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27.09.2011 | (rsn) - In der Serie "Was macht eigentlich...?" befragt Radsport News Ex-Profis über ihr Leben nach der Radsportkarriere. Diesmal steht der ehemalige T-Mobile-Fahrer Steffen Wesemann, 2004 Gewinner der Flandern-Rundfahrt, Rede und Antwort.
Sie sind seit 2005 Schweizer Staatsbürger. Wem haben Sie am Sonntag beim WM-Straßenrennen die Daumen gedrückt, den Deutschen oder den Schweizern?
Wesemann: Ich hätte natürlich Gringo (André Greipel, d. Red) gerne ganz vorne gesehen, aber auch Fabian Cancellara. Prinzipiell ist es schwer zu sagen. Es kommt bei mir immer darauf an, ob gewisse Emotionen im Spiel sind, ob ich den Fahrer persönlich kenne oder nicht – da ist es egal, ob er Deutscher oder Schweizer ist. Im Fußball ist es leichter. Da halte ich bei einem Turnier so lange zu den Schweizern, bis sie ausgeschieden sind und drücke dann den Deutschen die Daumen.
Sie sind mehrmals bei einer WM am Start gewesen. Was unterscheidet ein WM-Rennen von einem herkömmlichen Klassiker?
Wesemann: Bei einer WM starten Nationalmannschaften. Da gehen Fahrer gemeinsam an den Start, die im sonstigen Saisonverlauf für verschiedene Teams fahren. An einem solchen Tag müssen alle an einem Strang ziehen. Bei den Italienern etwa hat man in der Vergangenheit oft erlebt, dass sie sich gegenseitig kaputt gefahren haben, da jeder gewinnen wollte. Ist man bei der WM nicht Kapitän, dann muss man für einen anderen passen, egal, ob man mit dem Kollegen sgut klar kommt oder nicht. Wichtig ist hier die Aufgabe des Nationaltrainers, der die Mannschaft einschwören muss, so dass diese an einem Strang zieht, ei es über Motivation oder auch über Prämien.
Hat Sie der Sieg von Cavendish überrascht?
Wesemann: Ehrlich gesagt nicht. Ich habe noch am Morgen mit einem Kollegen gesprochen und gesagt, dass Cavendish gewinnt, wenn die Form stimmt und dass dann nur noch um Platz zwei gefahren wird. Er hat schon bei der Tour gezeigt, dass er nicht nur die tellerflachen Sprints kann.
Seit Ihrem Sieg bei der Flandern-Rundfahrt 2004 warten die Deutschen auf einen großen Sieg bei einem Klassiker-Monument. Woran liegt das?
Wesemann: Bis zu meinem Sieg in Flandern mussten die Deutschen auch 40 Jahre warten, nachdem Rudi Altig das Rennen in den 60er-Jahren gewinnen konnte. Warum soll es jetzt schneller gehen? Man darf aber auch nicht vergessen, dass es in den letzten Jahren zahlreiche deutsche Top-Ergebnisse bei Eintagesrennen gab. Heinrich Haussler wurde Zweiter in Flandern, Marcus Burghardt hat Gent-Wevelgem gewonnen. Bei einem großen Klassiker muss einfach alles zusammenpassen, um den Sieg zu holen. Eine Faustregel besagt, dass du vier Mal das Finale gefahren sein musst, um ein Mal die Chance auf den Sieg zu haben. In Zukunft sehe ich aber gute Chancen für die Deutschen. Ein John Degenkolb etwa hat bei Roubaix oder Flandern in meinen Augen gute Aussichten. Auch Robert Wagner traue ich bei den Klassikern noch gute Ergebnisse zu.
Sie sind seit Ihrem Karriereende als Fahrermanager tätig. Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Wesemann: Gemeinsam mit meinem Partner Tony Rominger haben wir 16 Fahrer unter Vertrag. Wir beide ergänzen uns ganz gut. Er bringt jede Menge Erfahrung mit und ich die Kontakte zu den jungen Sportlern. Wie viele Stunden ich pro Tag arbeite, ist schwer zu sagen. Hat man einen Tour-Sieger oder Weltmeister unter Vertrag, dann lassen sich die Deals recht schnell abwickeln. Schwieriger wird es bei Fahrern, die kein gutes Jahr hatten. Da sind die Gespräche viel intensiver, zeitaufwendiger. Prinzipiell finden die ersten Sondierungsgespräche zwischen Februar und April statt. Die wirklichen Verhandlungen laufen dann während und nach der Tour de France. Da hat man fünf bis sechs Wochen Hektik, dafür dann aber auch wieder eine Zeit lang Ruhe, vor allem, wenn mehrjährige Verträge abgeschlossen wurden.
Wie kommt der Kontakt zwischen Fahrer und Fahrermanager zu Stande?
Wesemann: Im Normalfall sprechen uns die Fahrer an. Gerade wenn sie es auf eigene Faust probiert haben und bei der Teamsuche nicht erfolgreich waren, wenden sie sich an uns. An manche Fahrer treten wir aber auch heran, besonders, wenn man sie schon persönlich kennt, und bietet ihnen ein unverbindliches Beratungsgespräch an.
Würden Sie sagen, dass es für jeden gestandenen Profi heutzutage ohne Fahrermanager nicht mehr geht?
Wesemann: Jein. Wenn du erfolgreich bist, dann brauchst du keinen Manager. Den brauchst du, wenn es bei dir nicht läuft, wenn du mit Handbruch acht Wochen keine Rennen fahren konntest und in keiner guten Verhandlungsposition bist. Wir bestürmen aber nicht die Fahrer und sagen, dass sie einen Manager brauchen. Wir zeigen ihnen lediglich die Vorteile auf, die ein solches Engagement bringt. Letztlich entscheiden die Jungs dann selbst.
Was hat ein Fahrermanager zu regeln, wenn es gerade nicht um Verträge mit den Teams geht?
Wesemann: Es sind auch Verträge mit Schuh- oder Brillenherstellern abzuschließen oder Verträge für Kriterien auszuhandeln.
In den letzten Wochen gab es einige Zusammenschlüsse von Teams, so fusionieren etwa Leopard-Trek und Radioshack. Wie sehen Sie diese Entwicklung und hat dies Ihre Arbeit intensiviert?
Wesemann: Ich hatte schon etwas mehr zu tun, aber nicht übermäßig viel. Ich persönlich kann an diesen Fusionen aber nichts Gutes finden und stimme Rolf Aldag in seiner Kritik voll und ganz zu. Dem Ganzen kann aber nur die UCI einen Riegel vorschieben. Die Position des Weltradsportverbandes kann ich momentan aber nicht wirklich verstehen. Einem Johan Bruyneel mache ich da keinen Vorwurf, wenn er Manager eines Super-Teams werden kann. Den Beweggründen eines Flavio Becca kann ich hingegen nicht ganz folgen. Ärgerlich, dass mit Mercedes Benz zudem ein Sponsor vergrault wurde.
Die Tätigkeit des Fahrermanagers ist aber nicht Ihr einziges Betätigungsfeld…
Wesemann: Ich bin seit Jahren Generalimporteur von Lightweighträdern in die Schweiz und nach Lichtenstein. Ich überführe die Räder in die Schweiz, verzolle sie dort und verkaufe sie an Geschäfte. Mit dem Endkunden habe ich keinen Kontakt.
Sie unterstützen seit Neustem ein Rad-Projekt auf der griechischen Ferieninsel Kreta. Worum handelt es sich da?
Wesemann: Ich wurde von Axel Werner, einem Deutschen, der mit einer Griechin verheiratet ist, über Facebook kontaktiert. Er wollte mit zwei Partnern Radreisen auf Kreta organisieren. Dort gibt es viele Radfahrer, aber eben keine Radreisen. Ich selbst habe mir das Ganze vor Ort angeschaut, bin auf Kreta Rad gefahren und zu dem Entschluss gekommen, dass der Plan funktionieren kann. Ich bin für dieses Projekt als Werbepartner tätig. Dahinter steckt die SP Hellas. Im nächsten Jahr soll es auf Kreta bereits ein Jedermann-Rennen der UCI World Race Serie geben. Und in der Woche davor und danach kann man vor Ort mit mir gemeinsam trainieren. Ab 2013 sollen dann die Radreisen angeboten werden.
Wieso gerade Kreta?
Wesemann: Im Vergleich etwa zu Mallorca gibt es etwa mehr als drei Mal so viele Kilometer an geteerten Straßen. Die Insel ist klimatisch hervorragend zum Radfahren geeignet, man kann im Flachen und im Bergigen fahren und sich nach der Ausfahrt im Meer abkühlen. Neben dem Radfahren wollen wir unseren Gästen aber auch das kretische Lebensgefühl und die kretischen Produkte sowie die Kultur der Insel näher bringen.
Wird 2012 dann auch ihr ehemaliger Teamkollege Jan Ullrich bei den Jedermännern auf Kreta starten?
Wesemann: Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen, sehe ihn aber am 3. Oktober beim Charitiy Bike Cup und werde ihn darauf ansprechen.
Was halten Sie von seinem Comeback in der Jedermann-Szene?
Wesemann: Ich sehe es mit gemischten Gefühlen, aber er weiß, was er tut.
Wie oft sitzen Sie selbst noch im Rennsattel?
Wesemann: Das ist ganz unterschiedlich. In diesem Jahr sind es 5500 Kilometer, im Vorjahr war es nicht einmal die Hälfte und das war auch okay. Ich mache mir keinen Druck, fahre, wenn ich Lust dazu habe, oder eben bei Radreisen. Dafür bin ich aber jeden Tag zehn bis zwölf Kilometer mit meinem Hund unterwegs.
Können Sie sich in Zukunft eine Tätigkeit als Sportdirektor bei einem Rennstall vorstellen?
Wesemann: Absolut. Aber nur als Sportdirektor, nicht als Sportlicher Leiter. Ich bemühe mich auch nicht aktiv um diesen Job. Er müsste mir schon vor die Füße fallen. Meine Tage sind schon sehr ausgefüllt, aber eine solche Tätigkeit würde mich reizen. Auch die Tätigkeit als Berater bei einer großen Mannschaft für die Klassiker, wie sie Peter van Petegem bei Garmin einnimmt, wäre denkbar. Aber wie gesagt, ich renne einem solchen Engagement nicht hinterher.
Mit Steffen Wesemann sprach Christoph Adamietz.
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