Vor 20 Jahren: Festina-Skandal erschüttert die Tour

Eine Wagenladung voller Dopingmittel

Foto zu dem Text "Eine Wagenladung voller Dopingmittel"
Richard Virenque stand im Zentrum des Festina-Skandals und gestand erst nach Jahren Doping. | Foto: Cor Vos

06.07.2018  |  Les Herbiers (dpa) - Willy Voet hat am 8. Juli 1998 besonderes Gepäck in seinen Fiat verladen. Der Betreuer des französischen Festina-Teams macht sich auf den Weg nach Calais, wo er die Fähre nach Dublin bekommen muss.

Dort startet drei Tage später die Tour de France mit dem Festina-Star Richard Virenque. Voet biegt um 06.30 Uhr auf die Departementsstraße 78 und steuert in Belgien den kleinen Grenzübergang in Neuville-en-Ferrain an. Wie immer hat er für die Grenzbeamten Trikots und Radmützen als nettes Mitbringsel zurechtgelegt. Aber diesmal wird der Belgier herausgewunken.

Sein Wagen wird gefilzt und Voet kreidebleich: Die Zöllner fördern 236 Ampullen EPO, 82 Packungen mit Wachstumshormonen, Testosteron-Präparate, Amphetamine, Cortecoide zu Tage. Damit könnte locker dem gesamten Peloton Beine gemacht werden: Der bis dato größte Dopingskandal der Frankreich-Rundfahrt nimmt seinen Anfang.

Die Neuigkeiten vom belgisch-französischen Grenzort schwappen nur peu à peu nach Dublin. Voet wird in Lille inhaftiert – Verdacht auf Drogenhandel. Festina steht trotzdem am Start, der Bergspezialist Virenque, der ein Jahr nach seinem zweiten Platz hinter Jan Ullrich endlich die Tour gewinnen will, fährt den besten Prolog seiner Karriere.

Danach gibt er – auf Voet angesprochen - ganz empört zu Protokoll: "Ich bin nicht verantwortlich für Dinge, die unser Personal tut". Es dauert noch fünf Tage, bis die Virenque-Equipe aus dem Rennen genommen wird. Teamchef Bruno Roussel wird festgenommen, genau wie Mannschafts-Arzt Eric Rijkaert, der trotz einer schweren Lungenerkrankung 100 Tage im Gefängnis sitzt.

Der Mediziner packt in Verhören aus, spricht von einem seit 1994 etablierten Dopingsystem im Team: "Mein Kühlschrank war immer voll mit Medikamenten". Auch der zweimalige Tour-Zweite Alex Zülle aus der Schweiz ist geständig, nur Virenque leugnet hartnäckig. Erst vor Gericht gibt er zwei Jahre später unter Tränen Doping zu und wird gesperrt. Nach seinem Rücktritt 2004 wird er in Frankreich zum gefragten Eurosport-Spezialisten.

Die Tour' 98 läuft weiter, die Profis streiken sitzend auf dem Asphalt und wollen damit gegen die angebliche Willkür der Polizei protestieren. Bei Razzien werden bei fast allen Teams Dopingmittel gefunden, Fahrer und Betreuer werden festgesetzt. Die niederländische TVM-Mannschaft flieht während des Tour-Abstechers in der Schweiz, auch spanische Mannschaften scheren aus dem Tour-Tross aus und fahren nach Hause.

Nur 96 von 198 gestarteten Tourfahrern erreichen am 2. August das Ziel auf den Pariser Champs Elysées, unter ihnen Jan Ullrich auf Platz zwei hinter Marco Pantani. Der Alptraum ist allerdings noch lange nicht zu Ende, er ist nur die erste Station auf dem Weg zu den folgenden Dopingskandale um Fahrer wie Riccardo Ricco, Michael Rasmussen, Alexander Winokurow, Alberto Contador, Ivan Basso und Ullrich.

Im Folgejahr passiert den Tour-Organisatoren das scheinbar Beste, was kommen konnte: Der geheilte Krebspatient Lance Armstrong gewinnt seine erste Frankreich-Rundfahrt und wird als großer Erneuerer und Hoffnungsträger gefeiert.

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