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Rennbericht Team Strassacker

King of the Lake 2021: Auf und Ab - bei Strecke und Gefühlen

Von Holger Koopmann

Foto zu dem Text "King of the Lake 2021: Auf und Ab - bei Strecke und Gefühlen"
Holger Koopmann en route | Foto: sportograf.com

22.09.2021  |  Alljährlich Mitte September findet sich die Zeitfahr-Gemeinde Europas am traumhaften Attersee im Salzkammergut ein, um ihre Könige und Königinnen beim "King of the Lake" zu krönen, kurz und liebevoll auch "KotL" genannt. Seit elf Jahren organisiert der Verein "Atterbiker" um OK-Chef Erwin Mayer dieses Highlight - und jedes Jahr schaffen Mayer und sein Team es, das Event noch ein bisschen perfekter zu gestalten.

Für die mittlerweile 1400 Starter/innen aus 26 Nationen gab es
in diesem Jahr erstmals auch den Wettbewerb "U23 King" und die Übertragung des Rennens per Livestream nicht nur auf der KotL-Website, sondern auch im Eurosport-Player. Übrigens: Wer sich das Rennen noch anschauen will: Im Eurosport Player ist es im On-Demand-Bereich unter der Rubrik Radsport zu finden. Vor Ort war dann auch noch der deutsche Ableger des "Global Cycling Network" (GCN) mit Tobias Knaup, um über den Wettbewerb zu berichten - Zeichen, die zeigen, dass der KotL inzwischen Benchmark im Jedermann-Zeitfahren und in der medialen Wahrnehmung angekommen ist.

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Neben dem klassischen Einzelzeitfahren (EZF) gibt es noch Wettbewerbe im Zehner- und Vierer-Mannschaftszeitfahren, sowie eine Extrawertung für Teilnehmer/innen mit Rennrad, also ohne Zeitfahr-Maschine. Das EZF unterteilt sich in die Wettbewerbe der Frauen (Queen), Nachwuchsfahrer (U23), Hobby/ Amateure (King) und Lizenz-Radsportler (Elite King). Bei King und Queen wird zudem noch in Altersklassen unterteilt, denn in diesen Wettbewerben stehen die meisten Teilnehmer/innen am Start; es gibt einen Querschnitt durch alle Altersklassen, dem mit einer altersgerechten Leistungsmessung Rechnung getragen wird.

Für mich war es mittlerweile der vierte Start
beim EZF des KotL. Eigentlich geht man da mit einer gewissen Routine an den Start, man kennt die Strecke und die Abläufe vor Ort. Doch nach einer Hüft-Operation war es für mich in diesem Jahr ein bisschen „Wundertüte“. In den Wochen vor dem Start hatte ich mit muskulären Problemen zu kämpfen, die als Folge der OP aufgetreten waren. Länger als 30 Minuten hatte ich mich im Vorfeld des Rennens nicht unter Wettkampfbedingungen belasten können, denn dann fing das linke Bein an zuzumachen.

So war ich lange am Überlegen, wie sinnvoll ein Start dieses Jahr sei. Nach drei Top-Ten-Platzierungen hatte ich natürlich einen gewissen Ehrgeiz, diese Leistungen zu bestätigen. Gleichzeitig wollte ich aber keine Langzeit-Probleme riskieren, die aus einer einstündigen Dauerbelastung rühren könnten.

Nun fand ich mich schlußendlich doch
auf der Startrampe in Seewalchen wieder. In diesem Jahr wieder ein gutes Stück näher an einem normalen Rennalltag als noch im Vorjahr, wo die Veranstaltung aufgrund der Corona-Bestimmungen lange Zeit auf der Kippe stand und nur unter Einschränkungen stattfinden konnte. Davon war nun kaum noch etwas zu spüren, wenngleich alle Teilnehmer/innen nur unter 3G-Bedingungen dabei sein konnten. Und so herrschte eine gewisse Lockerheit und Fröhlichkeit, denn auch 2021 hatte es nur wenige Freizeit-Rennen gegeben.

So freuten sich alle auf dieses Kräftemessen bei perfekten äußeren Bedingungen, die das strahlende Türkis des Attersees so richtig leuchten ließen. Ich hatte mir dies zum Start der Team-Zeitfahrwettbewerbe noch bei einem Hubschrauberrundflüg von oben angeschaut; nun war ich heiß auf meine Runde auf der 47 Kilometer langen, komplett gesperrten Strecke mit 280 Höhenmetern.

Drei, zwo, eins… und los ging es.
Mit jeder Sekunde des Countdowns schoss mein Adrenalin in die Höhe. Auch die Wattwerte stiegen beim Beschleunigen in Bereiche, die man schleunigst wieder verlassen sollte, da sich das  im Verlauf des Rennens rächen würde. Ich pendelte mich bald bei meiner Wettkampf-Pace ein, die für mich in diesem Jahr nach dem Auf und Ab der letzten Wochen allerdings nicht wirklich klar definiert war. Ich ging ein gewisses Risiko, mich an den Werten des Vorjahres zu orientieren. Dass das nach hinten losgehen könnte, war mir durchaus bewusst. Aber: „no risk, no fun...

Und Spaß wollte ich heute definitiv haben! So lief es bis zur ersten Zwischenzeit auch prächtig, meine Muskulatur gab mir keine negativen Rückmeldungen. Die kamen dafür aber von meinen Computer-Display, als ich nach zwölf Kilometern gut 27 Sekunden hinter meiner Vorjahreszeit lag. Das konnte ich zunächst nicht einordnen, denn die Leistungswerte waren fast identisch, und aerodynamisch hatte ich mich mit einer engeren Arm-Position, einem schnelleren Helm und Reifen mit weniger Rollwiderstand eigentlich weiter optimiert.

Als ich an meiner eigengestoppten Zwischenzeit
am anderen Seeende schon fast 50 Sekunden hinter dem Vorjahr zurücklag, gab es für mich nur einen Rückschluss: Der Wind musste, entgegen der Vorhersage für den heutigen Nachmittag, die Richtung gewechselt haben, auch wenn ich das außer durch meine Zeiten bisher nicht bemerkt hatte. Angesagt war ein leichter Nordwest-Wind gewesen, der auf dem Hinweg schiebt und auf dem Rückweg bremst. Nun war es also offenbar andersrum. Aber meine Muskulatur spielte immer noch mit und so ging ich die verbleibenden 23 Kilometer zurück nach Seewalchen mit vollem Elan an.

Am Wendepunkt in Unterach stellte sich dann der erste richtige Anstieg der Strecke in den Weg. Bis dortwaren es nur ein paar leichte Wellen, doch auf dem Rückweg sind drei längere und ein paar kurze Anstiege zu bewältigen, der steilste mit 13 Prozent. Mein Ziel in diesem Jahr, erstmals die magische Ein-Stunden-Marke zu knacken, gab ich aber noch nicht auf - auch wenn das bedeutete, auf dem Rückweg gut eine Minute schneller unterwegs sein zu müssen als in den Vorjahren.

Und es lief tatsächlich wirklich gut.
Die Anstiege konnte ich schneller angehen als bisher, und wenn es mal leicht runter ging, kam ich mit meinem 54er-Kettenblatt manchmal schon an meine Trittfrequenz-Grenze; eine größere Reserve wäre gut gewesen. An der zweiten Zwischenzeit in Nußdorf hatte ich schon einiges der verlorenen Zeit wieder aufgeholt und blickte optimistisch auf die verbleibenden zehn Kilometer.

Doch plötzlich trat ich ins Leere! Acht Kilometer vor dem Ziel sprang mir in Attersee durch eine kleine Bodenwelle die Kette vom Blatt. Ich blieb ruhig, denn ich wusste, dass ich in der Lage war, die Kette auch während der Fahrt wieder aufzulegen. Doch auf mein Einfach-Kettenblatt ließ sie sich nicht ganz so einfach wieder auflegen. Als es mir dann endlich gelang, ging es trotzdem nicht weiter, denn die Kette hatte sich am Schaltwerk auch noch verhakt. Ich musste also doch anhalten und die Kette entwirren.

Zwischenzeitlich überholten mich einige
Teilnehmer/innen, an denen ich kurz zuvor noch vorbeigeflogen war. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte es dann endlich weitergehen - und ich begann nach und nach, die Starter/innen vor mir wieder einzusammeln.

Ich wollte jetzt einfach nur mit einer persönlich guten Leistung abschließen. Die magische Stunde war außer Sichtweite geraten, denn geschwindigkeitsbereinigt und mit der Standzeit von 40 Sekunden hatte ich insgesamt fast 70 Sekunden Zeit verloren. Also gab ich nochmal alles - und kam mit 1:00:58 Stunden ins Ziel, nur 45 Sekunden hinter meiner bisherigen Bestzeit.

Dass das ohne Kettenabwerfer vielleicht
fürs Podium in der Gesamtwertung gereicht hätte, war ein tröstender Gedanke, an den ich aber nicht allzu viel Zeit verschwendete - denn mein Kampfgeist wurde doch noch belohnt: In meiner Altersklassenwertung belegte ich trotzdem den ersten Platz. Ein versöhnlicher Abschluss eines wieder einmal tollen Wochenendes am Attersee. Ich komme wieder!

Holger Koopmann ist Fahrer im Team Strassacker.
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