Roglic im Finale der 11. Tour-Etappe gestürzt

Vingegaard schlägt Pogacar im Bergaufsprint

Von Marc Zeiringer

Foto zu dem Text "Vingegaard schlägt Pogacar im Bergaufsprint "
Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike, li.) hat die 11. Etappe der 111. Tour de France gewonnen. | Foto: Cor Vos

10.07.2024  |  (rsn) - Die 11. Etappe der 111. Tour de France hatte alles zu bieten, was das Radsportherz höher schlagen lässt. Nach 211 Kilometern von Èvaux-les-Bains nach Le Lorian mit insgesamt 4.350 Höhenmetern triumphierte Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike) in einem packenden Zielsprint knapp vor Tadej Pogacar (UAE Team Emirates).

Für den Titelverteidiger aus Dänemark war dies der erste Sieg nach seinem schweren Sturz bei der Baskenland-Rundfahrt Anfang April. Auf Rang drei kam der Belgier Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step) mit 25 Sekunden Rückstand ins Ziel. Denselben Zeitabstand bekam auch der gut einen Kilometer vor dem Ziel gestürzte Primoz Roglic (Red Bull – Bora – hansgrohe) als Vierter zugesprochen. Der Slowene profitierte dabei von der 3-Kilometer-Regel, nachdem er 30 Sekunden nach Evenepoel angekommen war. Die Top Fünf rundete mit 1:47 Minuten Rückstand der Italiener Giulio Ciccone (Lidl – Trek) ab.

"Es ist natürlich extrem emotional. Zurückzukommen nach dem Sturz … es bedeutet so viel“, sagte Vingegaard unter Tränen im Sieger-Interview, in dem ihm dann sogar die Stimme versagte. “Ich musste viel durchstehen in den letzten Monaten. Das geht einem alles durch den Kopf. Ich wäre dazu niemals in der Lage gewesen ohne meine Familie. Sie hat mich die ganze Zeit unterstützt. Dieser Etappensieg bedeutet so viel, ich habe ihn für sie errungen“, fuhr der 27-Jährige dann fort, um zu betonen: “Ich bin einfach froh, hier zu sein. Ich konnte Pogacar nicht direkt folgen, ich musste kämpfen. Dann haben wir zusammengearbeitet und ich konnte ihn im Sprint schlagen“, schilderte er das packende Finale.

“Dieser Sieg ist sehr wichtig für Jonas. Das war vielleicht sein schönster überhaupt, er gewinnt ja nicht so oft einen Bergaufsprint gegen Tadej. Er war heute wirklich wie ein Champion und er hat es wirklich verdient. Jeder hat gesehen, wie stark Jonas am vorletzten Anstieg war. Da ist er sein eigenes Tempo gefahren – sehr, sehr beeindruckend, denn am Fuß des Anstiegs hatte er 35 Sekunden Rückstand und den hat er nach und nach wettgemacht. Dafür Chapeau!“, lobte Visma-Sportdirektor Grischa Niermann den zweimaligen Tour-Gesamtsieger für dessen Auftritt.

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Für den 25-jährigen Pogacar war es trotz der knappen Niederlage im Sprint ein erfolgreicher Tag in den Bergen, konnten er und sein UAE Team Emirates doch erneut ihre Dominanz unterstreichen. Kurz vor dem Gipfel des vorletzten Anstiegs attackierte der Träger des Gelben Trikots, fuhr sich einen Vorsprung von gut 30 Sekunden heraus und wurde dann aber doch noch von Vingegaard gestellt.

“Es war ein sehr guter Tag, das Team hat einen guten Job gemacht. Ich habe mich am Puy-Mary gut gefühlt, versuchte dort anzugreifen. Dann kam Jonas am nächsten Anstieg richtig gut zurück und wir sind gemeinsam zum Ziel gefahren. Wir sehen, dass es nun ein Kampf mit gleichen Waffen ist. Er hat eine super Form und hat mich auf der Ziellinie geschlagen, obwohl ich einen guten Sprint gemacht habe. Es war ein harter Tag, den ich aber genossen habe. Ich hoffe, wir können nun so weitermachen“, zeigte sich Pogacar mit seiner Leistung und dem Ergebnis zufrieden.

Pogacar geschlagen, baut aber Führung im Klassement aus

In der Gesamtwertung konnte er seinen Vorsprung auf den zweitplatzierten Evenepoel auf 1:06 Minuten vergrößern und auch in der Bergwertung übernahm Pogacar die Spitzenposition. Vingegaard liegt in der Gesamtwertung mit 1:14 Rückstand weiterhin auf Rang drei. Roglic hat als Vierter 2:15 Minuten Rückstand. Der Österreicher Felix Gall (Decathlon – AG2R La Mondiale) verbesserte sich mit einem starken zehnten Platz als bester deutschsprachiger Fahrer auf Rang 13.

Biniam Girmay (Intermarché – Wanty) bleibt im Grünen Trikot des punktbesten Fahrers, Tour-Debütant Evenepoel verteidigte das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers. UAE Emirates baute seinen Vorsprung in der Teamwertung weiter aus.

So lief die 11. Etappe der Tour de France:

Vom Start weg versuchten sich Fahrer vom Feld zu lösen, doch erst nach 60 Kilometer schien sich eine Gruppe etablieren zu können. Doch auch diese zwölf Ausreißer wurden vom jagenden Peloton bei einem Schnitt von 50 km/h wieder eingeholt. Die sehr schnelle und hektische Anfangsphase streckte sich auf rund zwei Stunden.

Erst kurz vor der ersten Bergwertung 133 Kilometer vor dem Ziel setzten sich Richard Carapaz (EF Education – EasyPost) und Matteo Vercher (Total Energies) ab. Kurz danach schlossen Paul Lapeira (Decathlon – AG2R La Mondiale), Oscar Onley (dsm-firmenich – PostNL), Ben Healy (EF Education – EasyPost) und Oier Lazkano (Movistar) zu dem Duo auf.

An der Cote de Larodde lösten sich auch noch Romain Gregoire (Groupama – FDJ), Guillaume Martin (Cofidis), Julien Bernard (Lidl – Trek) und Bruno Armirail (Decathlon – AG2R La Mondiale) aus dem Feld. Die vier Franzosen erreichten die Spitze kurz vor Halbzeit des Rennens. Mehr als zweieinhalb Minuten Vorsprung konnten sich die nun zehn Ausreißer aber nicht herausfahren, weil UAE Team Emirates bei weiterhin sehr hohem Tempo nicht mehr zuließ.

Das Streckenprofil der 11. Etappe der Tour de France | Foto: Veranstalter

Am steilen Anstieg Col de Néronne (2. Kat.) wurde sowohl in der Spitzengruppe als auch im Feld das Tempo weiter erhöht. Vorne konnte nur Healy einer Attacke von Lazkano folgen. Der Ire gewann auch den Bergsprint vor dem Spanier und Carapaz, der knapp dahinter lag. Das zu diesem Zeitpunkt nur noch rund 25 Fahrer umfassende Feld mit dem Gelben Trikot und allen weiteren Favoriten schrumpfte hatte zu diesem Zeitpunkt noch knapp eine Minute Rückstand auf die Spitze.

Noch vor der Bergwertung des Puy Mary (1. Kat.) wurden dank der Tempoarbeit von UAE Team Emirates die übrig gebliebenen Ausreißer gestellt. Rund 600 Meter vor dem Gipfel griff Pogacar an. Vingegaard und Roglic konnten zunächst folgen, mussten aber schnell eine Lücke aufgehen lassen. In dieser Reihenfolge überquerte das Trio die Bergwertung, Evenepoel folgte mit mehreren Sekunden Rückstand. In der Abfahrt schloss Roglic zu Vingegaard auf, doch das Duo hatte bereits 30 Sekunden Rückstand auf Pogacar. Um Evenepoel hatte sich mittlerweile eine weitere Verfolgergruppe gebildet.

Der starke Abfahrer Carlos Rodriguez (Ineos Grenadiers) sorgte dafür, dass die Gruppe mit Evenepoel wieder zu Vingegaard und Roglic aufschließen konnte. Im Anstieg zum Col de Pertus (2. Kat.), dem vorletzten Berg des Tages, setzten sich zunächst Vingegaard, Roglic und Evenepoel ab, der dann aber den Kontakt verlor, ehe der Titelverteidiger auch Roglic abschüttelte und kurz vor der Bergwertung tatsächlich zu Pogacar aufschließen konnte. Der Mann im Gelben Trikot sicherte sich aber den Bonussprint und damit acht Sekunden vor Vingegaard (fünf Sekunden). Dahinter holte sich Evenepoel die letzten zwei Sekunden vor Roglic, doch an das Spitzenduo kamen die beiden nicht mehr heran.

Späte Schrecksekunde für Roglic

Deren Vorsprung war so groß, dass sich Vingegaard und Pogacar auf dem ansteigenden Schlusskilometer belauern konnten. Der Däne eröffnete schließlich mit großem Gang den Sprint, Pogacar versuchte auf den letzten Metern an seinem Gegner vorbeizufahren, doch der hielt dagegen und holte sich hauchdünn seinen vierten Tour-Etappensieg hauchdünn vor dem Gesamtführenden.

Dahinter rutschte Roglic in einer Kurve auf der letzten Abfahrt des Tages weg und musste Evenepoel ziehen lassen, der sich mit 25 Sekunden Rückstand den dritten Platz vor dem dreimaligen Vuelta-Champion sicherte. Da Roglic aber innerhalb der letzten drei Kilometer zu Fall gekommen war, wurde er zeitgleich mit dem Zeitfahrweltmeister gewertet.

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