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22.01.2008 | Er hat begonnen über sich und sein Leben, seine (Profi-Radsport-)Welt und deren unheilvolle Systematik nachzudenken: Jörg Jaksche – ehemaliger Kunde des Madrider Blutdopers Eufemiano Fuentes, intelligenter und mutiger Mensch, gesperrter Radprofi, geschmähter Kronzeuge - verhinderter Rückkehrer? Es geht dem 31-jährigen gebürtigen Franken nicht darum (Kollegen-)Namen zu nennen, aber wenn er vor dem Weltsportgerichtshof (CAS) in Lausanne dazu gezwungen wäre, dann könnte das unter Umständen dazu führen, dass weitere Rennställe dicht machen. Wir trafen den Wahl-Österreicher in Kitzbühel und sprachen mit ihm über Menschen, die ihn auf seinem Lebensweg begleitet haben.
Weil Jaksche so viel zu sagen hat, bringen wir das Gespräch in drei Teilen.
Teil 1: Jaksche über Fuentes, Franke, die Telekom-Ärzte und seine Eltern. Was würden Sie heute zu einem Kind sagen, das 2004 am Straßenrand stand, als Sie Paris-Nizza gewannen?
“Im Endeffekt ist es so, dass ich, was ich damals gewonnen habe nicht ehrlich erreicht habe. Der ganze Radsport war damals nicht ehrlich. Er ist zu einem Zirkus verkommen, einem Festival der Profitgier. Leider gibt es keinen sozialen Leistungssport. Ich kann dem Kind nur sagen, dass das, was ich und viele andere gemacht haben, nicht ehrlich war. Hätte ich ein Kind, ich wüsste nicht, ob ich es zum Radsport schicken würde. Aber mit Sicherheit lieber zum Radsport als in ein Fitness-Studio!“
Jaksche zu:
Harald Schwager, sein erster Trainer bei der RSG Ansbach:
„Mit meinem ersten Trainer hatte ich kein Gespräch über Doping, das war damals kein Fakt, der zu greifen gewesen wäre. Er hat mich auch nur bis zur Jugendzeit trainiert, das waren drei bis vier Jahre. Jahrelang erzählte man Leuten wie ihm Lügen, jetzt erwartet man, dass sie sagen: Toll Jörg, dass du geständig warst! Das ist natürlich schwierig. Im Großen und Ganzen denke ich aber, dass er es verstanden hat. Sein Sohn Sebastian ist ein talentierter Neuprofi beim Team Milram. Ich denke, dass sich bei Milram jetzt etwas ändern wird.“
Eufemiano Fuentes (Gynäkologe und in Madrid praktizierender Blutdoping-Experte aus Gran Canaria)
„In einem Artikel des Magazins Stern Ende 2007 hat er sich über mich aufgeregt. Den Schuh „Warum hat Jaksche das über mein Kind gesagt?“, den ziehe ich mir nicht an. Der Hintergrund war, dass ich meine Eltern aus dieser ganzen Sache raushaben wollte. Denn es gab den Kontakt zwischen meinem Vater, einem Augenarzt, und Fuentes; ein Telefongespräch, aufgrund der Augenerkrankung von Fuentes’ Tochter. Das wollte ich unbedingt klarstellen, um die Verbindung zu erklären.
Wenn Fuentes für sich selbst entscheidet, dass er die Klappe hält und Angst hat die Wahrheit zu erzählen, dann ist das seine Sache. Er ist ein seriöser Arzt gewesen, aber er ist auch ein Typ, der sich seine Welt so zurecht rückt, wie er sie gerne hätte. Er inszeniert sich jetzt selbst als Wohltäter, der nur „therapeutische Medizin“ verabreicht haben will. Da er aber ein Prämien-System für sportliche Erfolg hatte, widerspricht er sich selbst! Er spricht davon, dass er „gestressten Radfahrern“ half, bekam aber hunderttausende Euro, wenn seine Kunden große Rennen gewannen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke.“
Luigi Cecchini (Jaksches vorerst letzter Trainer):
„Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Ich habe mit ihm weder über Doping noch über Fuentes gesprochen, er hat folglich auch keinen Kontakt hergestellt. Es ging wirklich nur ums Training. Das war’s. Er wird zu einem Hexer stilisiert, der er nicht ist. Das Problem ist, dass Cecchini keine Interviews gibt. Er ist Millionär. Er macht die Trainingspläne als eine Art Hobby, nicht um damit Geld zu verdienen. Das bringt ihn in eine Aura, die die Leute möglicherweise anstachelt, ihm etwas nachzuweisen - er ist für sie einfach nicht „greifbar“. Cecchini ist nicht das Problem, manche Teammanager aber sehr wohl.“
Jef d'Hont (ehemaliger Pfleger beim Team Telekom)
„Ich kenne ihn nicht persönlich, er verließ Team Telekom Ende 1998, ich kam 1999 dazu. Seine Situation ähnelt in etwa meiner und Patriks (Sinkewitz, d. Red.): Einzelne werden verstoßen. Personen, die vielleicht kleine Rädchen waren, die aber sehr viel persönliche Verantwortung im System hatten, weil sie beispielsweise Substanzen transportierten. Er wäre in den Knast gewandert, hätte man bei ihm etwas gefunden. Und Godefroot hätte wahrscheinlich gesagt: D’Hont? Kenne ich nicht! Das „Sich-nicht-die-Hände-dreckig-machen“ damals, das Verstoßen der Leute, wenn sie heute auspacken, das ist erbärmlich. Deren Ausführungen jetzt sind weniger Hass - der durchaus berechtigt wäre – als vielmehr eine späte Klarstellung. Es geht darum, dass das System offen gelegt wird.“
Manolo Saiz (ehemaliger Arbeitgeber Jaksches und Teamchef bei der spanischen Formation Once-Eroski):
„Einer, der für ganz viele Leute bezahlt hat. Er musste sich von anderen Leuten, die genauso viel Dreck am Stecken haben, abstempeln und kriminalisieren lassen, musste deren Spott und Hohn ertragen. Manolo ist ein Mann mit Anstand und Würde, er hat es hingenommen. Sollte er zurückkommen, dann wird er sicherlich einen anderen Radsport betreiben.“
Professor Dr. Andreas Schmid (Sportmedizin Uniklinik Freiburg, momentan suspendiert):
„Vorneweg: ein herzensguter und hilfsbereiter Mensch! Seine derzeitige Situation tut mir sehr leid. Ich weiß nicht, ob er – wie Lothar Heinrich – einen zusätzlichen Privatvertrag mit den Betreibergesellschaften der Teams Telekom bzw. T-Mobile hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ihn eine Art Liebe zum Sportler auszeichnete, er wollte uns helfen. So wie ich es sah, machte er das, was er für uns tat, nicht gerne. Er sprang über seinen Schatten. Er weiß – wie ich - dass es nicht in Ordnung war, aber er hat es auch deshalb gemacht, weil er den Sportler vor sich selbst schützen wollte. Ich beispielsweise hätte es mir sonst irgendwo anders besorgt, hätte er es nicht getan! Andreas hat mich oft und ausdrücklich vor vielen Sachen gewarnt, die ich bei Gianluigi Stangas Team Polti kennen gelernt hatte; Insulin, Synacthen etc. Er war für mich einer der besten Ärzte, die ich je getroffen habe. Und er hat an den Sportlern kein Extra-Geld verdient.“
Dr. Lothar Heinrich (Sportmedizin Uniklinik Freiburg, Team Telekom- und T-Mobile-Teamarzt, momentan suspendiert):
„Zu ihm hatte ich ein normal bis gutes kollegiales Verhältnis. Als er 2006 in einem großen Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagte, dass er enttäuscht ist über Jan Ullrich, da dachte ich nur bei mir: Oh Gott, wie kann er so etwas guten Gewissens sagen?“
Georg Huber (Olympia- und BDR-Verbandsarzt, mittlerweile pensioniert. Im Mai ’07 wurde ihm erstmals Doping-Verabreichung vorgeworfen, daraufhin wurde er von der Uniklinik Freiburg „für den Bereich der Sportmedizin“ suspendiert):
„Ich hatte in der Vergangenheit mit ihm zu tun. Aber ich habe weder von ihm etwas angeboten bekommen noch sonst etwas. Er fällt für mich unter die „Kategorie Andreas Schmid“: Sehr netter Mensch, sehr guter Arzt – ich hatte nie ein Problem mit Herrn Huber.“
Professor Werner Franke (Molekularbiologe Universität Heidelberg, oberster Anti-Doping-Kämpfer, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande):
„Er ist 25 Jahre belächelt worden, jetzt wurde er bestätigt. Er sitzt in der Großen Kommission, die die Vorgänge in der Uniklinik Freiburg untersucht. Ich gehe davon aus, dass alles was er sagt, der Realität entspricht.“
Die Medien:
„Wir sind alle getrieben, und komischerweise sind wir auch wieder die Leute, die antreiben. So ist das ganze Doping-System. Wenn plötzlich die Fahrer sagen würden: ‚Wir hören auf!’ Oder wenn alle Sportlichen Leiter dasselbe sagen würden – dann wäre Schluss! Das ganze ist ein permanenter Selbstläufer, quasi ein „Perpetuum mobile“. Ein Kartenhaus, das immer wieder in sich selbst zusammenfällt. Mit Medien, die teilweise gar keine kritischen Fragen stellen wollen. Andererseits, als ich bei der Tour war im Sommer, da hörte ich dass Robbie McEwen ARD und ZDF keine Interviews mehr geben wollte, weil sie für seinen Geschmack wohl zu viel nach Doping fragten. Was machen die Medien dann? Bist du kritisch?
Ein allgemeines Problem ist, dass die Medienlandschaft brutal stark polarisiert, es gibt kein gesundes Mittelmaß. Selbst als ’98 Willy Voet mit seiner rollenden Festina-Apotheke angehalten worden war, da waren es die anderen – natürlich nicht die Deutschen, nicht das Team Telekom!“
Freundin Giulia (aus Florenz/Italien):
„Sie hat mich noch als Tinkoff-Profi kennengelernt. Die ganze Situation ist für sie wahrscheinlich auch etwas schwierig zu verstehen. Die Hintergründe, die Schwierigkeiten beim geplanten Wiedereintritt … Der Normalbürger denkt sich schließlich: Er hat das gemacht, was alle wollten; er war offen und ehrlich. Er hat seine Strafe kassiert, er hat bestehende Verträge verloren. Und das nicht, um sich selbst den Hintern zu retten - sondern um aufzuklären wie es ist. Sie versteht nicht, wo das Problem ist. Zuerst sagen die Leute: ‚Toll!’ Du wirst gefeiert und bejubelt. Plötzlich sagen sie, wie beispielsweise Hans-Michael Holczer: ‚Der Jaksche hat nicht genug gesagt!’ Vielleicht weiß er ja mehr? Möglicherweise hätte ich nicht auspacken sollen, dann wären heute einige zufriedener …“
Seinen Eltern (Ansbach/Bayern):
“Sie wollten nicht, dass ich Radprofi werde, haben sich aber dann relativ gut mit meinem Job arrangiert. Ich habe sie zehn Jahre lang angelogen. Ich habe ihnen im Sommer 2006 - kurz nachdem mein Name im Rahmen der Operacion Puerto erstmals genannt wurde - gesagt, dass ich keinen DNA-Test machen kann. Bis ich ihnen ein Jahr später meine „Beichte“ im Spiegel-Artikel vorlegte, gab es sehr viel Spannungen. Nach der Lektüre haben sie jedoch verstanden, wie und warum ich dazu kam, wie die ganzen Systemumstände sind. Jetzt wissen sie glücklicherweise, dass es nicht so war, dass nur ihr Sohn alle anderen beschissen hat, sondern dass es ein richtig großes Systemproblem ist! Ich sage immer: Es ist schwierig von einem 19-Jährigen zu erwarten, dass er sich seinen eigenen Traum zerstört! Im Augenblick sind sie gespannt, wie es mit mir weiter geht und stehen der Tatsache, dass ich in den Sport zurückkehren will, eher kritisch gegenüber. Sie vertrauen mir, wissen, dass ich anders an die Sache herangehe – etwas anderes möchte ich meinen Eltern unbedingt ersparen – aber sie sehen, dass die eigentlich positive Kronzeugen-Regelung viele kleine und große „Baustellen“ aufreißt. Ich wurde nie positiv getestet. Ich habe nicht ausgepackt, um mir ein Jahr Strafe zu ersparen - sondern weil ich die Kriminalisierung von uns Athleten vor allem durch solche Leute, die das jahrelang organisiert haben, einfach nicht mehr mit anschauen konnte. Meinen Eltern sehen, dass diese Leute mich aus dem Sport raus haben wollen. Ich dagegen werde morgen nicht unter einer Brücke schlafen müssen und sehe diesen Kampf beinahe schon als eine sportliche Herausforderung.“
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