Watterotts Paris-Roubaix-Retrospektive

An einem Sonntag in der „Hölle“ / Teil 2

Von Herbert Watterott

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Herbert Watterott Foto: ROTH

11.04.2014  |  (rsn) - Auf radsport-news.com beleuchtet Herbert Watterott in dieser Saison die lange Geschichte der fünf Radsportmonumente Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt (Il Lombardia) und schildert die spannendesten und außergewöhnlichsten Episoden dieser größten Klassiker des internationalen Radsport-Kalenders.

Paris-Roubaix / Teil 2

1947 – Mit Diät zum Erfolg
Der belgische Weltklasse-Sprinter Georges Claes beherrscht nach dem Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1946 und 1947 das Rennen, und er verrät einmal auch sein Erfolgsrezept: „Während des Rennens wenig essen. Ich habe heute nur 300 Gramm Würfelzucker und sieben Bananen zu mir genommen.“

1949 – Campionissimo-Einspruch und zwei Sieger
Eine kleine Spitzengruppe wird im Jahr 1949 kurz vor der Einfahrt ins Velodrom von den Streckenposten falsch geleitet. Aber wie ferngesteuert gelangen die Fahrer durch einen Hintereingang auf das Zementoval, und der Franzose André Mahé gewinnt. Den Spurt des großen Feldes entscheidet der Italiener Serse Coppi für sich. Dann kommt der Protest von Bruder Fausto und dem wird stattgegeben. André Mahé wird wegen Verlassens der Rennstrecke deklassiert und Serse Coppi zum Sieger erklärt. Erst nach neun Monaten kommt der internationale Verband zur Einsicht, revidiert die Entscheidung und Serse Coppi sowie André Mahé werden beide zu Siegern erklärt.

Für Fausto Coppi kommt der ganz große Tag erst ein Jahr später. 1950 fährt der Italiener aus Castellania in der Region Piemont nach einem Solo über 45 Kilometer die gesamte Konkurrenz in Grund und Boden und triumphiert.

1955 – Der Stier des Nordens stirbt
Der Franzose Charles Crupelandt gewinnt 1912 und 1914 als erster Einwohner von Roubaix sein Lieblingsrennen. Er kämpft in beiden Jahren wie ein Stier gegen die damaligen Koryphäen wie Lapize und Garrigou, geht dadurch in die Annalen ein. Mit seinen Erfolgen trägt er mit dazu bei, dass der französische Norden wieder eine neue Wahrnehmung bekommt. Der Volksheld Crupelandt stirbt 1955 beinamputiert, verarmt und halb blind.

1996, also 41 Jahre später, wird das letzte Kopfsteinpflasterstück unmittelbar vor dem Einbiegen ins Velodrom nach ihm benannt. Wer die Avenue de Crupelandt mit den letzten 300 Meter Kopfsteinpflaster erreicht, ist der „Hölle“ entronnen.

1958 – „Le Sprint royal“
„Quel final – incroyable“, schallt es 1958 aus den Kehlen der zahlreichen Reporter von Radio und Fernsehen auf der Tribüne im Velodrom. Vier Koryphäen kommen auf die Piste in Roubaix: Die drei Belgier Rik van Steenbergen, Rik van Looy und Alfred Debruyne sowie der Spanier Miguel Poblet. Ein sogenannter Kaisersprint. Doch alle Vier gehen leer aus, werden vom unbekannten Belgier Leon Vandaele noch überspurtet. Zweiter wird Poblet, Dritter van Looy. Die Sensation ist perfekt.

1963 – Rolf Wolfshohl ganz nahe dran
Auf Platz drei der Siegerliste von Paris-Roubaix werden in 117 Jahren sieben Deutsche geführt. 1932 Herbert Sieronski, 1967 Rudi Altig, 1980 Dietrich Thurau, 1982 Gregor Braun, 1993 Olaf Ludwig, 2000 Erik Zabel und 2007 Steffen Wesemann.

Den Sieg vor Augen aber hat 1963 der dreimalige Querfeldein-Weltmeister Rolf Wolfshohl aus Köln. Gemeinsam mit dem Belgier Noel Foré liegt er in Führung und kann trotz dreier Defekte immer wieder aufschließen. „Auf der Avenue de Crupelandt, die zur Rennbahn führt, war ich allein“, erinnert sich Wolfshohl.

Noch 1.600 Meter. Sein Sportlicher Leiter Gaston Plaud signalisiert ihm eine Minute Vorsprung. Das muss reichen, und Wolfshohl nimmt etwas Tempo raus, wischt sich den Dreck aus dem Gesicht, um bei der Siegerehrung nicht auszusehen wie ein Grubenarbeiter. Der Kölner kommt auf die Rennbahn, und plötzlich „fliegen“ Rik van Looy, Emile Daems, Jan Janssen, Raymond Poulidor und Peter Post heran und sausen in der Kurve an ihm vorbei.

Ohne die zeitliche Falschinformation seines Teamleiters wäre Wolfshohl der Sieger gewesen, denn er war der beste Mann an diesem Tag in der Hölle. Zum Glück gewann den Spurt sein Teamkollege Emile Daems aus Belgien und nicht die anderen. Für Rolf Wolfshohl blieb aber nur Rang elf.

1964 – „Der fliegende Holländer“
Bei herrlichem Sonnenwetter und viel Staub geht 1964 im wahrsten Sinne des Wortes die Post ab. Der lange Holländer Peter Post legt die 265 Kilometer mit dem neuen und bis heute gültigen Rekord-Stundenmittel von 45,129 km/h zurück und gewinnt vor dem belgischen Straßen-Weltmeister Benoni Beheyt und dessen Landsmann Yvo Molenaers.

Post ist der einzige Profi der die 45 Kilometer-Schallmauer durchbrochen hat. Sechs andere Rennfahrer ( die Belgier Rik van Steenbergen, Germain Derycke, Pino Cerami und Johan Museeuw, der Schweizer Fabian Cancellara sowie der Italiener Francesco Moser) bewältigten das Rennen mit einem Stundenmittel von über 43 km/h.

1965 – Kopfsteinpflaster-Krise
Mitte der 1960er-Jahre muss der Klassiker eine Krise überwinden. Immer weniger Pflasterpassagen enthält die Strecke. 1965 können nur 22 Kilometer in den Streckenverlauf eingebaut werden. Ein historischer Tiefstand ist erreicht. Immer mehr Gemeinden haben ihre alten Kopfsteinpflasterwege inzwischen asphaltiert, und so droht das Rennen sein Markenzeichen zu verlieren. Erst als der Technische Direktor und Streckenbauer Albert Bouvet das Kommando übernimmt, geht es wieder aufwärts und neue Passagen werden erschlossen und bis heute erhalten.

1968 – Die „Hölle“ wird noch heißer
Die ohnehin schon mörderische Streckenführung wird 1968 modifiziert und durch eine 2.400 Meter lange Passage durch den Wald von Arenberg ergänzt. Hier sind die Pavés, die Kopfsteinpflastersteine, in besonders miesem Zustand. Dieses Teilstück gilt bis heute als „Scharfrichter“, denn noch immer sind rund 100 Kilometer zurückzulegen. Für die Favoriten beginnt hier erst das Rennen, für viele ist der Ausflug in die Hölle jäh zu Ende. Zuschauermassen drängen sich auf diesem engen Waldstück und erleben schlimme Stürze. 1998 bricht sich der dreimalige Sieger Johan Museeuw (1996, 2000, 2002) aus Belgien die Kniescheibe und am 15.April 2001 muss der Franzose Philippe Gaumont mit Oberschenkelbruch ausscheiden.

Der Franzose war in seiner Zeit als Profi mehrmals in Dopingaffären verwickelt. Es wurde ihm die Einnahme von Nandrolon, Amphetaminen und EPO nachgewiesen. Nach einem Herzinfarkt im April 2013 lag Gaumont im Koma, bis am 17. Mai 2013 sein Hirntod festgestellt wurde. Er wurde nur 40 Jahre alt. Gaumont veröffentlichte nach seinem Rücktritt das Buch Prisonnier du Dopage, Gefangener des Dopings.

1968 – Triumph des Kannibalen
In diesem Jahr 1968 steht auch der Name Eddy Merckx/Belgien in der Starterliste. Der „Kannibale“, wie er vom französischen Profikollegen Christian Raymond später genannt wird, „fliegt“ durch den Wald von Wallers-Arenberg und gewinnt erstmals. Eine traumhafte und erfolgreiche Karriere beginnt. 1970 und 1973 kommen zwei weitere Siege hinzu. Insgesamt holte sich Merckx in seiner Laufbahn 525 Siege.

1972 – Siegeszug eines Fanatikers
Der Belgier Roger de Vlaeminck, sein Spitzname „Der Zigeuner von Eeklo“, aus dem kleinen Städtchen zwischen Brügge und Gent, drückt Paris-Roubaix über drei Jahrzehnte von 1969 bis 1982 seinen Stempel auf. Er trainiert für dieses Rennen jedes Jahr wie ein Bessener, in der Vorbereitung an vier Tagen nahezu 1000 Kilometer. Er kommt auf 14 Teilnahmen, bei denen er 13 Mal das Ziel erreicht. Nur im Jahr 1980 scheidet er vorzeitig aus. Aber 1972, 1974, 1975 und 1977 gewinnt er in der Hölle des Nordens und erhält das Gütesiegel „Monsieur Paris-Roubaix“. De Vlaeminck ist bis heute neben seinem Landsmann Tom Boonen der einzige Rennfahrer, der seit 1896 das Rennen viermal siegreich beendete. Dazu wird er viermal Zweiter und einmal Dritter.

Und eines ist bemerkenswert: Er hatte in dieser Zeit nicht eine einzige Reifenpanne - Glück und Können zugleich. De Vlaeminck benutzte bei seinen Siegen bevorzugt lange Jahre vorher gelagertes Reifenmaterial mit einer besondern Festigkeit und Konsistenz. Mit 37 Jahren beendet Roger De Vlaiminck seine eindrucksvolle Karriere. Nach einem Rennen in Overijse bei Brüssel versteigert er sein Rennrad auf einem großen Festbankett zu Gunsten der Welthungerhilfe.

Die italienischen Reporter und Tifosi freilich bewerten die drei Siege nacheinander ihres Landsmannes Francesco Moser zwischen 1978 und 1980 so hoch, denn für sie ist Francesco Moser der wahre „Signore Parigi-Roubaix“.

1981 – Sieg beim „Anachronismus“
Vor einer gewaltigen Kulisse wird Bernard Hinault, der fünfmalige Toursieger, 1980 in Sallanches am Fuße der Savoyer Alpen neuer Straßenweltmeister. Neun Monate später fasste er endlich den Entschluss bei Paris-Roubaix an den Start zu gehen. Bis dahin hatte er nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegen diesen „Anachronismus Kopfsteinpflaster“ gemacht.

Meisterlich kämpft er sich im Regenbogentrikot des Weltmeisters mit einer Riesenübersetzung von 53x13 über den rutschigen und mit Schlamm bedeckten Belag und siegt unangefochten vor Roger De Vlaeminck aus Belgien und dem Italiener Francesco Moser. Das war einfach weltmeisterlich!

1983 – Trauriger Rekord
Der spanische Bahn- und Straßenspezialist Pello Ruiz-Cabestany aus der baskischen Metropole San Sebastian hält bis heute eine einzigartige Rekord-Pechsträhne: 1983, beim Sieg des Holländers Hennie Kuiper, stürzt der baskische Zeitfahrspezialist auf einem einzigen Kilometer sage und schreibe sechsmal!!!

1988 – Vom siebten Himmel in die Hölle und umgekehrt
In diesem Jahr scheint während des Rennens die Sonne über Nordfrankreich. Fast 275 Kilometer sind absolviert und zwei Rennfahrer greifen nach dem Sieg. Der Belgier Dirk Demol aus Kuurne und der Schweizer Thomas Wegmüller aus Bern sind schon 222 Kilometer gemeinsam an der Spitze. Sie haben fast zwei Minuten Vorsprung vor der illustren Konkurrenz, die vom Franzosen Laurent Fignon angeführt wird.

Beide versuchen sich gegenseitig durch Stehversuche zu überrumpeln. Plötzlich fliegt durch einen Windstoß eine Plastiktüte in die Kette von Wegmüllers Rad. Der Schweizer schaltet wild hin und her in andere Gänge. Aber das hilft nichts. Trotz dieses Missgeschicks kann Wegmüller mithalten, aber am Ende fehlen ihm zwei Sekunden zum Sieg. Für ihn ist es die Hölle, während sich Demol wie im Paradies fühlt.


Teil 3 folgt.

Herbert Watterott ist einer der bekanntesten deutschen Radsportjournalisten. Der Rheinländer berichtete unter anderem von 1965 an 41 Mal für die ARD von der Frankreich-Rundfahrt und war für viele in Deutschland die „Stimme der Tour“. Seine Beschreibungen der einzelnen Etappen im TV hatten Kultstatus. Seit 2006 ist der mittlerweile 72-Jährige im Ruhestand, dem Radsport bleibt Watterott aber bis heute eng verbunden.

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