Watterotts Lüttich-Bastogne-Lüttich-Retrospektive

Der schwerste Klassiker auf dem schönsten Kurs / Teil 3

Von Herbert Watterott

Foto zu dem Text "Der schwerste Klassiker auf dem schönsten Kurs / Teil 3"
Bernard Hinault bei Lüttich-Bastogne-Lüttich 1980. | Foto: Cor Vos

25.04.2014  |  (rsn) - Auf radsport-news.com beleuchtet Herbert Watterott in dieser Saison die lange Geschichte der fünf Radsportmonumente Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt (Il Lombardia) und schildert die spannendesten und außergewöhnlichsten Episoden dieser größten Klassiker des internationalen Radsport-Kalenders.

Lüttich-Bastogne-Lüttich / Teil 3 und Schluss

1980 – Hinault, der Held beim Wintereinbruch im Frühling
Lüttich-Bastogne-Lüttich 1957 und 1980. Der gleiche Kampf, dasselbe Ziel, nur die Akteure haben gewechselt. Am 20.April 1980 nehmen 174 couragierte Rennfahrer den Kampf in den Ardennen an. Doch an solch einem Tag jagt man keinen Hund vor die Tür. Es regnet, es schneit, es ist bitterkalt, das Rennen wird zur Tortur.

Am Wendepunkt nach rund 130 Kilometer in Bastogne haben schon 114 Fahrer durchnässt, unterkühlt und mit steifen Fingern das Rennen aufgegeben. Nur 80 Profis sitzen noch im Sattel, aber die Schwierigkeiten und endlos wirkenden Steigungen kommen erst noch. Kurz von Houffalize greift der Belgier Rudi Pevenage an, ein harter Hund aus Geraardsbergen in Flandern. An der Côte de Wanne, die total verschneit ist, hat er zwei Minuten und 15 Sekunden Vorsprung.

Hinter ihm fahren der Holländer Henk Lubberding, Silvano Contini aus Italien und der Franzose Bernard Hinalt, der sogar an Aufgabe denkt. Es kommt noch schlimmer. Der heroische kämpfende Pevenage erleidet Defekt, behauptet sich aber bis zur Haute Levée-Steigung. Dann kommt ein weiterer Defekt hinzu.

Bernard Hinault, fünfmaliger Tour de France-Gewinner attackiert 80 Kilometer vor dem Ziel und wird nie mehr gesehen. Mit zusammengekniffenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht, das zur Fratze geworden ist, kämpft er sich einsam bis ins Ziel nach Lüttich. Sein Vorsprung beträgt sage und schreibe 9 Minuten und 24 Sekunden vor dem Holländer Hennie Kuiper. Die erste Frage eines Reporters beantwortet Hinault so: „ Schnee? – Natürlich hat es geschneit, natürlich war es kalt. Aber ich werde bezahlt dafür, dass ich fahre und Rennen gewinne.“ Nur 21 von 174 gestarteten Fahrern erreichen Lüttich. Als Reporter der ARD musste ich mein gesamtes Wissen über Hinault „herauskramen“ und abrufen, um die fast zweistündigen Solofahrt des Mannes aus Yffiniac in der Live-Übertragung spannend und interessant zu gestalten.

Alle Zeitungen versuchten sich am nächsten Tag mit markigen Überschriften zu übertreffen. Ein belgisches Blatt brauchte nur vier Wörter, um die Leistung des französischen Champions Bernard Hinault zu würdigen: „Een Breton van Beton“. - Ein Bretone aus Beton.

1985 - 1991 – Italienische Spezialität
Nachdem seine Landsleute Carmine Preziosi (1965) und Silvano Contini (1982) erfolgreich waren, kommt die große Zeit des schweigsamen Italieners Moreno Argentin aus San Dona di Piave in der Region Venetien.

Dreimal nacheinander besiegt er 1985, 1986 und 1987 seine letzten Gegner im Spurt. Bei seinem vierten Erfolg 1991 kontert er an den letzten sechs Steigungen die Angriffe des exzellent fahrenden Belgiers Claude Criquielion und gewinnt auf dem Boulevard de la Sauvenière in Lüttich mit Hilfe seines dänischen Teamgefährten Rolf Sörensen zum vierten Mal. Damit ist Argentin hinter Eddy Merckx (5 Siege) bis heute der erfolgreichste Fahrer bei Lüttich-Bastogne-Lüttich.

2005 – nach 26 Jahren wieder ein Deutscher auf dem Podium
Nach dem Sieg von Dietrich Thurau 1979 klettert mit dem Berliner Jens Voigt 26 Jahre später endlich wieder ein Deutscher auf das Siegerpodium, als Zweiter hinter Alexander Winokurow. Der Tour de France- und Giro d’Italia- Etappensieger aus Grevesmühlen liefert dem Kasachen einen spannenden Kampf bis ins Ziel. Beide nehmen die Schlusssteigung nach Ans bei Lüttich in Angriff, aber auf dem letzten Flachstück vor dem Ziel hat der bullige Winokurow die größten Reserven und verweist Voigt auf den Ehrenplatz.

Das ist die beste Platzierung für Jens Voigt bei einem klassischen Straßenrennen und das beste Resultat eines Deutschen seit Jahren bis heute. Mit 42 Jahren bestreitet Dauerbrenner Jens Voigt 2014 in seinem letzten Profijahr zum 17. und letzten Mal die Tour de France und schließt damit zum US-Amerikaner George Hincapie auf.

2011 – Das große Jahr des Philippe Gilbert
Ein historischer „Grand Slam“ wie im Tennissport gelingt dem Wallonen Philippe Gilbert in seiner bisher besten und erfolgreichsten Saison. Sieger beim Pfeil von Brabant, beim Amstel Gold-Rennen und beim Flèche Wallonne, erfüllt sich der Belgier auch seinen Traum vom Sieg bei seinem Heimrennen von Lüttich durch die Ardennen nach Bastogne und nach Lüttich zurück. Ein ständiges Auf und Ab mit vielen kräftezehrenden Anstiegen.

Gilbert hält die beiden luxemburgischen Brüder Frank und Andy Schleck in Schach und wird zum Held des Frühjahrs. Allein der Gewinn der Weltmeisterschaft gelingt ihm in 2011 nicht, aber nur ein Jahr später holt er sich beim Titelrennen in der südholländischen Provinz Limburg beim finalen Anstieg zum Cauberg das begehrte Regenbogentrikot des Weltmeisters.

2013 – 24 Jahre nach der Legende Sean Kelly
Nach den eindrucksvollen Siegen seines Landsmannes Sean Kelly 1984 und 1989 dauert es fast ein Vierteljahrhundert bis wieder ein irischer Straßenfahrer in das internationale Rampenlicht tritt. Vor Jahresfrist liefert sich Daniel Martin, geboren in Birmingham, auf dem Weg nach Ans bei Lüttich einen spannenden Kampf mit den beiden Spaniern Alejandro Valverde und Joaquim Rodriguez.

Martin, dessen Mutter die Schwester von Stephen Roche (Tour de France, Giro und Weltmeisterschaft im Jahr 1987), und dessen Vater der britische Radprofi Neil Martin ist, reagiert auf die taktischen Spielchen der beiden Spanier cool und clever. Beim Schlussanstieg zum Ziel hat er die besten Reserven und dominiert die beiden Profis von der iberischen Halbinsel. Ein irrer Erfolg für eine Iren. Daniel Martin krönt dann im Sommer seine bisher beste Saison und holt sich bei der Tour de France den begehrten Sieg auf der 9. Etappe in den Pyrenäen von Saint Girons nach Bagnères-de-Bigorre.

2014 – Das große Jubiläum
Am kommenden Sonntag wird das älteste, noch jährlich ausgetragene klassische Rennen zum 100. Mal ausgetragen und zählt immer noch zu den fünf Monumenten des Radsports neben Mailand-San Remo, der Flandernrundfahrt, Paris-Roubaix und der Lombardei-Rundfahrt im Herbst.

Das Rennen ist 263 Kilometer lang und führt von Lüttich durch die Ardennen zum Wendepunkt nach Bastogne und zurück nach Ans bei Lüttich. Unterwegs sind folgende zehn legendäre Anstiege zu meistern, die schon seit Jahrzehnten im Streckenprofil vertreten sind:

Côte de La Roche-en-Ardenne, Côte de Saint-Roch, Côte de Wanne, Côte de Stockeu, Côte de la Haute-Levée, Côte de la Vecquée, Côte de la Redoute, Côte des Forges, Côte de La Roche-aux-Faucons und Côte de Saint-Nicolas.

 

Herbert Watterott ist einer der bekanntesten deutschen Radsportjournalisten. Der Rheinländer berichtete unter anderem von 1965 an 41 Mal für die ARD von der Frankreich-Rundfahrt und war für viele in Deutschland die „Stimme der Tour“. Seine Beschreibungen der einzelnen Etappen im TV hatten Kultstatus. Seit 2006 ist der mittlerweile 72-Jährige im Ruhestand, dem Radsport bleibt Watterott aber bis heute eng verbunden.
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