Müllers Tour-de-Filipinas-Tagebuch

Alles tut weh!

Von Robert Müller

Foto zu dem Text "Alles tut weh!"
Robert Müller (NEX) bestreitet ab Freitag die Tour de Filipinas (2.2) | Foto: Müller

14.06.2019  |  p>(rsn) - Hallo aus Tagaytay, Luzon, Philippinen! Der Tag begann wie üblich um 6 Uhr morgens mit dem Frühstück und ich war überrascht, dass es Kartoffeln und Spaghetti gab, was es mir ersparte, wieder Reis essen zu müssen. Da der Start, der um 8 Uhr erfolgen sollte, gleich um die Ecke des Hotels lag, konnten wir es ruhig angehen lassen.

Die Etappe sollte über 130 Kilometer führen und mit der bereits gestern erwähnten Bergankunft über 650 Höhenmeter enden. Da das eindeutig zu viel für mich ist, wollte ich in die Gruppe des Tages gehen, Punkte für die Sprintwertung sammeln und dann am Schluss mein Tempo fahren. Ich fühlte mich gut, war akklimatisiert, hatte keinen Jetlag, keine Magenprobleme und kannte die gesamte Strecke aus dem Training. Was sollte bei so guten Ausgangsbedingungen, die ich selten habe, schon schief gehen?

Eine ganze Menge, wie sich bereits nach kurzer Zeit herausstellen sollte. Nach fünf Kilometern Neutralisation kam es direkt vor dem 0-km-Schild, das den scharfen Start markiert, zu einem Massensturz und ich war mitten drin und ging hart zu Boden. Nachdem ich mich aus dem Knäuel befreit hatte, checkte ich mich kurz durch und stellte außer den üblichen Schürfwunden an Knien, Hüfte und Ellenbogen und. Unterarmen nichts Gravierendes fest.

Meine linke Wade schmerzte zwar, weil ich dort ein Kettenblatt hinein bekommen hatte, aber ich sammelte meine Trinkflaschen, Brille und Radcomputer ein und wollte mich gerade wieder auf mein Rad schwingen, als ich mit Schrecken sah, dass das Schaltwerk abgerissen war. Da ich wusste, dass wir kein Ersatzrad mitführen, sah ich mich schon am Ende der Rundfahrt.

Nun kam jedoch jemand vom neutralen Materialwagen auf mich zu und sagte mir, dass sie zwei Ersatzräder auf dem Dach hätten und ich eines haben könnte. Ich sah zwar sofort, dass die Räder viel zu groß für mich waren, aber es war meine einzige Chance, weiter fahren zu können. Also hievten sie eins vom Dach und stellten mir den Sattel mit einem Inbusschlüssel - es gab keinen Schnellspanner an der Sattelklemme - so weit wie möglich herunter. Als ich die Sitzhöhe testen wollte, offenbarte sich das nächste Problem, denn es waren keine Pedale montiert. Also wies ich die Betreuer an, meine Pedale abzuschrauben und ans Ersatzrad zu montieren. Glücklicherweise fanden sie einen passenden Schlüssel. Währenddessen wollte ich meine Flaschen an den Rahmen stecken, aber es gab nur einen Halter. Als die Pedale endlich montiert waren, korrigierten wir nach grober Schätzung nochmal die Sitzhöhe.

Mittlerweile war viel Zeit vergangen und ich war der einzige Fahrer, der noch herumstand, und ich fragte mich, welchen Sinn es überhaupt machen würde, das Rennen wieder aufzunehmen. Ich hatte die gesamte Etappe noch vor mir, wusste, dass ich das Feld niemals wieder erreichen würde und auch die zehn Prozent Karenzzeit war angesichts des nicht passenden Rades, meines Zustands und der Bergankunft unmöglich zu schaffen. Vor allem, weil mindestens ein Drittel davon bereits verstrichen war. Am vernünftigsten wäre es also gewesen, umzudrehen, die fünf Kilometer ins Hotel zurück zu fahren und meine Wunden zu versorgen. Aber dann wäre der ganze Aufwand mit dem Rad umsonst gewesen und ich war ja noch in der Lage weiter zu fahren. Also entschied ich mich dafür, trotzdem loszufahren und mit wehenden Fahnen unterzugehen.

Das Rad fuhr sich schrecklich, der Lenker war viel zu hoch und breit wie ein Buslenker und wie ich nach dem Rennen sah, fuhr ich die billigsten und schwersten Laufräder, die es von Shimano gibt und eine schlecht eingestellte 105er Gruppe. Immerhin stimmte die Sitzhöhe halbwegs. Als ich um die erste Kurve kam, offenbarte sich mir der zu diesem Zeitpunkt denkbar schönste Anblick, da stand das Feld! Das Rennen war nach dem Sturz angehalten worden und wurde erst fortgesetzt, als alle Fahrer wieder da waren und ich war der letzte Fahrer, auf den sie noch gewartet hatten. Ich war also wieder im Spiel, Halleluja! Allerdings stellte sich schnell heraus, dass doch nicht alle Fahrer wieder mit von der Partie waren, denn mein Teamkollege Panha aus Kambodscha fehlte. Er wurde mit Verdacht auf Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus gebracht und der bestätigte sich später leider. Armer Kerl.

Es ging nun die lange Abfahrt ans Meer hinunter und ich warf meinen Plan mit der Spitzengruppe über den Haufen und schaltete in den Überlebensmodus. Meine linke Wade machte mir zu schaffen und ich hatte komische Schmerzen an den oberen Rippen des rechten Brustkorbs, aber es war auszuhalten. Ich hielt mich hinten im Feld auf und sah zwei Fahrer bei hoher Geschwindigkeit vor mir zu Boden gehen, kein schöner Anblick. Gestern machte übrigens die sehr traurige Nachricht die Runde, dass ein junger einheimischer Fahrer an seinen Kopfverletzungen gestorben ist, die er sich bei dem Rundstreckenrennen am letzten Sonntag, das ich auch gefahren bin, zugezogen hat. Er war dort  das Fixie-Rennen gefahren und auf der Zielgeraden schwer gestürzt.

Vorne wurde natürlich viel attackiert, aber mir war es gleichgültig, denn ich versuchte nur, im Feld mitzufahren und irgendwie klar zu kommen. Irgendwann war dann eine Gruppe vorne weg, aber ich kümmerte mich nicht darum, wer dabei war oder wie groß der Vorsprung war. Nach etwa 100 Kilometern stand die von mir gefürchtete, sehr steile Wand mit mindestens 20 Prozent Steigung über 100 Höhenmeter an und da merkte ich, dass mein Rad verdammt schwer war, mit Sicherheit das schwerste im Feld, und dass die Übersetzung zu dick war. Ich wuchtete mich in Schlangenlinien nach oben und wurde abgehängt, konnte aber in der schnellen Abfahrt wegen meiner Streckenkenntnis und weil mir nun sowieso alles egal war, wieder zurück kommen.

Den Beginn des Schlussanstiegs erreichte ich dann mit dem Feld, ließ es jedoch sofort ziehen und fuhr mein eigenes Tempo, das anfangs noch ganz okay war, und ich genoss sogar hin und wieder den Ausblick auf den Taal See unter uns. Doch je länger der über zehn Kilometer lange Anstieg dauerte, desto mehr Schmerzen bekam ich, denn mir floss der Schweiß in die Wunden, und die Verspannungen im ganzen Körper wegen der falschen Sitzposition über Stunden hinweg machten sich unangenehm bemerkbar. Ich wurde immer langsamer, von einigen Fahrern überholt, litt wie ein Hund und fragte mich wieder einmal, wozu nur immer wieder diese Quälerei für nichts und wieder nichts? Auf den letzten Kilometern in der Stadt bekam ich dann noch schmerzhafte Krämpfe und musste im chaotischen Verkehr fahren, weil ich bereits so weit zurück lag. Mir blieb auch nichts erspart.

Endlich im Ziel angekommen, fuhr ich sofort ins Hotel, erbettelte mir an der Rezeption eine Zimmerkarte und klappte unter der Dusche fast zusammen, weil mir schwindelig und kurz schwarz vor Augen wurde. Ich legte mich ins Bett, saute die weiße Bettwäsche ein und wusste, dass ich mich eigentlich auf die Suche nach etwas Essbarem machen sollte. Ich konnte mich aber nicht aufraffen und dämmerte schon  komatös vor mich hin. Mich selbst bedauernd stellte ich fest, dass ich es trotz eigentlich optimaler Ausgangsbedingungen wieder einmal geschafft hatte, schon nach der ersten Etappe völlig im Eimer zu sein.

Irgendwann kam dann mein Teamchef aufs Zimmer und ermahnte mich, meine Sachen zusammen zu packen, was ich nur wie in Zeitlupe tun konnte, und zum Teambus zu bringen, denn uns stand noch ein dreistündiger Transfer ins nächste Hotel bevor. Meinem Zimmerkollegen Jerome blieb das erspart, denn er hatte die Etappe nicht beendet, darf noch eine Nacht bleiben und morgen zurück nach Singapur fliegen.

Insgeheim beneide ich ihn, denn mir tut alles weh und wir haben keinen Physio, der meinen total verspannten Körper lockern könnte. Außerdem weiß ich jetzt noch nicht, ob wir mein Rad wieder fahrtüchtig bekommen oder ich wieder auf irgendeinem fremden Rad fahren muss, was angesichts der 200 km Etappe morgen keine schöne Vorstellung ist.

ABER: Morgen gleiche Stelle, gleiche Welle

Gez. Sportfreund Radbert

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