Luxemburg: Johannessen gewinnt Schlussetappe

Hirschi lässt Healy keine Chance und holt Gesamtsieg

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Hirschi lässt Healy keine Chance und holt Gesamtsieg"
Marc Hirschi hat die Luxemburg-Rundfahrt gewonnen - vor Teamkollege Brandon McNulty (links). | Foto: Cor Vos

24.09.2023  |  (rsn) – Tobias Halland Johannessen (Uno-X) hat auf der Schlussetappe der 83. Tour de Luxembourg (2.Pro) seinen ersten Saisonsieg gefeiert, doch der Gesamterfolg ging an den Schweizer Marc Hirschi (UAE Team Emirates). Der im Gelben Trikot in die Schlussetappe gestartete Eidgenosse ließ sich von seinen Kontrahenten um den Rundfahrtsieg am Sonntag nicht mehr abschütteln und baute dank Bonifikationen am Zwischensprint seinen Vorsprung sogar nochmal aus.

Hirschi gewann die Luxemburg-Rundfahrt mit drei Sekunden Vorsprung auf Teamkollege Brandon McNulty und fünf Sekunden vor dem Iren Ben Healy (EF Education – EasyPost) sowie 34 Sekunden vor Ilan van Wilder (Soudal – Quick-Step).

"Es war sehr stressig heute. Wir haben eine recht große Gruppe weggelassen am Anfang. Aber Teams wie Jumbo, AG2R oder Arkéa waren damit nicht happy und haben sie gejagt. Deshalb wurde den ganzen Tag Vollgas gefahren", erzählte Hirschi von einem schweren Schlusstag, an dem er in erster Linie einen Job hatte: Immer Ben Healy folgen. "An den steilen Rampen habe ich nur auf Ben geschaut und am Ende war es gut für uns, dass nochmal eine Gruppe weggefahren ist und den Sieg unter sich ausmachen konnte. Dadurch war ich sicher und habe am Ende fünf Sekunden Vorsprung auf Ben."

Mit Diego Ulissi (+ 0:35) landete noch ein dritter UAE-Fahrer auf dem fünften Gesamtrang. Felix Großschartner verlor seinen sechsten Gesamtrang am Schlusstag noch an Sören Kragh Andersen (Alpecin – Deceuninck / + 0:39), wurde aber trotzdem noch Siebter in der Endabrechnung und komplettierte so die dominante Vorstellung des UAE Team Emirates bei der fünftägigen Rundfahrt.

Johannessen lässt den Knoten platzen: Erster Saisonsieg

Strahlen konnte in Luxemburg aber auch Johannessen. Der 24-Jährige hatte in dieser Saison bereits acht Top-5-Ergebnisse eingefahren, darunter zwei Etappen der Tour de France, aber eben keinen Sieg. "Den wollte ich unbedingt in dieser Saison noch holen und deshalb habe ich am Ende einfach nur noch Vollgas durchgezogen – und es hat geklappt", freute sich der Norweger. Johannessen war in der steilen Rampe hinauf in die Stadt Luxemburg knapp zwei Kilometer vor Schluss aus einer 15-köpfigen Spitzengruppe weggefahren, die sich ihrerseits erst auf der elf Kilometer langen Schlussrunde gebildet hatte. Bei seinem Angriff nahm der Tour-de-l'Avenir-Gewinner von 2021 Schwung von hinten mit und riss sofort eine große Lücke.

"Wenn man etwas von hinten kommt und die Anderen gerade in diesem Moment etwas pokern und dann keiner sofort mit Dir mitspringt, dann kann es manchmal funktionieren", erklärte er den entscheidenden Antritt, gestand aber auch, vor Rundfahrtbeginn nicht daran geglaubt zu haben, in Luxemburg Erfolg zu haben:

Norweger hatte sich den Sieg im Vorfeld selbst nicht zugetraut

"Das Level bei diesen Rennen ist so hoch. Es ist so hart, hier zu gewinnen! Ehrlich gesagt dachte ich, dass es unmöglich für uns wäre, hier eine Etappe zu gewinnen. Aber es ging mit einem schnellen Start gleich schwer los und ich weiß, dass ich nach harten Tagen oft noch gute Beine habe. Am Ende waren wir noch zu zweit in der Gruppe und ich habe es einfach versucht – und bin jetzt wirklich, wirklich glücklich über den Sieg!"

Während Johannessen den Tages- und Hirschi den Gesamtsieg feierte, wurden Kragh Andersen als Gewinner der Punktewertung und der Luxemburger Mats Wenzel (Leopard – TOGT) als Gewinner der Bergwertung ausgezeichnet. Die Nachwuchswertung ging an Hirschi, die Mannschaftswertung an UAE Team Emirates.

So lief die 5. Etappe der Tour de Luxembourg:

Zu Rennbeginn löste sich eine Ausreißergruppe mit unter anderem dem Deutschen Juri Hollmann (Movistar) und dem Österreicher Marco Haller (Bora – hansgrohe) sowie dem Belgier Lennert Teugels (Bingoal WB). Doch richtig Ruhe kehrte nicht ein.

Nach gut 60 Kilometern war man zu neunt rund eine Minute vor dem Feld, dann schmolz die Lücke nochmal zusammen und drei weitere Fahrer, darunter Zeitfahrsieger Victor Campenaerts (Lotto – Dstny) sowie Ex-Weltmeister Julian Alaphilippe (Soudal – Quick-Step), sprangen nach vorn. Über die nächsten Hügel wuchs der Vorsprung der nun zwölfköpfigen Spitzengruppe nochmal an, doch richtig weit weg vom Hauptfeld war man nie.

So standen nach knapp 100 Rennkilometern nur 1:10 Minuten auf der Uhr, obwohl der in der Gesamtwertung Bestplatzierte unter den Ausreißern mit Asbjorn Hellemose (Lidl – Trek) 3:33 Minuten Rückstand aufs Gelbe Trikot mit in den Tag gebracht hatte. Teugels sicherte sich aus der Gruppe heraus drei der vier Bergertungen des Tages, trotzdem aber konnte er mit nun 22 Punkten nur auf vier Zähler an den Bergtrikotträger Mats Wenzel (Leopard – TOGT) heranrücken.

Haller und Hollmann in Spitzengruppe, Bagioli versucht Solo

Knapp 60 Kilometer vor Rennende begann dann die Attackiererei unter den Spitzenreitern und 15 Kilometer später waren nur noch sechs Mann vorne beisammen: Haller, Hollmann, Campenaerts, Andrea Bagioli (Soudal – Quick-Step), Magnus Cort (EF Education – EasyPost) und Alexandre Delettre (Cofidis). Doch das Sextett hatte schon jetzt nur noch 25 Sekunden Vorsprung auf das von Jumbo – Visma mit Steven Kruijswijk und Andrey Amador (EF Education – EasyPost) angeführte Hauptfeld und 44 Kilometer vor dem Ziel ließ Bagioli an einem der unzähligen kurzen Anstiege seine Begleiter stehen.

Knapp zehn Kilometer später wurden bis auf Bagioli, der seinen Vorsprung nun wieder auf 45 Sekunden ausgebaut hatte, alle Ausreißer zurückgeholt. Kurz darauf spannte EF Education – EasyPost seine gesamte Mannschaft vor das Hauptfeld, weil bei den ersten beiden Zieldurchfahrten 23,2 beziehungsweise 11,6 Kilometer vor Schluss zwei Bonussprints warteten und man mit Ben Healy dort das Gelbe Trikot angreifen wollte.

Healy fehlen die Körner für Bonifikationen am Zwischensprint

Die Männer in Pink um Jonas Rutsch stellten Bagioli kurz vor der 25-Kilometer-Marke und knallten dann mit Vollgas in die Steigung in Richtung Ziel hinein. Dort aber konnte Healy die Vorarbeit nicht nutzen, sondern musste unter dem Tempodiktat von Richard Carapaz reißen lassen, während Marc Hirschi im Gelben Trikot mit dem Ecuadorianer mitfahren konnte. Als Carapaz das merkte, nahm er heraus, doch der Schaden war angerichtet: Sören Kragh Andersen (Alpecin – Deceuninck) gewann den Zwischensprint vor Hirschi und dem Gesamtzweiten Brandon McNulty, so dass Healy keine Sekunden gewann, sondern auf beide Kontrahenten im Kampf um den Gesamtsieg sogar Boden verlor.

Nach dem Sprint attackierte dann Carapaz. Er bekam kurz darauf Begleitung von Alexis Guerin (Bingoal WB) und das Duo ging die letzten 15 Kilometer mit 20 Sekunden Vorsprung auf das nun von UAE Team Emirates angeführte Hauptfeld an. Als es zurück in den knapp einen Kilometer langen, aber sehr steilen Anstieg zur zweiten Zieldurchfahrt ging, büßten die beiden Spitzenreiter aber Sekunde um Sekunde ein. Guerin führte das Rennen zwar über die Linie und holte die drei Bonussekunden vor Carapaz, doch nur noch fünf Sekunden dahinter gewann Ilan van Wilder (Soudal – Quick-Step) die letzte verfügbare Bonifikation vor der Zielankunft und führte das Hauptfeld in die letzte 11,6-Kilometer-Runde.

Johannessen klar der Stärkste in finaler 15-Mann-Gruppe

An der 10-Kilometer-Marke waren Carapaz und Guerin gestellt, doch sofort setzte Ewen Costiou (Arkéa – Samsic) zum Gegenangriff an und hinter ihm bildete sich eine Verfolgergruppe mit unter anderem Gregor Mühlberger und dessen Movistar-Teamkollegen Alex Aranburu sowie Bob Jungels (Bora – hansgrohe). Weil keiner der Angreifer eine Gefahr für das Gelbe Trikot darstellte, ließ UAE hinten nun etwas lockerer und vier Kilometer vor Schluss lagen 15 Mann an der Spitze 20 Sekunden vor dem Feld.

Die 15 Spitzenreiter machten im Anstieg hinauf in die Stadt Luxemburg den Tagessieg unter sich aus, doch der Kampf dauerte nicht lange. Denn Tobias Halland Johannessen (Uno-X) brauchte zwei Kilometer vor Schluss nur einen harten Antritt, die Konkurrenz schaute sich einen Moment zu lange an und der Norweger war weg. Johannessen fuhr dem Etappenerfolg entgegen, während dahinter Aranburu zu Platz zwei spurtete.

Die Favoriten auf den Gesamtsieg fuhren den letzten Anstieg zwar Vollgas hinauf, doch Hirschi ließ sich nicht mehr abschütteln und behauptete so sein Gelbes Trikot.

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