Watterotts Paris-Roubaix-Retrospektive

An einem Sonntag in der „Hölle“ / Teil 3

Von Herbert Watterott

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Herbert Watterott Foto: ROTH

12.04.2014  |  (rsn) - Auf radsport-news.com beleuchtet Herbert Watterott in dieser Saison die lange Geschichte der fünf Radsportmonumente Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt (Il Lombardia) und schildert die spannendesten und außergewöhnlichsten Episoden dieser größten Klassiker des internationalen Radsport-Kalenders.

Paris-Roubaix / Teil 3 und Schluss

1991 – Olaf Ludwigs unerfüllter Traum
Gewinner der Friedensfahrt mit einer Menge von Etappenerfolgen, Olympiasieger 1988 in Seoul, Etappensieger bei der Tour de France und Weltcup-Erster. Eine stolze Bilanz. Aber einem Ziel jagt Olaf Ludwig seit Beginn der 1990er-Jahre hinterher: ein Sieg bei Paris-Roubaix. 1991 gehört er erstmals zu den ersten zehn im Klassement und wird Neunter. Dann folgen die Resultate Zweiter, Dritter und Vierter. Aber allmählich läuft ihm die Zeit weg. 1996 zieht Ludwig aus, um das Rennen zum Abschluss seiner Karriere doch noch zu gewinnen. Der Geraer liegt in der Spitzengruppe zusammen mit den vier Mapei-Profis Johan Museeuw aus Belgien und den drei Italienern Bortolami, Tafi und Ballerini.

Dann erleidet Ludwig einen Defekt und die Konkurrenz greift an. Ludwigs Helfer Rolf Aldag und Brian Holm aus Dänemark wollen ihren Kapitän wieder an das Quartett heranführen. Dabei fährt Ludwig zu schnell in eine Linkskurve, rutscht aus und findet sich im Krankenwagen wieder. „Ich weiß nicht, ob ich fünf Sekunden oder fünf Minuten bewusstlos auf der Straße gelegen habe“, sagt er.

Am dichtesten dran ist er 1992, als er nur dem Franzosen Gilbert Duclos-Lasalle unterliegt. Als Erinnerung bis heute bleibt ihm noch die Tatsache, dass er nach der Kopfsteinpflaster-Tortur bei Paris-Roubaix drei Tage lange kein Messer in der Hand halten konnte und seine Frau Heike ihm die Butterbrote schmieren musste.

1994 – Wintereinbruch im April
In diesem Jahr sagt der Wetterbericht seit Tagen schlechtes Wetter voraus. Manche glauben sie wären in Sibirien, denn die „Hölle“ zeigt sich an diesem 10.April von ihrer kältesten Seite seit Jahren. Schnee und Schneematsch machten das Rennen zu einer Tortur. Nur die Besten der Besten können bestehen. Es gewinnt eine schillernde Fahrerpersönlichkeit. Der Mann heißt Andrej Tchmil, aufgewachsen in Russland, ausgestattet mit einer ukrainischen Lizenz und damals wohnhaft in Roubaix. Zugleich ist es der erste Sieg eines Rennfahrers aus einem osteuropäischen Land.

1996 – Regie im Hintergrund und eine Drohung
Die übermächtige Mapei-Mannschaft, mit reichlich Sponsorengeld vom italienischen Industriellen Giorgio Squinzi versorgt, beherrscht 1996 das Rennen vom Start bis ins Ziel. Am Ende treffen Johan Museeuw, Gianluca Bortolami und Andrea Tafi alleine im Velodrom ein und überqueren auch in dieser Reihenfolge den Zielstrich, nachdem ihr Sportlicher Leiter Patrick Lefévère diesen Einlauf bestimmt hatte. Nur weil er im entscheidenden Moment einen Defekt hatte, war der vierte Mapei-Profi Franco Ballerini (Sieger 1995 und 1998) nicht dabei.

Mapei-Boss Giorgio Squinzi war im siebten Himmel und über Nacht in der Hölle. Die Einflussnahme und die Anweisung des Sportlichen Leiters Patrick Lefévère verurteilten die italienischen Zeitungen vehement, worauf Geldgeber Squinzi drohte, sich als Sponsor zurückzuziehen.

1998 – Der Gentleman aus der Toskana
Drei Jahre nach seinem ersten Erfolg begeistert 1998 der Italiener Franco Ballerini aus Florenz die Massen entlang der Strecke durch seine elegante und fast mühelos aussehende Fahrweise. Ich hatte als ARD-Reporter einige Male die Gelegenheit, mit Ballerini zu plaudern. Nach seinem zweiten Sieg trafen wir uns zufällig auf dem Brüsseler Flughafen und er schenkte mir den symbolischen Pflasterstein, den er als Sieger wenige Stunden vorher bei der Ehrung im Velodrom von Roubaix bekommen hatte. Natürlich mit seinem begehrten Autogramm.

13 Jahre lang startet er bei seinem Lieblingsrennen und beendet seine Karriere am 15. April 2001 bei seiner letzten Teilnahme. Franco Ballerini übernimmt danach das Amt des italienischen Nationaltrainers für die Straße und führt in zehn Jahren immerhin vier Azzurri zu Weltmeisterschaften auf der Straße, und zwar Mario Cipollini 2002 in Zolder/Belgien, Paolo Bettini 2006 in Salzburg und 2007 in Stuttgart sowie Alessandro Ballan 2010 in Varese/Italien.

Am 7.Februar 2010 verunglückt Franco Ballerini als Beifahrer bei einer Auto-Amateur-Rallye in der Toskana und erliegt seinen schweren Verletzungen.

2000 - Dieses Knie kann es wieder
Johan Museeuw, von seinen belgischen Fans „Löwe von Flandern“ genannt, möchte nach den beiden dritten Plätzen 1995 und 1997 sowie dem Sieg 1996 im Frühjahr 1998 noch einmal zeigen was in ihm steckt.

Aber im Wald von Wallers-Arenberg schlägt „der Blitz“ in das Rennen und trifft Johan Museeuw fürchterlich. Auf dem glitschigen Kopfsteinpflaster stürzt Museeuw und bricht sich die Kniescheibe. Nach vielen Komplikationen und langem Heilungsprozess steht Museeuw im Jahr 2000 wieder am Start, das verletzte Knie ist wieder heil, und nach fast sieben Stunden Fahrzeit kommt er als Erster auf die Zementpiste von Roubaix. Er streckt auf der Zielgeraden das linke Bein in die Luft, zeigt auf sein genesenes linke Knie und fährt wie ein Kunstradfahrer durchs Ziel als wolle er sagen: „Dieses Knie kann es wieder.“ Zum weiteren Beweis gewinnt er 2002 zum dritten Mal Paris-Roubaix.

2001 – Pech, Pannen und geplatzte Träume
Nach dem bisher einzigen deutschen Sieg durch Josef Fischer beim Premieren-Rennen 1896 hat es kein deutscher Fahrer mehr geschafft, den Klassiker Paris-Roubaix zu gewinnen. Oft fehlten nur wenige Kilometer bis ins Velodrom. Durch Defekte und Reifenpannen blieben die großen Triumphe aus.

Nach seinem Pech 1963 traf es den mehrmaligen Querfeldein-Weltmeister Rolf Wolfshohl 1965 erneut brutal hart. Während Rik van Looy das Ziel ohne Reifenpanne und zum dritten Mal als Sieger erreichte, waren seine Widersacher Wolfshohl und Jan Janssen aus Holland auf verlorenem Posten. In weniger als einer halben Stunde erlitt der Kölner Cross-Spezialist drei Reifendefekte und stürzte einmal. Janssen brauchte für die gleiche Pechsträhne nur zehn Minuten!!! So zerplatzten die Siegesträume wie Seifenblasen.

Im Jahr 2001 musste der Deutsche Steffen Wesemann bei Regen und Eiseskälte nach 255 Kilometer seine Siegesambitionen begraben. Schuld daran war ein defekter Rennschuh. Auf den letzten 70 Kilometern hatte Wesemann wiederholt Schwierigkeiten mit seinem linken Schuh. Das ganze Drama war bestens in der Eurovsionsübertragung des Französischen Fernsehens zu verfolgen. Als Live-Kommentator der ARD hatte ich so etwas in all den Jahren noch nie erlebt.

Die Sohle mit der Klickvorrichtung für die Pedale war defekt. Zweimal Radwechsel, einmal die Pedale und danach kämpft sich Wesemann immer wieder alleine an die enteilte Spitzengruppe heran. Ein Schuhwechsel war zu riskant, Wesemann verzweifelt, war in blendender Form und konnte nichts ausrichten. Er erreichte die glitschige Piste des Velodroms von Roubaix 41 Sekunden hinter dem holländischen Sieger Servais Knaven auf dem siebten Platz. Nur 55 Fahrer von 190 Startern überstanden die „Hölle des Nordens“.

2005 – Tom Boonen der neue Rekordmann 2014?
Nach seinen beiden Siegen 2005 und 2008, die er im Spurt auf der Piste des Velodroms von Roubaix entscheidet, meistert Tom Boonen, der geborene Kopfsteinpflasterfahrer 2009 alle Klippen unterwegs, hängt das gesamte Feld ab und gewinnt als Solist. Seine mit Abstand beeindruckendste und dominanteste Leistung zeigt „Tommeke“ 2012. An diesem warmen und trockenen Tag macht sich der Belgier 53 Kilometer vor dem Ziel im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub und wird nie mehr gesehen. Damit schließt er zu seinem Landsmann Roger de Vaeminck auf, der bisher als Einziger zwischen 1972 und 1977 viermal das qualvolle Rennen von Paris nach Roubaix gewonnen hat.

Am letzten Sonntag zeigte Boonen eine ansprechende Leistung und wurde Siebter bei der Flandern-Rundfahrt. Aber es fehlen ihm während der Vorbereitungsphase viele Trainings- und Rennkilometer. Die ideale Basis, um Paris-Roubaix zum fünften Mal zu gewinnen, ist noch nicht da, nachdem er Mailand-San Remo wegen familiärer Probleme auslassen musste. Aber Tom Boonen kann sich wie keine Zweiter auf große Ziele konzentrieren. Am Sonntag könnte er mit dem fünften Sieg unauslöschliche Geschichte schreiben.

2014 – Cancellara macht erenut Jagd auf das Double
Wie fast bei all seinen großen Siegen wird Fabian Cancellara aus der Schweiz am vergangenen Sonntag hinter dem Ziel der Flandern-Rundfahrt in Oudenaarde von seiner Frau Stefanie erwartet und nach dem ersten Sieg in dieser Saison in die Arme geschlossen. Sie sind im siebten Himmel und könnten das am kommenden Sonntag auch sein. Denn der viermalige Zeitfahr-Weltmeister aus Bern ist in einer bestechenden Form und zeigte bei der Ronde van Vlaanderen eine Meisterleistung an taktischem Geschick und finaler Spurtkraft.

Cancellara fühlt sich wie sein großer Widersacher Boonen wohl auf den groben Pavés, dem Kopfsteinpflaster so groß wie Katzenköpfe. 2006 und 2010 distanzierte er die gesamte Gegnerschaft und kam als Solosieger ins Velodrom, letztes Jahr schlug er seinen einzigen Begleiter Sep Vanmarcke aus Belgien im Zweierspurt.

Zum vierten Mal Roubaix-Sieger werden und das begehrte Double mit Flandernrundfahrt und Paris-Roubaix schaffen, sind die nächsten Ziele am Sonntag in der „Hölle“. Und dann warten als Siegertrophäe wieder der Original-Pflasterstein und seine Frau Stefanie hinter dem Ziel auf Fabian Cancellara. Am Sonntag müssen bei der 112. Austragung zwischen dem traditionellen Startort Compiègne, 80 Kilometer nördlich von Paris und dem Ziel in Roubaix 257 Kilometer bewältigt werden, darunter 28 Sektoren mit insgesamt 51,1 km Kopfsteinpflaster.

Der leider schon verstorbene frühere französische Tour de France-Sieger Laurent Fignon, der Paris-Roubaix nie gewinnen konnte, hat einmal gesagt: „Ein Rennen voller Traumas, voller Ängste und Euphorien, faszinierend und schwer. Wenn die Form stimmt, liebt man Paris-Roubaix, vergisst die fürchterlichen Schmerzen in den Armen und Händen. Wenn man schwach ist, wird alles zur Hölle.“ So ist es wohl!


Herbert Watterott ist einer der bekanntesten deutschen Radsportjournalisten. Der Rheinländer berichtete unter anderem von 1965 an 41 Mal für die ARD von der Frankreich-Rundfahrt und war für viele in Deutschland die „Stimme der Tour“. Seine Beschreibungen der einzelnen Etappen im TV hatten Kultstatus. Seit 2006 ist der mittlerweile 72-Jährige im Ruhestand, dem Radsport bleibt Watterott aber bis heute eng verbunden.

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