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13.06.2019 | (rsn) - Hallo aus Tagaytay, Luzon, Philippinen! Ich sitze auf dem Balkon meines Hotelzimmers im 9. Stock und genieße die beste Aussicht, die ich je von einem Hotelzimmer aus hatte. Das Summit Ridge Hotel befindet sich nämlich direkt auf dem Rand einer großen Caldera, also eines Vulkankraters, in dessen Mitte 650 Höhenmeter unter mir ein großer See, der Taal See liegt.
nnerhalb dieses Sees befindet sich eine Insel mit dem Taal Vulkan, dem kleinsten aktiven Vulkan der Philippinen, und auch dieser Vulkan verfügt über einen Kratersee. Dieser See ist der weltgrößte See auf einer Insel in einem See auf einer Insel und enthält selbst wiederum eine sehr kleine Insel, ein sehr schönes Konzept wie ich finde. Ich kann mich jedenfalls an dem wunderbaren Ausblick auf dieses Naturspektakel nicht satt sehen, vor allem weil ständig tolle Wolkenformationen und gelegentlich auch Regenschauer über den See hinwegziehen.
Zu verdanken habe ich dieses Erlebnis der Tour de Filipinas, einer fünftägigen Rundfahrt der UCI Kategorie 2.2 über 822 km, die ich ab morgen bestreiten werde und von der ich euch ab jetzt hier täglich berichte. Es ist bereits meine dritte UCI Rundfahrt auf den Philippinen dieses Jahr und wie bei den beiden vorherigen fahre ich für das NEX Cycling Team aus Singapur und meine Teamkollegen kommen aus Singapur, Kambodscha und von den Philippinen. Am Start sind 15 Teams aus 9 Ländern und 75 Fahrer, darunter neben mir mit Mario Vogt vom Team Sapura diesmal noch ein weiterer Deutscher.
Heute war ein ruhiger Tag, denn wir mussten zum Glück nicht wie bei den anderen beiden Rundfahrten zum Drogentest und Medizincheck antreten. Die Eröffnungsfeier mit Teampräsentation am Abend war eher schlicht gehalten und zog sich daher auch nicht wie sonst oft ewig hin, aber wir mussten uns dafür lustigerweise einschreiben wie vor einer Etappe.
Im Gegensatz zu den letzten beiden Rundfahrten bin ich diesmal gut akklimatisiert, denn ich bin bereits seit drei Wochen hier und habe mich mittlerweile an das tropische, feucht heiße Klima, so weit es möglich ist, gewöhnt.
Auch die sechs Stunden Zeitdifferenz bereiten mir keinerlei Probleme mehr und um sechs Uhr morgens (Mitternacht in Deutschland) aufzustehen ist für mich nun normal, denn die Tage hier beginnen früh. Vor drei Wochen, als ich einen Tag vor der Rundfahrt PRU Ride nach einer zweitägigen Anreise hier angekommen bin, war ich völlig durch den Wind und auf der ersten Etappe ging damals gar nichts. Diesmal kenne ich sogar die komplette Strecke der ersten Etappe, denn ich bin sie im Training bereits mehrmals abgefahren.
Die Etappe Morgen führt über 130 km und wir starten am Hotel auf 650 m Höhe, fahren dann eine lange Abfahrt hinunter zur Küste und leicht wellig die Küste entlang und biegen dann zum Taal See ab, dessen Westufer wir folgen. Dabei haben wir bereits das Riesenrad auf dem Kraterrand im Blick, wo sich das Ziel befindet. Das bedeutet leider, dass wir die 650 Höhenmeter dort hinauf fahren müssen, es also zum Auftakt gleich eine Bergankunft gibt. Zum Glück nehmen wir aber den moderaten von zwei möglichen Anstiegen dort hinauf und nicht den sehr steilen, wie ich anfangs dachte. Unser Anstieg zieht sich, mit einer Zwischenabfahrt, über ungefähr 10 km hin und führt großteils durch Urwald, wodurch wir Schatten haben. Trotzdem werde ich dort hoch zerfließen, denn unten am See ist es mittags sehr heiß und Regenschauer gibt es meistens erst am Nachmittag.
Da ich in den letzten drei Wochen hier viel trainiert habe, kann ich euch noch ein paar Besonderheiten beim Radfahren auf den Philippinen erläutern. Zunächst muss ich sagen, dass ich Rennrad fahren auf den Philippinen eigentlich nicht empfehlen kann, denn der Verkehr ist absolut lebensgefährlich und eine totale Katastrophe. Niemand hält sich an irgendwelche Regeln, die die meisten sowieso nicht kennen, da sie sich ihren Führerschein, falls überhaupt vorhanden, einfach für 20 Dollar kaufen ohne je eine Fahrstunde genommen zu haben. Es gilt uneingeschränkt das Recht des Stärkeren und dadurch hat man als Radfahrer natürlich schlechte Karten. Das führt dazu, dass einem ständig die Vorfahrt genommen wird und einem alle paar Minuten jemand vor die Karre fährt, so dass man scharf abbremsen muss.
Die schlimmsten Verkehrsteilnehmer sind die Jeepneys, längliche Sammeltaxis die überall präsent sind, da Filipinos nicht laufen und selbst kürzeste Wege mit den sehr günstigen Taxis fahren. Die Jeepneys überholen einen, ziehen dann ohne zu blinken direkt vor einem an den Straßenrand, weil jemand ein- oder aussteigen möchte, überholen einen erneut, nur um einen dann sofort wieder komplett auszubremsen. Dieses Schauspiel kann sich bis zu zehnmal wiederholen und bei jedem Überholvorgang blasen sie einem eine schwarze Rußwolke direkt ins Gesicht und machen einen riesen Lärm. Die meisten haben an der Seite Autoreifen hängen wie Schiffe an der Bordwand, damit sie auch mal etwas rammen können. Ich hasse sie und meide sie deshalb, wenn ich mal ohne Rad irgendwo hin muss und nehme stattdessen ein Tricycle, also ein Motorrad mit Beiwagen. Die nerven zwar auch und wuseln überall herum, aber sind nicht ganz so schlimm wie die Jeepneys.
Was nicht ganz so gefährlich ist, aber das Vorankommen sehr behindert, sind die allgegenwärtigen Staus. An jeder Ampel, Kreuzung oder Einfahrt gibt es Staus, da alle einfach drauflos fahren und sich dann gegenseitig blockieren. Außerdem gibt es vor jedem Einkaufszentrum, jeder Schule, jedem Markt und jeder Brücke Staus, da an wirklich allen Brücken auf den Philippinen gebaut wird. Ein weiterer Grund für Staus sind neben dem grundsätzlich zu hohen und chaotischen Verkehrsaufkommen Beerdigungen, wovon es recht viele gibt, denn dann blockiert der Trauerzug mit dem aufgebahrten Sarg auf einem Wagen die ganze Fahrbahn. Die Staus sind hier übrigens so dicht, dass man selbst mit einem Rennrad Probleme hat sich durch die engen Lücken zu schlängeln. Was man auf gar keinen Fall machen sollte, ist in Manila, der am dichtesten besiedelten Großstadt der Welt, Rad fahren zu wollen, ich spreche da aus Erfahrung.
Wenn man die Wahl zwischen einer kleineren, schlechten Straße und einer größeren guten hat, sollte man trotzdem die schlechtere wählen, denn das geringere Verkehrsaufkommen ist es wert. Sehr früh loszufahren bringt übrigens nicht viel, denn auch kurz nach Sonnenaufgang herrscht schon viel Trubel und heiß ist es ebenfalls bereits. Was hingegen kaum Probleme bereitet sind die vielen herum streunenden Hunde und Katzen, die Hälfte ist eh verkrüppelt oder liegt bereits totgefahren am Straßenrand. Aufpassen muss man jederzeit auf entgegenkommende Fahrzeuge, denn die tun beim Überholen so als wäre man gar nicht da und manchmal muss man sich retten, indem man von der Fahrbahn ins Grüne fährt. Ebenfalls interessiert es hier überhaupt niemanden, was hinter ihm passiert und Rückspiegel sind bloß Zierde ohne Funktion.
Jedes Mal wenn ich von einer Ausfahrt zurück gekehrt bin habe ich mich wie ein Soldat gefühlt, der aus einer Schlacht heimgekehrt und gerade so noch einmal mit dem Leben davon gekommen ist. Dabei war ich auch jedes Mal überall von einer schwarzen Staub- und vor allem Rußschicht bedeckt, denn die schwarzen Abgaswolken, die hier von den Trucks, Bussen, Jeepneys und Motorrädern ausgestoßen werden, sind abartig und meine Lunge sieht jetzt bestimmt aus wie die eines Kettenrauchers. Von Feinstaubgrenzwerten und Dieselfahrverboten kann man hier jedenfalls nur träumen und ich freue mich wirklich darauf, zu Hause beim Radeln wieder halbwegs frische Luft atmen zu können. Aber bis es soweit ist gilt es zunächst noch diese Rundfahrt hier zu überstehen und ich hoffe, sie haben das mit den Straßensperren besser im Griff als bei den anderen beiden.
Morgen gleiche Stelle, gleiche Welle
Gez. Sportfreund Radbert
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