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09.03.2008 | (Ra) - Paris–Nizza ist das erste wirklich wichtige Rennen der Saison 2008 – aber einen Tag vorher wissen viele Fahrer noch gar nicht, ob sie starten oder nicht. Die ASO und die UCI kämpfen um Macht und Kompetenzen und die Leidtragenden sind die Fahrer und Mannschaften. Fahren sie nicht, steht die Tourteilnahme auf dem Spiel, fahren sie, drohen Strafen und Sanktionen seitens der UCI. Ganz gleich, wofür sich die Teams entscheiden, sie werden auf jeden Fall verlieren.
Wenn die ASO sich durchsetzt, gehe ich davon aus, dass viele Rennveranstalter nachziehen und die UCI in letzter Konsequenz ihre Daseinsberechtigung verliert. Ich frage mich, wann der Radsport erwacht und versucht, wieder interessant und glaubwürdig für die Zuschauer zu werden? Bisher haben die Fahrer für Negativschlagzeilen gesorgt, jetzt tun es die Verbände und Veranstalter. Ich wünsche mir, dass langsam Ruhe einkehrt und der Sport wieder in den Mittelpunkt rückt.
Paris-Nizza ist immer der erste wirkliche Härtetest der Saison. Die Streckenführung ist wie jedes Jahr auch diesmal wieder sehr schwer, das Rennen wird von Tag zu Tag härter. Bei meinen Teilnahmen hat das Wetter immer sehr zu wünschen übrig gelassen und die Hotels waren zu 80 Prozent miserabel: meistens Campanile mit Wolldecke und durchgelegener Matratze. Nicht unbedingt das, worauf man sich nach 200 km Regen, Wind und Schnee freut...
Wer Paris-Nizza gewinnen will, darf im Prolog kaum Zeit verlieren. Die ersten beiden Etappen sehen auf dem Profil zwar relativ einfach aus, führen aber aber über schlechte, teilweise sehr schmale Straßen mit rauem Belag. Zudem hat man dort den Wind als ständigen störenden Begleiter. Bei meinen Teilnahmen an P-N waren wir immer sehr angespannt vor diesen Tagen, weil der Verlauf der Etappen so unberechenbar war. Man muss immer aufmerksam fahren und damit rechnen, dass sich das Feld in viel kleine Gruppen teilt. 2004 etwa war schon nach 100 km für viele Favoriten die Gesamtwertung verloren, nachdem CSC auf dem Windkante dem Rest des Feldes davon gefahren war. Auf der 2. Etappe stehen zwar bis 20 km vor dem Ziel vier kleinere Bergwertungen an, aber ich rechne trotzdem mit einem Massensprint.
Die Etappen drei (Fleurie - Saint-Étienne) und vier (Montélimar - Mont Ventoux) sind richtige Hämmer und etwas für die Bergfahrer. Hier wird die Vorentscheidung über den Gesamtsieg fallen. Die Etappe nach Saint Etienne hat mir 2006 das „Genick gebrochen“, ich musste mit starker Erkältung vom Rad steigen. Es geht dort von Anfang an auf sehr schmalen Strassen auf und ab, wie auf einer Achterbahn. Das sind zwar immer nur 30 bis 100 Höhenmeter, aber wenn man 20 Mal solche Hügel fährt, weiß man auch, was man getan hat. Der letzte Berg ist sehr lang und schwer. Wenn man an der Bergwertung 20 bis 30 Sekunden Vorsprung hat, kann es bis ins Ziel reichen, denn die letzten Kilometer geht es nur bergab. Mein Favorit für diesen Tag ist Davide Rebellin (Gerolsteiner).
Am folgenden Tag steht die Bergankunft am Mount Ventoux auf dem Programm, jedoch nicht ganz oben, sondern „nur“ auf einer Höhe von 1.400 Metern. Dabei frage ich mich, ob es Mitte März sinnvoll ist, in solchen Höhen Radrennen enden zu lassen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich der Winter noch einmal mit Schnee zurück meldet. Ich denke, dass der ProTour-Gesamtsieger Cadel Evans (Silence-Lotto) an diesem Tag ein Wörtchen um den Tagessieg mitreden wird.
Die Etappe fünf und sechs sind prädestiniert für Fluchtgruppen. Die Vorentscheidung in der Gesamtwertung ist gefallen, jetzt rechnen sich alle anderen Fahrer Chancen auf eine gute Tagesplazierung aus. Solche Renntage beginnen mit einer Attacke nach der anderen und oft einem Durchschnittstempo von über 50 km/h. Ruhe kehrt erst ein, wenn eine kleine kontrollierbare Gruppe weg ist, die keine Gefahr für den Gesamtführenden darstellt.
Die 6. Etappe ist wieder ein ständiges Auf und Ab, eine Bergwertung nach der anderen. Der letzte Berg ist circa 20 km vor dem Ziel und fünf km lang. Nicht sehr steil, aber für den Tagessieg entscheidend. Ich war selbst im Jahr 2005 vom Start bis zum Ziel mit zehn Fahren in der Attacke und wir haben uns am Col du Tanneron und alle Einzelteile aufgelöst. Leider war meine Form nicht berauchend und ich bin „nur“ Fünfter geworden.
Der letzte Tag ist für viele Fahrer ein reines Ausscheidungsfahren. Es geht vom Start an bis km 50 von 0 auf 1100 m hoch. Hört sich gar nicht so schlimm an, aber die Strecke steigt stetig an und und wird immer steiler. Auf dieser Etappe braucht der Gesamtführende eine starke Mannschaft, die in der Lage ist, das Feld zu kontrollieren. Das Tückische an der Etappe ist ihre Kürze von 120 km. Man darf niemanden zu weit weglassen, denn es bleibt nicht viel Zeit zum Zufahren. Am Col d Éze fällt dann die Entscheidung die über den Rundfahrtsieg. Letztes Jahr hat hier Davide Rebellin den Anschluß an Alberto Contador (damals noch Discovery) verloren und somit auch den Rundfahrtsieg.
Mein Favorit auf den Gesamtsieg in diesem Jahr ist Davide Rebellin. Er liebt dieses Rennen, wohnt in Monaco und hat Paris-Nizza noch nie gewonnen. Ich bin mit ihm zwei Jahre bei Gerolsteiner gefahren und weiß, wie wichtig ihm das Rennen zur Sonne ist. Ich bin sicher, er wird topfit am Start stehen.
Thomas Ziegler beendete im Alter von 27 Jahren nach der letzten Saison seine Profikarriere. Davor fuhr der Thüringer insgesamt vier Jahre für die beiden deutschen ProTour-Rennställe Gerolsteiner und T-Mobile. Seit Februar 2008 betreibt Ziegler zusammen mit Grischa Niermann (Rabobank) und Roman Jördens in Hannover das Radsportgeschäft Saikls. Zudem wird er in diesem Jahr bei der Nacht von Hannover erstmals auch als Sportdirektor verantwortlich sein. Auf Radsport aktiv wird Thomas Ziegler künftig ausgewählte Rennen analysieren.
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