Robert Müllers Ghana-Tagebuch

Wieder ein Trikotregen, wieder ein Pausentag

Von Arthur Lenné

Foto zu dem Text "Wieder ein Trikotregen, wieder ein Pausentag"
Die Hitze und die anspruchsvolle Strecke forderten den Fahrern alles ab. | Foto: Robert Müller

22.11.2025  |  (rsn) - Robert Müller ist wieder auf Achse. Wer seine Berichte aus den unterschiedlichsten Ecken der Radsport-Welt – von Südamerika bis Asien – kennt, weiß: Wenn "Radbert" unterwegs ist, wird es selten langweilig. Diesmal hat es ihn nach Westafrika zur Tour du Ghana verschlagen. In seinem Tagebuch lässt Müller die RSN-Leserinnen und -Leser an seiner Reise teilhaben.

Hier ist sein Bericht vom sechsten und siebten Tag, die ein Déjà-vu-Rennen und eine abenteuerliche Wanderung zum angeblich höchsten Berg Ghanas brachten.

Tag 6: Ein Rennen wie gestern und die Klinke des Anstoßes

Hallo aus Ho von der Tour du Ghana!
Die 3. Etappe war eine exakte Kopie der 1. Etappe, also 40 Kilometer in die eine Richtung und denselben Weg wieder zurück. Ursprünglich war ein weiterer ungeplanter Ruhetag angesetzt worden, aber die europäischen Teams konnten aushandeln, dass wir doch ein Rennen fahren. Meine größte Sorge ist gewesen, den ersten Anstieg direkt nach dem Start im vorderen Teil des Feldes zu überleben.

Zum Glück wurde jedoch, auf Initiative eines Niederländers, in einer Ansprache vor dem Start bekannt gegeben, dass wir den Anstieg neutralisiert fahren. Außerdem wurden alle Fahrer ermahnt, sich an den weiteren Anstiegen nicht am Auto festzuhalten, sondern fair zu fahren. Spoiler vorab: Es half nichts, denn ich sah viele Fahrer Klinke fahren, was allgemein ein Problem bei exotischen Rundfahrten ist.

Wir starteten also mit den üblichen zwei Stunden Verspätung neutralisiert mit moderatem Tempo, doch irgendjemand im Feld rief immer wieder "Slow down! I'm dying!" Oben hielten wir noch einmal kurz an, dann erfolgte der scharfe Start und es gab sofort Attacken von den Belgiern und Niederländern. Ich war wieder dafür eingeteilt, bis zum ersten langen Anstieg vor der Wende das Feld zu kontrollieren.

Als der begann, riss dem Fahrer neben mir beim Hochschalten das Schaltwerk ab. Andere ließen sich am Auto hochziehen, doch ich ging ins Gruppetto und fuhr den Rest der Etappe mit einer etwa zwölfköpfigen Gruppe. Mit dabei waren auch meine beiden Teamkollegen Andi und Aaron und die Gruppe harmonierte erstaunlich gut. Mit der Hitze hatte ich diesmal keine Probleme.

An der Spitze spielte sich das gleiche Spektakel wie vorgestern ab: Basti Dietl fuhr am Berg allen davon und kam wieder solo mit etwa zweieinhalb Minuten Vorsprung an. Er führt nun in der Gesamtwertung mit einem komfortablen Vorsprung von rund viereinhalb Minuten. Bei der Siegerehrung gab es demnach wieder einen Trikotregen. Wir wussten bereits, dass am nächsten Tag ein Ruhetag mit einer "organisierten" Exkursion auf dem Plan stand, aber genauere Infos darüber gab es wie immer nicht.

Am Abend beschwerte sich noch das Team aus Togo bei der Organisation darüber, dass sie in einer sehr schlechten Unterkunft hausten, kein Essen bekämen und ihrem Fahrer kein Spritgeld für das Teamfahrzeug gezahlt werde. Man muss leider sagen, dass hier ein bisschen eine Zweiklassengesellschaft herrscht und wir Europäer bevorzugt behandelt werden.

Tag 7: Eine Reise mit der Deutschen Bahn und der höchste Berg, der keiner ist

Nach nur drei Etappen zu je 80 Kilometer hatten wir uns den dritten Ruhetag bei der Tour du Ghana eigentlich nicht verdient, aber es war eine Exkursion angesetzt. Es sollte zum angeblich höchsten Berg Ghanas gehen und wir sollten um neun Uhr vom Bus am Hotel abgeholt werden. Nachdem wir eineinhalb Stunden gewartet hatten, beschlossen wir, stattdessen mit den Rädern eine Runde zu fahren und machten uns abfahrbereit.

Doch gerade, als wir losfahren wollten, erschien der Bus und wir zogen uns wieder um und nahmen Platz. Dann holten wir noch weitere Leute aus verschiedenen Hotels ab und kamen erst gegen zwölf Uhr mittags los. Die ganze Rundfahrt fühlt sich übrigens an wie eine lange Reise mit der Deutschen Bahn. Alles ist hoffnungslos verspätet, Sachen fallen kurzfristig aus und Pläne ändern sich ständig.

Die Fahrt zum Fuß des Berges dauerte etwa zweieinhalb Stunden und am Ende gerieten wir in einen starken tropischen Regenguss. Am Ziel angekommen donnerte es und es war die Rede davon, dass wir nicht auf den Berg gehen, sondern nur etwas essen würden. Doch wir bestanden darauf, den Berg zu besteigen und so begannen wir die Wanderung auf schlammigen Wegen durch den Urwald.

Es ging steil bergauf an Luftwurzeln und riesigen Bäumen vorbei, aber leider waren keine Tiere zu sehen. Viele Einheimische aus dem Rundfahrttross waren noch nie auf dem angeblich höchsten Berg ihres Landes gewesen. Es waren nur etwa 300 Höhenmeter zu bewältigen, aber wir schwitzen wie verrückt und es war durchaus anstrengend.

Oben angekommen, gab es ein Schild, auf dem stand: "Ghanas highest peak Afadjato 885 m". In Wirklichkeit ist der Berg jedoch nur 587 Meter hoch und man sieht in der Umgebung eindeutig höhere Berge. Aber wer will es mit den Fakten schon so kleinlich genau nehmen? Der Weg nach unten war sehr rutschig und man musste höllisch aufpassen, auf dem schlammigen Pfad nicht auszurutschen.

Ich hatte die ganze Zeit Sorgen, dass mich der hinter mir Gehende mitreißen würde, denn er rutschte ständig aus und rief immer wieder "my legs are shaking". Es glich einem Wunder, dass sich niemand verletzte, denn einige Leute trugen nur Flip Flops oder Sandalen. Am Besucherzentrum gab es dann lokales Essen: eine Maispaste, die aussah wie roher Plätzchenteig mit irgendeiner scharfen Soße und undefinierbarem Fleisch.

Mein Teamkollege Philipp traute sich sogar, selbst gepanschten Palmwein aus einem großen Plastikkanister zu trinken. Auf der Rückfahrt lieferten sich die beiden Busse trotz Gegenverkehrs ein Rennen, lautstark angefeuert von den Insassen. Gegen 20 Uhr waren wir dann wieder zurück im Hotel und bekamen gleich unser sehr gutes Abendessen aufgetischt. Es war ein schöner und erlebnisreicher Tag.

Bis bald
Gez. Sportfreund Radbert

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