Der 22-jährige Schweizer ist die Tourentdeckung

“Flying Hirschi“: In der Abfahrt reagiert er auf die Bremslichter

Von Tom Mustroph aus Culoz

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Marc Hirschi ist in der Abfahrt einer der schnellsten bei dieser Tour. | Foto: Cor Vos

14.09.2020  |  (rsn) - Marc Hirschi ist eine der ganz großen Ãœberraschungen dieser Tour de France. Drei Mal setzte der Tourneuling zum Etappensieg an. Zwei Mal wurde er knapp geschlagen, erst von keinem Geringeren als Julian Alaphilippe, das zweite Mal vom heranrasenden Feld. Beim dritten Mal hielt er dem Peloton bei seinem Soloritt im Finale aber stand. Das macht ihn stolz - und es führt auch schon zu Veränderungen in seinem Touralltag. "Ich spüre jetzt mehr Respekt im Peloton, ich habe auch mehr Platz als vorher", sagte er im Telefonchat am Ruhetag.

Hirschi nimmt diese Veränderungen recht gelassen hin. Denn der 22-Jährige weiß um seine Stärken. Er ist antrittstark, kommt gut die Anstiege hoch und sie auch super wieder herunter. Da darf die Konkurrenz sogar erleichtert sein, dass er auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat. "Früher, als ich ganz jung war, habe ich beim Training in den Kurven noch mehr Risiko genommen", meinte er.

Sein weniger riskanter Stil reicht aber schon, um Lücken gegenüber gestandenen Profis zu reißen. "Speziell trainiert habe ich das Abfahren aber nicht. Mir kommt einfach entgegen, dass ich früher viel Mountainbike und Cyclocross gefahren bin. Zwei Jahre war ich auch auf der Bahn", erklärt er seine gute Radbeherrschung.

Bei Abfahrten, die er zum allerersten Mal nimmt, verlässt er sich auf die Bremslichter der Autos und Motorräder vor ihm. "Daran erkenne ich, wie stark eine Kurve zugeht", meinte er. Und selbst wenn er sich mal verkalkuliert, bringt ihn das nicht aus der Ruhe. "Ich weiß, dass ich einen Fehler korrigieren kann. Dann brauche ich zwar etwas mehr Zeit, aber zu Fall komme ich deswegen nicht“, meinte er selbstbewusst. Seinen Spitznamen mag er sich wegen dieser rasanten Kurvenfahrten geholt haben. "Bei Swiss Cycling nennen sie mich 'Flying Hirschi'", erzählte er.

Schär: "Hirschi hat einen ausgeprägten Renninstinkt"

Noch eine besondere Qualität habe "Flying Hirschi", meint sein Landsmann Michael Schär. "Ich kenne ihn schon seit einigen Jahren aus den Nachwuchskategorien der Schweizer Nationalmannschaft. Er hat etwas, was ich in den letzten Jahren bei ganz wenigen beobachtete habe: einen ausgeprägten Renninstinkt, er hat eine richtige Nase für das Rennen. Er setzt auch immer seine Attacken im rechten Moment."

Mit Fabian Cancellara, der wie Hirschi aus Bern kommt, will Schär den neuen Stern am Schweizer Radsporthimmel aber nicht vergleichen. "Ich kenne Fabian besser, bin einige Jahre mit ihm und auch für ihn gefahren. Er ist der extrovertierte Typ, hat die Zeitfahren beherrscht. Marc ist ruhiger, mit seinen 20 Kilo weniger ist er auch besser für die Berge geeignet. Ich finde es auch schade, wenn man die jungen Schweizer Rennfahrer mit Fabian vergleicht. Fabian ist Fabian und Marc ist Marc", meinte Schär zu radsport-news.com.

Hirschi selbst sieht sein Wachstum auch im guten Zusammenspiel des Teams Sunweb begründet. "Wir sind alle auf einem sehr hohen Level hier. Der Teamspirit ist richtig gut", meinte er. Entgegen komme ihm auch, dass Sunweb in diesem Jahr mit keinem richtigen Leader unterwegs sei. "Wir sind mit acht Fahrern hier, von denen jeder eine Chance auf einen Etappensieg hat. Und je nachdem, wem die Etappe am besten liegt, für den wird dann auch gefahren", meinte Nikias Arndt, Road Captain bei Sunweb, zu radsport-news.com. Das Spiel mit den wechselnden Jokern ist bei Sunweb in diesem Jahr so ausgeprägt, dass mitunter sogar mitten auf der Etappe das Blatt neu gemischt wird.

"Dann spreche ich mit den Jungs den neuen Plan ab", beschreibt Arndt die Situation. Alles andere als Rechenschieberfahren also - und wie gemacht fürs schnell lernende Taktiktalent Hirschi.

Seine Erschöpfung hält sich in Grenzen

Für den Fortgang der Tour ist der Jungstar optimistisch. Seine Erschöpfung halte sich in Grenzen, verriet er. Seine bisherigen Erfolge haben ihn nur noch mehr angestachelt. "Ich weiß jetzt, dass ich so stark bin, dass ich selbst die erste Attacke setzen kann. Ich muss nicht auf Alaphilippe oder andere warten", sagte er voller Selbstbewusstsein.

Auf den WM-Kurs in Imola freut er sich auch. "Der Parcours könnte mir liegen, ich habe schon mit unserem Teamchef gesprochen. Ich werde als Leader ins Rennen gehen", kündigte er an. Und auch Landsmann Schär sieht in ihm aufgrund des bergigen und technisch anspruchsvollen Kurses einen der großen Favoriten für das Regenbogentrikot. So schnell kann es für einen Neuling gehen.

Eine Sache fürchtet der starke Schweizer dann aber doch. "Ich bin etwas angeschlagen, an der Nase merke ich das. Ich muss jetzt auf die Klimaanlage aufpassen, dass ich nicht krank werde", sagte der Sunweb-Profi. "Flying Hirschi" sollte sich also nicht zu sehr die Schwingen kühlen.

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