RSNplusDer jüngste Deutsche Meister seit Ciolek 2005

Brenner: Selbstbewusst vom Super-Junior zur weißen Hose

Von Felix Mattis aus Bad Dürrheim

Foto zu dem Text "Brenner: Selbstbewusst vom Super-Junior zur weißen Hose"
Marco Brenner (Tudor) im Trikot des Deutschen Meisters auf dem Podium in Bad Dürrheim. | Foto: Cor Vos

24.06.2024  |  (rsn) – Zwei Monate und vier Tage vor seinem 22. Geburtstag ist Marco Brenner (Tudor) am Sonntag in Bad Dürrheim zum jüngsten Deutschen Meister der Elite seit Gerald Ciolek 2005 in Mannheim geworden. Ganz so sensationell und überraschend wie der Triumph des damals 18-jährigen Ciolek im Sprint gegen Robert Förster und Erik Zabel war der Titelgewinn von Brenner auf dem schweren Kurs im Schwarzwald nicht. Doch der großen Freude rund um den Youngster tat das keinen Abbruch.

Nicht nur er und sein neues Team vom Schweizer Tudor-Rennstall strahlten nach dem 200-Kilometer-Rennen, auch viele Konkurrenten gönnten es Brenner sehr. "Es war extrem frustrierend den ganzen Tag, bis ich übers Zielband gefahren bin und gehört hab', dass Marco gewonnen hat. Jetzt ist alles wieder gut", sagte etwa der ebenfalls aus Augsburg stammende Georg Zimmermann (Intermarché – Wanty) im Ziel zu cyclingmagazine.de und auch John Degenkolb (dsm-firmenich – PostNL) grinste: "Ich freue mich riesig für ihn, hat er sich verdient."

Sicher rührte die Freude der Anderen auch daher, dass mit Brenner zum erst dritten Mal in den letzten zehn Jahren ein Fahrer den Titel errungen hat, der nicht für Bora – hansgrohe fährt. Dem übermächtigen deutschen WorldTour-Rennstall das Meistertrikot abzunehmen, das ist jedes Jahr für alle das große Ziel bei den Meisterschaften. Und einige sprachen das auch ganz offen aus. ___STEADY_PAYWALL___

War der Stärkste am Sonntag: Marco Brenner (Tudor) führt die fünf Spitzenreiter den steilen Anstieg in Aasen hinauf. | Foto: Cor Vos

"Marco ist ein sauberes Rennen gefahren, wenn er die Jungs von Bora da vorne geknackt hat – das wurde ja mal Zeit, dass die die Krone mal abgeben", sagte etwa Jonas Rutsch (EF Education – EasyPost) radsport-news.com und Simon Geschke (Cofidis) klang ähnlich: "Ich selbst bin wie jedes Jahr ein bisschen frustriert. Die Bora-Übermacht war wieder mal sehr stark. Aber umso mehr freue ich mich ehrlich gesagt für Marco Brenner!"

Sehr frühe Vorschuss-Lorbeeren

Doch die Verbrüderung gegen die Bora-Phalanx war nicht der einzige Grund, warum Brenner der Sieg in Bad Dürrheim so gegönnt wurde. Der 21-Jährige ist schließlich eine der größten Zukunfts-Hoffnungen des deutschen Radsports. Schon 2019 bei den Weltmeisterschaften in Harrogate in England war aus den Reihen der BDR-Verantwortlichen zu hören, dass man in ihm einen Rohdiamanten habe, der Leistungsdaten produziere, wie man sie bei einem deutschen Radsportler nur ganz, ganz selten gesehen habe.

Brenner, der damals in seinem ersten Juniorenjahr war und trotzdem im Nations Cup von Sieg zu Sieg eilte – im Jahr eins nach der U19-Dominanz von Remco Evenepoel – wurde damals in Yorkshire WM-Dritter im Einzelzeitfahren des Nachwuchses, feierte im Saisonverlauf bei 28 Renntagen elf internationale Siege und wurde mit 16 Jahren Deutscher Juniorenmeister sowohl im Straßenrennen als auch im Zeitfahren. Er ließ viele Offizielle vom nächsten großen deutschen Rundfahrer träumen – und musste fortan mit großen Erwartungen umgehen.

Auf dem Podium in Yorkshire bei der Zeitfahr-WM der Junioren 2019: Brenner holt Bronze, der Titel geht an Antonio Tiberi aus Italien. | Foto: Cor Vos

Brenner, ein für sein junges Alter schon immer extrem selbstbewusst auftretender Charakter, bekam dann in den Folgejahren aber Stolpersteine in den Weg gelegt. Die Corona-Pandemie sorgte dafür, dass in seinem zweiten Juniorenjahr kaum Nachwuchs-Radrennen stattfanden, was für die Entwicklung aller Fahrer seines Jahrgangs ein großes Problem war. Dazu kam kurz vor Ostern ein schwerer Trainingsunfall, bei dem er mit einem Traktor kollidierte – womöglich mit Spätfolgen, die sich aber erst Jahre später so richtig bemerkbar machten.

Aus dem Bora-Nachwuchs zu DSM

Nur eine dreitägige Rundfahrt in der Schweiz sowie je zwei Renntage bei der EM und den Deutschen Meisterschaften gab es für den Augsburger im Corona-Jahr. Er gewann wieder beide deutschen Titel, wurde Vize-Europameister im Zeitfahren und EM-Vierter im Straßenrennen.

Was folgte war ein Tapetenwechsel: Nachdem Brenner als Bayer seine Juniorenjahre im Team Auto Eder, dem U19-Rennstall von Bora – hansgrohe, verbracht hatte, entschied er sich für 2021 zur Unterschrift bei DSM, anstatt im Kosmos des Rennstalls von Ralph Denk zu bleiben. Den wiederum schmerzte das sehr und rückblickend betrachtet war Brenners Abschied der Anstoß für alle Gedankenspiele bei Denk, irgendwann doch auch ein U23-Team zu gründen, das nun Ende 2024 mit Hilfe des neuen Hauptsponsors Red Bull endlich Realität werden wird.

Schon in seinem ersten Profijahr versuchte Brenner sogar bei Rennen wie dem Critérium du Dauphiné Akzente zu setzen. | Foto: Cor Vos

Damals, Ende 2020, konnte man Brenner offenbar nicht die passende Perspektive bieten, die der bei DSM sah – selbst wenn der 18-Jährige auch dort nicht beim U23-Development-Team anheuerte, sondern direkt in den WorldTour-Kader rückte. "Ich kam zu dem Schluss, dass ich hier sportlich weiter kommen kann. Sie haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie junge Fahrer gut aufbauen", erklärte er gegenüber RSN einst. Er war damals der jüngste Radprofi, der jemals einen WorldTour-Vertrag unterschrieb, und das nicht für die obligatorischen zwei Jahre, die die UCI für Neoprofi-Verträge vorschreibt, sondern gleich für vier.

Schon als Neuprofi Chef eines eigenen Junioren-Teams

Parallel zu seinem eigenen Einstieg in den Profizirkus, gerade erst selbst den Junioren entwachsen, baute er aber auch schon ein eigenes Junioren-Team auf. Da seine bisherige Auto-Eder-Mannschaft ihre Partnerschaft mit dem Bayrischen Verband beendete und den Fokus mehr auf internationale Top-Talente verlegte, fehlte in seiner Heimat ein U19-Rennstall für die einheimische Jugend. Brenner sprang in die Bresche, gründete das Team Marco Brenner als neue Plattform für bayrische Youngster. Auch das dürfte ihm in der Szene viele Sympathien gebracht haben und mit ein Grund sein, warum sich viele in Bad Dürrheim für ihn mitfreuten.

Doch zurück zum sportlichen Werdegang: Brenners Zeit bei DSM lief gut an. Er fuhr schon im April mit dem Flèche Wallonne sein erstes WorldTour-Rennen und kam prompt als 24. an der Mur de Huy an. Sein Rennprogramm war eine interessante Mischung aus kleineren 2.1-Rundfahrten und WorldTour-Etappenrennen wie der Tour de Romandie und dem Critérium du Dauphiné. Schon im zweiten Profijahr dann ging es ausschließlich noch zu ProSeries- oder WorldTour-Rennen und Brenner fuhr mit der Vuelta a Espana bereits seine erste Grand Tour, wo er mehrfach Ausreißergruppen besetzte und bei der Bergankunft am Penas Blancas aus einer solchen heraus hinter Richard Carapaz, Wilco Kelderman, Marc Soler und Jan Polanc sogar Fünfter wurde.

Erste Grand Tour geschafft: Brenner (links) mit seinen DSM-Teamkollegen um John Degenkolb nach der Vuelta a Espana 2022. | Foto: Cor Vos

Es schien, als würde sich bestätigen, was Brenner seit 2019 prophezeit wurde: Da wuchs ein Top-Fahrer heran. Was Außenstehende aber nicht mitbekamen war, dass der Youngster immer wieder Probleme mit seinem Rücken bekam – und in der Saison 2023 wurde das immer mehr. Krankheiten stoppten ihn damals in der Saisonvorbereitung zusätzlich, aber vor allem der Rücken machte ihm zu schaffen.

Rückenprobleme sorgten 2023 für Knick auf dem Weg nach oben

Es wurde vermutet, dass das Folgen einer Fehlhaltung seit seinem Unfall mit dem Traktor 2020 waren. Wirklich aufzuklären war das nie, aber viel wichtiger: Ab Mai ging Brenner das Problem im Reha-Institut Corox von Hans Friedl an und bekam es Schritt für Schritt in den Griff. Unter anderem begann er, Einlagen in den Schuhen zu benutzen und veränderte mit Friedl, aber in Eigenregie seine Sitzposition, was wiederum der DSM-Teamleitung missfiel.

Im Sommer kam es zum Streit, Brenners Rennprogramm wurde verändert und die Vuelta gestrichen – mit der finalen Konsequenz, dass der bis Ende 2024 laufende Vertrag schließlich aufgelöst wurde und Brenner bei Tudor einen Neuanfang startete.

Die Krönung des Neuanfangs 2024: Brenner streckt beide Zeigefinger nach oben, als er in Bad Dürrheim den Titel gewinnt. | Foto: Cor Vos

Und der hat gefruchtet. Am 19. März gewann er bei der Settimana Coppi e Bartali (2.1) in Italien auf Etappe 1 sein erstes Profirennen, im April mit der Nachwuchswertung beim Giro d'Abruzzo (2.1) sein erstes Wertungstrikot. Ab Mai wurde Brenner immer stärker, fuhr bei der Tour of Norway (2.Pro) auf Gesamtrang fünf und kletterte auch bei der Tour de Suisse (2.UWT) im Juni sehr stark.

Bald ganz in Weiß?

Die Krönung aber folgte nun in Bad Dürrheim mit einem sehr selbstbewusst gefahrenen Rennen, in dem er schon nach 20 Kilometern in der entscheidenden fünfköpfigen Selektion saß, rund 60 Kilometer vor dem Ziel mit einem kurzen Solo-Vorstoß antestete, wie gut die anderen Vier waren und fortan mit dem Eindruck, der Stärkste zu sein und entsprechend breiter Brust dem Meistertrikot entgegenfuhr.

"Ich war in der Juniorenklasse schon Deutscher Meister und wollte es auch unbedingt mal in der Eliteklasse schaffen. Ich bin total happy, dass es schon so früh geklappt hat", sagte Brenner RSN in Bad Dürrheim, gab aber zu, dass er kurz nach der Siegerehrung noch zu überwältigt war, um sich Auftritte im Meistertrikot schon wirklich vorstellen zu können. "Das kommt erst, wenn ich die Trikots nach Hause geschickt bekomme", vermutete er. "Aber ich freue mich mega darauf."

Fahrer-Agent Andreas Stauff (links mit Sonnenbrille) ist im Zielauslauf der erste Gratulant von Brenner. | Foto: Cor Vos

Andreas Stauff von Brenners Management-Agentur Corso schickte Teamchef Fabian Cancellara jedenfalls erstmal eine Nachricht und bestellte zum weißen Trikot auch schon mal weiße Hosen, wie sie Weltmeister Mathieu van der Poel zum Regenbogentrikot trägt. "Die hätte ich auch gerne", grinste Brenner. "Bei Sonnenschein! Im Regen würde ich sie nicht fahren."

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