andere. Drei Fahrer waren es vor ein paar Tagen auf dem Mortirolo, einer am Stilfser Joch, acht in l’Alpe-d’Huez und fünf am Mont Ventoux. Das Gruppenerlebnis ist stärker bei Zwift, dem Branchenführer unter den Radsport-Apps. Dort allerdings sind die Strecken nur virtuell, bestenfalls realen Strecken nachgeahmt. Rouvy hingegen will das analoge Erlebnis digital bescheren.
Auch der Anstieg nach Prati di Tivo, wo Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) die 8. Giro-Etappe gewann, wird auf der Plattform Rouvy präsentiert. | Foto: Cor Vos
Das hat inzwischen auch das Interesse der Profi-Rennställe geweckt. Lidl - Trek etwa ist in dieser Saison eine Partnerschaft mit Rouvy eingegangen. “Für uns ist das sehr hilfreich. Wir haben Rouvy zum Beispiel genutzt, um Fahrern, die noch nie Mailand – Sanremo gefahren sind, den Anstieg zur Cipressa zu zeigen. Das virtuell abzufahren und zu visualisieren ist ein guter Punkt“, erklärte der Sportliche Leiter Michael Schär. Auch für Warm Ups an Regentagen loggen sich manche seiner Schützlinge schon auf Rouvy ein und bauen so Spannung für das kommende Rennen auf.
Zwischen 20 und 40 Kilometern beträgt auf Rouvy die Länge der meisten Routen. "Wir haben festgestellt, dass die Nutzer selten mehr als eine Stunde indoor fahren wollen“, nannte Kubinova den Grund. Auch der Aufwand ist schließlich beträchtlich. In einer Stunde Wohnzimmerpedalieren in authentischer Umgebung stecken 25 Stunden menschlicher Arbeitszeit und 40 Stunden reiner Computerarbeitzeit, erzählte Kubinova weiter.
Die Strecke muss schließlich nicht nur mit 360-Grad-Kameras abgefilmt werden – mit idealerweise 60 km/h-Geschwindigkeit ohne Stopps oder Beschleunigungen für ruckelfreie Bilder. Die Aufnahmen gehen später noch durch eine Farb- und Tiefenschärfenkorrektur. Und dann müssen die vielen digitalen Objekte eingebunden werden: Avatare der Teilnehmer mit Informationen über deren Wattwerte und Geschwindigkeiten.
Für das Echtheitsgefühl müssen diese Avatare wieder verschwinden, wenn sie in eine Kurve gehen oder hinter einer Kuppe die Abfahrt beginnen. Anfang und Ende der Strecken, für die die Plattform Strava Rekorde beim Outdoor-Fahren führt, sind ebenfalls auf Rouvy integriert. Und als besondere Verknüpfung von Draußen und Drinnen werden die auf Rouvy erbrachten Leistungen auf Strava-Strecken auch in den jeweiligen Strava-Account exportiert.
Das WorldTeam Lidl – Trek – hier bei der Giro-Präsentation – arbeitet seit dieser Saison mit Rouvy zusammen. | Foto: Cor Vos
In der Giro-Vorbereitung hat Schärs Team allerdings noch nicht den Strava-Service benutzt. “Wir fahren selbst viele Strecken ab. Für die Tour de France zum Beispiel filmt unser Sportlicher Leiter Steven de Jongh mit einer GoPro-Kamera die Strecken ab“, sagte der Ex-Profi. Wenn man die Aufnahmen dann allerdings auf die Plattform hochladen und mit Steigungsprozenten versehen könnte, wäre das ein zusätzlicher Nutzen, fügte er an. Rouvy hat Lidl - Trek auf alle Fälle angeboten, mit seinen Kamerateams auch Sonderwünsche nach speziellen Anstiegen, Abfahrten und anderen neuralgischen Punkten eines Parcours abzufilmen und exklusiv zur Verfügung zu stellen.
Andere Teams bevorzugen bisher noch das klassische Recon. “Wir fahren mit Tadej zu den wichtigsten Etappen und trainieren dort“, meinte etwa Matxin Fernandez, Sportdirektor von UAE Emirates. Perspektivisch könnten die virtuellen Recons vor allem für Teams mit weniger Ressourcen für Reisetätigkeit interessant werden. Da würde die Plattform indirekt zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen. Das wäre nicht der schlechteste Nebeneffekt.
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