Momente für das Giro-Geschichtsbuch

Die zehn rosaroten Tage von "Opa“ Heppner

Von Guido Scholl

Foto zu dem Text "Die zehn rosaroten Tage von
Jens Heppner im Rosa Trikot des Giro d´Italia | Foto: Cor Vos

19.05.2017  |  (rsn) - Einen wechselhafteren Giro als jenen des Jahres 2002 hat es wohl nie vorher und auch nie mehr danach gegeben. Ein Favorit nach dem anderen wurde entweder aus dem Rennen genommen, brach in den Bergen ein oder stieg wegen Krankheit aus. Aus deutscher Sicht historisch waren allerdings die zehn Tage des damals bereits 37-jährigen Jens Heppner im Rosa Trikot.

Auf der 6. Etappe über schweres Terrain von Cuneo nach Varazze hatte Heppner den Sprung in die Gruppe des Tages geschafft, die äußerst prominent besetzt war: Der junge Jaroslaw Popovych, Oldie Mariano Piccoli, Eddy Mazzoleni, Bert Grabsch, Pietro Caucchioli und Giovanni Lombardi, der das Teilstück letztlich gewann, zählten zu den Fluchtgefährten des Deutschen. Mehr als fünf Minuten nach den Ersten des Tages erreichte das Feld das Ziel – eigentlich kein übermäßig großer Vorsprung, doch Heppner führte das Klassement anschließend mit 3:33 Minuten Vorsprung auf Stefano Garzelli an, weil er zuvor sowohl ein anspruchsvolles Ardennen-Stück mit Ziel in Ans und die erste Bergankunft in Limone Piemonte recht weit vorn beendet hatte.

Dass Heppner das Rosa Trikot einige Tage lang würde verteidigen können, war klar. Einerseits hatte er mit Telekom ein gutes Team dabei – unter anderem standen Kai Hundertmarck, Matthias Kessler, Ralf Grabsch und Thorsten Hiekmann im Aufgebot. Außerdem war Heppner kein Unbekannter. Im Jahr 1992 hatte er die Tour de France auf Platz zehn beendet, 1998 gewann er eine Etappe der Großen Schleife aus einer Gruppe heraus, und 1999 hatte er die Deutschland-Rundfahrt und Rund um Köln für sich entschieden. Keine schlechte Bilanz für einen Fahrer, der den Großteil seiner Karriere als Domestike unterwegs war.

Unter normalen Umständen wäre ihm mit solch einem Vorsprung ein Platz unter den Top Ten in der Endabrechnung zuzutrauen gewesen. Doch Heppner war mit 37 Jahren schon über seinen Leistungszenit hinaus und hatte keine Helfer für die Berge dabei. Wohl auch, weil er somit kaum eine Gefahr für die italienischen Protagonisten darstellte, feierten die Gazetten den Deutschen und verpassten ihm den Spitznamen "Nonno“ (Opa). Und dieser "Opa“ sollte sich als ausgesprochen zäh erweisen und seinen Vorsprung exzellent verwalten.

Problemlos verteidigte der Telekom-Profi sein Rosa Trikot auf dem 7. Teilstück, das Rik Verbrugghe als Solist gewann. Die darauffolgende Etappe führte nach Orvieto, wo ein knackiger Schlussanstieg ähnlich wie in Ans zu bewältigen war. Der Spanier Aitor Gonzalez landete dort seinen ersten großen Profisieg, und "Heppe“ gab nicht eine Sekunde seines Vorsprungs preis. Es folgten zwei Etappen für die Sprinter, ehe der 11. Abschnitt die erste große Bewährungsprobe für "Nonno“ bereit hielt.

Es ging hinauf nach Campitello Matese, allerdings ohne Garzelli, der wegen Dopingverdachts bereits ausgeschlossen worden war. Dies hatte für Heppner den Vorteil, dass sein ärgster Rivale Popovych war, der bereits 3:50 Minuten Rückstand aufwies. Die Gesamt-Favoriten Francesco Casagrande, Gilberto Simoni, Paolo Savoldelli und Wladimir Belli lagen zwischen 4:08 und 4:41 Minuten zurück. Simoni gewann die Bergankunft, Casagrande fuhr hinter ihm auf Platz zwei und verbesserte sich auch in der Gesamtwertung auf diese Position. Heppner hatte allerdings nur rund eine Minuten verloren und immer noch ein hübsches Polster von 2:58 Minuten. Popovych war gemeinsam mit dem Deutschen ins Ziel gekommen.

Es folgte ein welliger Tageabschnitt, den Ausreißer prägten – "Opa“ Heppner gab sich keine Blöße. Die Schlagzeilen gehörten allerdings Simoni, der wegen anhaltender Dopingverdächtigungen aus dem Rennen genommen wurde. Doch bereits tags darauf mussten die Giro-Teilnehmer die nächste Bergankunft meistern, diesmal über mehrere Anstiege, das Ziel befand sich in San Giacomo, wo Julio Alberto Perez Cuapio seinen zweiten Giro-Etappensieg holte. Heppner ließ sich im Schlussanstieg erneut nicht aus der Ruhe bringen und fuhr sein eigenes Tempo – am Ende des Tages waren noch immer 1:48 Minuten Vorsprung auf Casagrande übrig. Gesamtdritter war nun Fernando Escartin (2:36).

Im ersten Zeitfahren, es war die 14. Etappe, würde „Heppe“ kaum so viel Zeit auf diese beiden Kletterspezialisten verlieren, deshalb schielten die Experten auf die Abstände der stärkeren Leute im Kampf gegen die Uhr. Tyler Hamilton hatte 3:38 Minuten Rückstand, Dario Frigo, der auch mal wieder im Visier der Dopingberichterstattung stand, musste 2:44 Minuten aufholen. Doch am Ende des Tages verbesserte sich Cadel Evans, der erst im Jahr 2000 beschlossen hatte, vom Mountainbike aufs Rennrad umzusatteln, auf den Platz hinter "Opa“ Heppner – mit nur noch 48 Sekunden Abstand. Casagrande war auf 1:07 Minuten herangerückt, Zeitfahrsieger Tyler Hamilton lag um eine Sekunde vor dem Italiener.

So hatte "Heppe“ es geschafft, sich in Rosa in den Ruhetag zu retten. Aber es zeichnete sich ab, dass seine Tage im Maglia Rosa zu Ende gingen. Wenn er sich weiter so zäh zeigen sollte, war ein Platz unter den Top Ten am Schluss trotzdem immer noch denkbar. Umso mehr, weil Casagrande im Verlauf des 15. Teilstücks aus dem Giro ausgeschlossen wurde. Er hatte den Kolumbianer Freddy Garcia in einem Bergpunktesprint früh in der Etappe durch einen Schubser zu Fall gebracht. Garcia musste mit 30 Stichen genäht werden. Die Flachetappe wurde zur Beute von Mario Cipollini, Heppner blieb weiter in Rosa.

Dann sollte es auf der 16. Etappe unter anderem über den Pordoi-Pass gehen. Es war die Königsetappe dieses Giro, und Heppner machte sich keine Illusionen, dass er nun die Gesamtführung würde abgeben müssen. Doch wie viel Zeit würde der Routinier verlieren? Immerhin gab mit Wladimir Belli ein weiterer Topfahrer wegen einer Bronchitis auf. Doch auch Heppner musste früh abreißen lassen. Während vorn Perez-Cuapio seinen nunmehr dritten Giro-Etappensieg landete und uneinholbar in der Bergwertung enteilte, büßte „Nonno“, den die Italiener gebührend verabschiedeten, rund sechs Minuten ein.

Damit rutschte Heppner auf Position 12 in der Gesamtwertung. Alle Spekulationen über die Top Ten erübrigten sich auf dem 17. Teilstück, als der Deutsche mit Knieschmerzen aufgeben musste. Wäre er gesund geblieben, hätte "Heppe“ aber durchaus weiter vorne mitmischen können. Denn die Bergetappe mit Ziel oben in Folgaria ließ zunächst den neuen Mann in Rosa, Evans, straucheln, und kurz darauf auch den Zweitplatzierten der Gesamtwertung, Frigo. Sie büßten 17 respektive 12 Minuten ein.

Rosa übernahm Paolo Savoldelli, der damit einen großen Vorteil hatte: Sein eher mäßig besetztes Team – die einzigen bergfesten Helfer waren Paolo Lanfranchi und Bo Hamburger – musste das Trikot kaum mehr verteidigen, standen doch nur noch zwei flache Etappen und ein Zeitfahren an, wo "il falco“ keine Mühe hatte, Hamilton, seinen ärgsten Verfolger, auf Distanz zu halten und seinen ersten von zwei Giro-Gesamtsiegen einzufahren.

Lange nach seiner Karriere bezeichnete Jens Heppner die Tage im Rosa Trikot beim Giro d’Italia 2002 als die positivste Erinnerung an den Radsport – trotz seines Tour-Etappensiegs vier Jahre zuvor und der Tatsache, dass er Teil der Mannschaften gewesen war, die Bjarne Riis und Jan Ullrich zum Toursieg führten. Allerdings verdankt Heppner der "Nonno“-Episode doch seinen festen Platz im deutschen Radsport-Geschichtsbuch. Nach wie vor ist Heppner nämlich der Deutsche mit den meisten Tagen in Rosa.

Mehr Informationen zu diesem Thema

27.05.2017Ganz groß in der zweiten Reihe

(rsn) - Die jüngere Geschichte des Giro d’Italia war eng verknüpft mit Namen wie Marco Pantani, Ivan Gotti, Gilberto Simoni, Jewgeni Berzin und Pavel Tonkov. Im elften und letzten Kapitel dieser R

26.05.2017Die Revolte des kleinen Prinzen

(rsn) - Bei der Italien-Rundfahrt 2004 erwartete das Publikum den erneuten Zweikampf zwischen Gilberto Simoni und Stefano Garzelli, die sich bereits im Jahr zuvor duelliert hatten. Simoni hatte deutli

25.05.2017Die Stunde des Stellvertreters

(rsn) - Die Ausgangslage vor dem Giro d’Italia 2000 war aus mehrerlei Gründen spannend. Die Italiener fieberten einerseits der Rückkehr des 1999 wegen zu hohen Hämatokritwerts ausgeschlossenen Ma

22.05.2017Gottis großes Ding

(rsn) - Vor dem Giro d´Italia 1997 war kein glasklarer Favorit auszumachen – hinter jedem der Anwärter auf den Gesamtsieg stand ein kleineres oder größeres Fragezeichen. Das kleinste war sicherl

18.05.2017Showdown am Berg der Champions

(rsn) - Vor dem Giro d’Italia 1998 waren die Favoriten auf den Gesamtsieg schnell ausgemacht: Die Gewinner der beiden Vorjahre, Ivan Gotti und Pavel Tonkov, der Gewinner der Spanien-Rundfahrt 1996 u

15.05.2017Ullrichs ungewollte Abschieds-Gala

(rsn) - Im Jahr 2006 bestritt Jan Ullrich seinen zweiten und letzten Giro d’Italia. Es sollte sein vorletztes Profirennen überhaupt sein. Und er verabschiedete sich mit einem sensationellen Sieg vo

08.05.2017Ein Taktik-Fuchs und zwei Streithähne

(rsn) Die 1995er-Auflage des Giro d´Italia erlebte den ganz großen Auftritt des Schweizers Tony Rominger, war aber ebenso geprägt vom Streit der Gewiss-Kapitäne Jewgeni Berzin und Piotr Ugrumov.

07.05.2017Als den Panta-Tifosi das Herz brach

(rsn) - Der Giro d´Italia 1999 sollte zur großen Show des Marco Pantani werden. Doch anstelle einer Gala entwickelte sich das Rennen zum Drama, das im Rückblick die Tragödie einleitete, in deren V

05.05.2017Mortirolo 1994 - die Geburtsstunde des Piraten

(rsn) - Der Giro d’Italia 1994 markierte einen Wendepunkt für die Tifosi. Mit Marco Pantani ging ein Stern am Radsporthimmel auf, der die der übrigen Idole der italienischen Fans – allen voran C

04.05.2017Schnee am Gavia - der Tag, an dem die großen Männer weinten

(rsn) - Wer kennt sie nicht, die sportlichen Heldentaten von Fausto Coppi und Gino Bartali, von Alfredo Binda, Felice Gimondi und Eddy Merckx? Sie alle prägten die 100-Jährige Geschichte des Giro dâ

Weitere Radsportnachrichten

09.01.2026Mit Kool weniger Druck für Pieterse und Kastelijn

(rsn) – Das Top-Frauenteam der Gebrüder Philip und Christoph Roodhooft bestach in seinem dritten WorldTour-Jahr vor allem wieder durch eines - die Konstanz der beiden Leistungsträgerinnen Puck Pie

09.01.2026Eine Reise ins Universum des japanischen Keirin

(rsn) – Im Keirin geht es um Olympia-Medaillen. Der sogenannte ´Kampfsprint´ ist in Europa, Australien und Amerika längst angekommen und für spannende Rennen bekannt. Doch in seiner Heimat Japan

08.01.2026Iserbyt muss seine Karriere beenden

(rsn) – In einem emotionalen Video auf Instagram hat Eli Iserbyt (Pauwels Sauzen – Altez) das Ende seiner Karriere erklärt. Seit Februar 2025 hat er ehemalige Weltranglistenerste kein Rennen mehr

08.01.2026Verschneite Querfeldein-Titelkämpfe in Bensheim

(rsn) – Am kommenden Wochenende werden im südhessischen Bensheim die Deutschen Meisterschaften im Cross ausgetragen. Wie schon 2018 finden die Titelkämpfe rund um den Bikepark am Berliner Ring im

08.01.2026Soudal - Quick-Step bindet auch Magnier langfristig

(rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr

08.01.2026Soudal bleibt Titelsponsor bis 2030, Dumoulin wird Renndirektor

(rsn) - Ex-Profi Tom Dumoulin wird neuer Renndirektor des Amstel Gold Race. Der 35-jährige Niederländer übernimmt den Job von Leo van Vliet, allerdings erst zur Austragung 2027. Es wird die 61. sei

08.01.2026Titelverteidiger Plapp fährt hinterher: Vine ist neue Zeitfahrmeister Australiens

(rsn) – Jay Vine (UAE – Emirates – XRG) hat sich zum zweiten Mal nach 2023 zum australischen Zeitfahrmeister gekrönt. Der 30-Jährige fuhr in Perth, wo auch die Straßenrennen ausgetragen

08.01.2026Als ProTeam: Tudor legt den Fokus auf die Grand Tours

(rsn) – Der Schweizer Rennstall Tudor Pro Cycling hat am Mittwoch im spanischen Moraira etwas östlich von Calpe an der Costa Blanca seinen Medientag vor der Saison 2026 abgehalten. Und Miteigentüm

08.01.2026Nach starker Saison startet erneut die Jagd auf den “Heiligen Gral“

(rsn) – Sechs Neuverpflichtungen nahm FDJ - Suez für das Jahr 2025 unter Vertrag und krempelte das Team damit maßgeblich um. Vom siebten Platz 2024 arbeitete sich die französische Mannschaft zum

07.01.2026Simon Yates beendet Karriere

(rsn) – Der amtierende Giro-Sieger Simon Yates hat am Mittwochmittag völlig überraschend und mit sofortiger Wirkung seine Karriere beendet. “Ich habe die Entscheidung getroffen, mich vom profess

07.01.2026Pidcock und Pinarello-Sextett zieht es nach Chile

(rsn) – Dass Radsportler vor Saisonbeginn ins Höhentrainingslager ziehen, ist nichts Besonderes. Dass ein Septett von Pinarello einen Monat nach Südamerika reist, ist dann aber doch sehr ungewöhn

07.01.2026Roodhooft: Van der Poel “war einfach so, wie er sein musste“

(rsn) – In der Weihnachtsperiode hat Niels Vandeputte zwei Crossrennen im Trikot von Alpecin – Deceuninck und im neuen Jahr dem von Alpecin – Premier Tech gewonnen. Doch Fahrer der belgischen Ma

RADRENNEN HEUTE

    Radrennen Männer

  • Antwerp Port Epic (1.1, BEL)
  • Vuelta al Táchira en (2.2, VEN)
  • Tour de Gyeongnam (2.2, KOR)