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17.07.2005 | In der Woche noch wäre Georg Totschnig am liebsten aus der Tour ausgestiegen, weil nichts lief. Nur den aufmunternden Worten seiner Familie und seines Teamchefs Hans Michael Holczer war es zu verdanken, dass der Österreicher vom Team Gerolsteiner überhaupt weiter fuhr. Es sollte sich lohnen, und wie: Gestern legte Totschnig eine 210 Kilometer lange Flucht hin, setzte sich im Anstieg zum Port de Pailhères aus der Spitzengruppe ab und triumphierte nach einer imponierenden Solofahrt durch die Pyrenäen bei der Bergankunft in Ax-3-Domaines. Diese Bravourleistung von Georg Totschnig verdient allerhöchste Anerkennung. Es war eine doppelte Premiere: Mit Totschnigs erstem Sieg bei einer Tour-Etappe gehört auch Gerolsteiner zum Kreis der Teams, die sich in die Siegerlisten der Grand Boucle eintragen konnten. Natürlich profitierte der Gerolsteiner-Kapitän auch von der Auseinandersetzung der Giganten, die sich bis in den Port de Pailhères hinein belauerten. Das soll aber seine Leistung nicht schmälern. Immerhin hat er einen der schwersten Tagesabschnitte dieser Tour für sich entschieden.
Verdient ist der Sieg auch deshalb, weil er kein Zufallsprodukt gewesen ist. Hans-Michael Holczer sagte mir kurz vor der Etappe, dass das der Tag seines Teams werden würde. Ein Sieg also mit Ansage. Dazu kommt noch der hervorragende fünfte Platz von Levi Leipheimer, der nach wie vor aussichtsreich in der Gesamtwertung platziert ist.
Noch einmal zurück zu Hans-Michael Holczer. Der Gerolsteiner-Boss ist nicht nur eine Vaterfigur für seine Fahrer, sondern auch ein ausgezeichneter Steuermann seines Teams. Als Kollege kann ich ihm nur meine höchste Anerkennung zollen. Gute Teammanager zeichnet eben aus, dass sie eine klare Vorstellung davon haben, wie eine Etappe laufen soll und nicht mit einer „Schaun- mer- mal-Haltung“ ihre Mannschaft ins Rennen schicken.
Levi Leipheimer stellt sich als Glücksfall für das Team aus der Eifel heraus. Nicht nur, dass Levi charakterlich gut in die Truppe passt. Er sorgt wohl auch für ein neues Maß an Professionalität, ist genau wie Holczer ein Tüftler und Perfektionist. Beweis: Der Amerikaner fuhr heute eine speziell für ihn zusammengestellte Maschine, die so leicht war, dass für Ausgleich gesorgt werden musste. Am Rahmen war ein Pflaster mit einem Zusatzgewicht befestigt, damit das erforderliche Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm erreicht wurde. Leipheimers Maschine wäre ohne das Gewicht 400 Gramm leichter gewesen.
Über all der Freude angesichts des Triumphes für Gerolsteiner will ich aber T-Mobile nicht vergessen. Das Team hat gestern alles gegeben und ist voll auf Angriff gefahren. Nun muss man anerkennen, dass es bei dieser Tour zwei bessere Fahrer als Jan Ullrich gibt: Lance Armstrong und Ivan Basso. Aber Jan hat alles richtig gemacht auf dieser schweren Etappe. Dass er auf dem letzten Kilometer abreißen lassen musste, ist nachvollziehbar. Schließlich war er vorher schon volles Risiko gegangen, hatte Armstrong mehrmals attackiert und dabei viel Kraft gelassen.
Gerolsteiner und T-Mobile haben mit ihrem offensiven, aggressiven Stil alle deutschen Radsportfans entlang der Strecke begeistert. Gerolsteiner ist vom ersten Kilometer an auf Etappensieg gefahren und T-Mobile hat Lance Armstrong im Anstieg zum Port de Pailhères aus seiner Selbstzufriedenheit herausgeholt und ihm alles abverlangt. Belohnt wurden die Attacken von T-Mobile mit der Führung in der Mannschaftswertung. Mehr als sechs Minuten hat man nun Vorsprung auf CSC. Angesichts der tollen Leistungen von Ullrich, Klöden und Winokurow darf sich der Bonner Rennstall berechtigte Hoffnungen darauf machen, in Paris als bestes Team dieser Tour ausgezeichnet zu werden. Und ein Podiumsplatz ist für Jan Ullrich nach dem gestrigen Tag durchaus noch drin.
Was mit bei beiden Teams noch positiv aufgefallen ist, ist ihre Offenheit. Sowohl bei Gerolsteiner als auch bei T-Mobile findet man immer einen Gesprächspartner. Zudem gibt es in beiden Teams niemanden, der schwächere Leistungen zu entschuldigen versucht oder sich in gewundenen Ausreden ergeht, wenn es mal nicht rund läuft.
So hatte ich auch Gelegenheit, kurz mit Robert Förster zu sprechen. Er berichtete mir von seinen Problemen bei seiner Tour-Premiere, von den Ängsten eines Sprinters vor den schweren Bergetappen. Dass Frösi bis jetzt durchgehalten hat, spricht für seinen Charakter und für die intakte Stimmung im Team.
Alles in allem; Diese dramatische Etappe hat sehr viel Spaß bereitet und Appetit auf die heutige zweite Pyrenäenetappe gemacht. Ich fürchte nur, dass viele Fahrer heute ihre müden Körper an den Start werden schleppen müssen. Auch die heutige Etappe wird den Fahrern wieder alles abverlangen. Und vielleicht erleben wir wieder eine ähnliche Überraschung wie den gestrigen Triumph von Gerolsteiner und Georg Totschnig.
Zur PersonHeiko Salzwedel ist einer der erfolgreichsten deutschen Radsporttrainer. Er führte im Jahr 1989 als Nationaltrainer der DDR-Bahnradfahrer den Vierer zu WM-Gold. Nach der Auflösung der DDR wurde er australischer Nationaltrainer und betreute Fahrer wie Robbie McEwen, Henk Vogels, Mathew White, Patrick Jonker und Kathy Watt. In seiner Profi-Mannschaft ZVVZ-GIANT-A.I.S. begannen Sportler wie Jens Voigt, Tomas Konecny, Jan Hruska, Nick Gates oder die beiden älteren Brüder von Michael Rogers (Deane und Peter) ihre erfolgreiche internationale Karriere.
Weitere Stationen des 48 jährigen Globetrotters aus dem thüringischen Schmalkalden waren das Amt des Leistungssportreferent beim Bund Deutscher Radfahrer, Teammanager im Britischen Radsportverband sowie Chef-Trainer der deutschen Frauen-Profimannschaft Equipe Nürnberger. Derzeit ist Salzwedel für die Nachwuchsförderung bei T-Mobile zuständig und Nationaltrainer der dänischen Bahn-Radsportler.
Heiko Salzwedel im Internet: http://www.sl-sports.com
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