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18.09.2022 | (rsn) - Tobias Foss hat in Wollongong für eine Sensation gesorgt und sich den Weltmeistertitel im Zeitfahren gesichert. Nach 34,2 Kilometern war der Norweger in der Zeit von 40:02 Minuten zwei Sekunden schneller als der Schweizer Stefan Küng, der bei der letzten Zwischenzeit noch deutlich in Führung gelegen hatte. Der Belgier Remco Evenepoel gewann mit neun Sekunden Rückstand Bronze. Vierter wurde der Brite Ethan Hayter, der seine Medaillenchancen durch Materialpech einbüßte, vor Küngs Landsmann Stefan Bissegger.
Wout Van Aert, Primoz Roglic, Rohan Dennis, Jonas Vingegaard – die vier Topstars der Jumbo – Visma-Mannschaft verzichteten allesamt auf ihren Start im Zeitfahren von Wollolong. Doch der 22-jährige Foss holte die Kohlen für die niederländische WorldTour-Mannschaft aus dem Feuer – und Gold nach Norwegen. “Es fühlt sich an, als ob ich träume. Ich kann es nicht glauben, es ist irreal“, meinte der frischgebackene Weltmeister im Ziel-Interview. Als Evenepoel das Ziel erreichte und klar war, dass Foss das Regenbogentrikot gewinnen würde, schlug er sich auf dem Hot Seat mehrfach ins Gesicht, um sicher zu sein, dass er nicht träumte.
Foss ist der erste Zeitfahr-Medaillengewinner seines Landes bei der Elite. 2010 wurde Thor Hushovd, ebenfalls in Australien, Weltmeister im Straßenrennen. Der inzwischen 44-Jährige gewann 2018 in Valkenburg auch den Titel im U23-Zeitfahren, dort sicherte sich Oskar Svendsen 14 Jahre später auch den Juniorentitel im Zeitfahren. “Ich habe alles rausgeholt, was ich in mir hatte. Ich kann nur machen, was ich selbst kann – und dann müssen die anderen ihr Rennen fahren…aber Mann…es ist einfach unglaublich“, rang der neue Weltmeister um Worte.
Für Foss war es erst der vierte Sieg seiner Profilaufbahn, zuvor wurde er lediglich zwei Mal Landesmeister im Zeitfahren und ein Mal im Straßenrennen. “Meine Beine waren heute wirklich gut. Ich kam von den kanadischen Rennen und wusste, dass meine Form gut ist. Aber das hier ist mehr, als ich zu träumen gewagt hätte. Ich werde probieren es zu genießen, aber erstmal muss ich mir das Ganze wirklich realisieren“, meinte er mit Freudentränen in den Augen.
Für den 28-jährigen Küng endete das Rennen trotz Silber erneut in einer Enttäuschung. Bei der EM in München verpasste er Gold um eine Sekunde, beim Olympischen Zeitfahren in Tokio fuhr er nur wenige Zehntel an Bronze vorbei und auch in Wollolong verpasste er den Titel denkbar knapp. Küng war allerdings nicht der einzige Pechvogel des Tages, denn der US-Amerikaner Magnus Sheffield lag gut im Rennen, bis er durch einen Sturz im Finale noch auf Position 17 zurückgeworfen wurde.
Noch schlimmer erwischte es den Briten Ethan Hayter, der trotz Materialpechs und einem Radwechsel mit nur 39 Sekunden Rückstand Vierter wurde. “Ich wusste, dass ich an einem guten Tag um den Sieg mitfahren kann. Ich hatte zwar Kettenprobleme, aber vielleicht war es nicht nur das, 40 Sekunden sind eine Menge Zeit“, sagte der 24-Jährige. “Wir werden wohl niemals wissen, was das genau gekostet hat. Das Rad zu wechseln hat vielleicht 20 Sekunden gedauert. Danach war ich nicht mehr so richtig in meinem Rhythmus, weil sich das Rad etwas anders anfühlt war ich in den Kurven auch unsicherer. Es ist schade“, fügte Hayter an.
Enttäuschend verlief das Rennen auch für den Italiener Filippo Ganna und den Slowenen Tadej Pogacar, die zu den Favoriten gehörten, aber die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte. Titelverteidiger Ganna beendete das Rennen als Siebter und lag damit eine Position hinter dem zweifachen Tour-de-France-Sieger.
Die beiden deutschen Teilnehmer konnten wie erwartet nicht in den Kampf um die Medaillen eingreifen. Nikias Arndt wurde 16., Neoprofi Miguel Heidemann schloss sein erstes WM-Rennen bei der Elite auf Rang 20 ab.
So lief das Rennen:
Mit Luke Plapp und Edoardo Affini starteten zwei starke Zeitfahrer in der ersten der insgesamt vier Blöcken. Während der Italiener nach 7,2 Kilometern mit zwei Sekunden Vorsprung vorn lag, drehte der Australier den Spieß beim zweiten Messpunkt um und war seinerseits um zwei Sekunden schneller als Affini. Bis zum Ziel waren daraus vier Sekunden Vorsprung geworden.
Aus dem zweiten Starterblock heraus griffen gleich elf WorldTour-Profis ins Rennen ein, unter ihnen mit Arndt auch der erste Deutsche. Doch keiner von ihnen konnte bei der ersten Zwischenzeit Affini unterbieten. Der Belgier Yves Lampaert schlug sich dort mit fünf Sekunden Rückstand als Dritter am besten. Beim zweiten Messpunkt wendete sich das Blatt, zunächst fuhr der Franzose Bruno Armirail 15 Sekunden schneller als Plapp, dann war Lampaert noch um eine weitere Sekunde besser, ehe Bissegger um weitere sieben Sekunden die Bestzeit unterbot Arndt absolvierte einen starken zweiten Sektor und machte drei Positionen gut, büßte im Finale aber wieder Zeit und einen Platz ein.
Die Kräfteverhältnisse der zweiten Zeitmessung bestätigten sich im Ziel, wo Bissegger die Bestmarke vor Lampaert und Armirail setzte. Die dritte Gruppe war weniger stark besetzt, nur drei Profis, unter ihnen der Deutsche Miguel Heidemann, befanden sich in diesem Block. Der 24-Jährige kam als Neunter ins Ziel und war damit direkt hinter dem Kanadier Derek Gee der zweitbeste Fahrer seiner Gruppe.
In der letzten Startgruppe waren die restlichen Favoriten versammelt und machten die bisherigen Zwischenbestzeiten zur Makulatur. Sheffield war zunächst neun Sekunden schneller als Affini, ehe Foss diese Zeit um weitere zwei Sekunden verbesserte, wurde aber von Hayter knapp unterboten. Küng holte daraufhin die Bestzeit wieder zurück in die Schweiz. Pogacar büßte nach 7,2 Kilometern schon 16 Sekunden ein, Vuelta-Sieger Evenepoel dagegen setzte sich mit einer halben Sekunde Rückstand auf Position zwei. Der als letzter Fahrer gestartete Titelverteidiger Ganna war an diesem Punkte nur Fünfter mit drei Sekunden Rückstand.
Küng verliert im Schlusssektor Gold an Foss
Der 20-jährige Sheffield setzte den Trend bei der zweiten Zwischenzeit fort und nahm Bissegger hier 21 Sekunden ab. Der praktisch zeitgleiche musste Hayter mit Kettenproblemen das Rad wechseln, damit büßte der Dritte des ersten Messpunktes gut eine halbe Minute ein. Foss setzte unterdessen nach 24,5 Kilometern noch einen drauf und lag hier 20 Sekunden vor dem US-Amerikaner, der allerdings danach stürzte und schließlich nur als Achter ins Ziel kam und in der Endabrechnung Rang 17 belegte.
Besser erging es Foss, der auch im letzten Sektor stark fuhr und seinen Vorsprung auf Bissegger von 42 auf 47 Sekunden ausbaute. Nur eine Minuten später verlor der Norweger allerdings seine Bestzeit am zweiten Messpunkt an Küng, der elf Sekunden schneller war als der Jumbo-Profi. Während Pogacar sein Tempo in etwa halten konnte, büßten Evenepoel und Ganna viel Zeit ein. Evenepoel fiel auf Position drei hinter Foss zurück, noch schlimmer erwischte es Ganna, der mit 39 Sekunden Rückstand auf Position fünf abrutschte, womit nur noch vier Sekunden vor Pogacar und Pechvogel Hayter lag.
Der Brite rollte zunächst als Zweiter mit 40 Sekunden Rückstand auf Foss ins Ziel. Dann kam Küng – doch der Schweizer hatte sich das Rennen schlecht eingeteilt. Auf den letzten 9,5 Kilometern verlor er 14 Sekunden auf den Norweger, der um zwei Sekunden seine Spitzenposition behauptete. Pogacar beendete das Rennen hinter Hayter und Bissegger als vorläufiger Fünfter. Als Evenepoel, der bei der zweiten Zeitmessung nur vier Sekunden hinter Foss lag, das Ziel mit neun Sekunden Rückstand das Ziel erreichte, war klar, dass Gold an Norwegen gehen würde. Als letzter Fahrer beendete Ganna das Rennen als Siebter unmittelbar hinter Pogacar.
Bester der beiden deutschen Starter war Nikias Arndt auf Rang 16, Miguel Heidemann belegte Platz 20.
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