“Heute war ich vielleicht der Stärkste“

Auf die Ohrfeige folgte Pinots Etappensieg

Von Peter Maurer

Foto zu dem Text "Auf die Ohrfeige folgte Pinots Etappensieg"
Thibaut Pinot (Groupama - FDJ) | Foto: Cor Vos

20.07.2019  |  (rsn) - Die Tour de France 2019 ist für Thibaut Pinot (Groupama – FDJ) eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Zuerst zeigte er sich schon bärenstark an der Planche des Belles Filles, wo er nur zwei Sekunden hinter Geraint Thomas (Ineos) auf dem fünften Tagesrang landete. Danach nahm er abgesehen von Julian Alaphilippe (Deceuninck – Quick-Step) als Tageszweiter in Saint-Étienne den Favoriten weitere 20 Sekunden ab, ehe der Franzose auf der 10. Etappe vor dem Ruhetag in Albi den ersten Tiefschlag kassierte.

Als Opfer einer Windkante verlor er 1:40 Minuten. Eine Podiumsplatzierung oder gar der erste Sieg eines Franzosen seit Bernard Hinault 1985 schien erneut verloren. "Bei der Windkante auf der Etappe nach Albi musste ich eine Ohrfeige einstecken, wie ich selten zuvor eine bekommen habe. Aber ich bin von einer Mannschaft umgeben, die mir vertraut, und daher haben wir an Ort und Stelle den Kopf wieder hochgenommen", erinnerte sich Pinot.

Schon zum siebten Mal nimmt der 29-Jährige an seiner Heimatrundfahrt teil. Nach einem herausragenden Debüt 2012, welches er nicht nur mit seinem ersten Etappensieg krönte, sondern auch mit Rang 10 in der Gesamtwertung, folgte im Jahr darauf ein Ausfall. 2014 stand er als Dritter hinter Vincenzo Nibali und Landsmann Jean-Christophe Peraud erstmals in Paris auf dem Podium und galt als die große Zukunft des französischen Radsports.

Es folgte Platz 16 im Jahr 2015. Den Gesamtwertungsambitionen konnte er nicht nachkommen, jedoch feierte er in Alpe d’Huez einen umjubelten Etappensieg. Ein Jahr später beendete er die Tour de France erneut vorzeitig aufgrund einer Bronchitiserkrankung. 2017 wurde er im Mai Vierter beim Giro d’Italia, aber bei Le Tour wurde er den Hoffnungen erneut nicht gerecht. Nachdem er schon 90 Minuten Rückstand in der Gesamtwertung hatte, verließ er das Rennen auf der 17. Etappe. Im Vorjahr verpasste er die Tour, nachdem er auf der vorletzten Giro-Etappe erkrankte und völlig einbrach. Scheinbar hatte der Franzose damals die Talsohle seiner Karriere erreicht und präsentierte sich 2019 mit vollem Fokus auf sein Highlight im Juli wiedererstarkt.

Nach starker Vorbereitung bereit für die Tour?

Im Februar gewann er die Tour du Haut Var, im Mai dominierte er die Tour de l’Ain, wurde dazwischen Fünfter bei Tirreno-Adriatico und belegte den gleichen Rang bei der Dauphinée-Rundfahrt im Juni. Auch nach dem Auf und Abs der ersten 14 Tourtage zeigte sich Pinot nervenstark und holte sich am Col du Tourmalet seinen dritten Karrieresieg bei der Tour de France. "Für einen Kletterer ist es das Schönste, an den größten Bergen der Tour de France zu gewinnen. Alpe d’Huez und Tourmalet haben eine große Geschichte und an beiden habe ich nun gewonnen. Ich konnte diese Tour einfach nicht ohne einen Etappensieg verlassen, und den habe ich jetzt in der Tasche", jubelte der Franzose, der anfügte, dass der Sieg ein Teil seiner Revanche war, nachdem er auf der 10. Etappe auf der Windkante vor Albi 1:40 Minuten liegen ließ.

Völlig abgestimmt auf den 29-Jährigen ist in diesem Jahr der Tourkader von Groupama – FDJ. Sprinter Arnaud Démare wurde im Mai zum Giro geschickt, die flachen Ankünfte erwecken kein Interesse bei der französischen Mannschaft. Sieben Helfer wurden Pinot zur Seite gestellt und wie gut diese Entscheidung war, zeigte sich an der aktiven Fahrweise der Mannschaft auf der 14. Etappe. Bis fast zum Ende konnte der Kapitän auf zwei Helfer zurückgreifen. Der erst 22-Jährige David Gaudu brachte mit seiner Tempoverschärfung die noch verbliebenen Favoriten fast zum Verzweifeln, den Weltmeister Alejandro Valverde fuhr er an das Ende seiner Kraftreserven.

"Die Mannschaft und ich waren sehr motiviert und sie haben mir zum Sieg verholfen. Speziell David hat einen super Job abgeliefert und ich bin mir sicher er ist die Zukunft", bedankte sich Pinot. Aber bevor eine Hofübergabe im Hause Groupama – FDJ ansteht, gilt es die Ziele des Kapitäns zu verfolgen: „Das ist das Podium in Paris. Dafür bleiben mir noch acht Tage. Heute war ich vielleicht der Stärkste, aber jetzt muss ich mich erstmal erholen. Es kommen noch viele schwere Etappen. Die Tour ist noch lange nicht vorbei. Wir müssen bescheiden bleiben."

Mehr Informationen zu diesem Thema

28.07.2020Video-Rückblick: Bernals Weg zum Tour-Triumph

(rsn) - Vor genau einem Jahr gewann Egan Bernal (Ineos) als erster Kolumbianer die Tour de France. Nach einem harten Kampf über drei Wochen wurde der damals 22-Jährige am 28. Juli 2019 am Ende der 1

18.02.2020Tour-Sieger Bernal gewinnt Laureus World Sports Awards

(rsn) - Tour-de-France-Gewinner Egan Bernal (Ineos) ist als erster Radsportler seit Lance Armstrong mit dem Laureus World Sports Awards ausgezeichnet worden. Der 23-jährige Kolumbianer gewann die Wer

04.12.2019Van Aert: “Als würde ich bei lebendigem Leib brennen“

(rsn) - Wout Van Aert (Jumbo-Visma) hat sich erstmals die Aufzeichnung seines schrecklichen Sturzes bei der Tour de France angeschaut und im Rahmen der flämischen Doku-Serie Het Huis (Das Haus) ein I

15.11.2019Wetter-Wahnsinn bei Giro, Tour und WM

(rsn) - Extremwetter macht auch vor dem Radsport nicht halt. Eurosport hat in einem Video die fünf wildesten Szenen bei Radrennen zusammengefasst, die von Regen oder Schnee heimgesucht wurden.

24.10.2019Mitchelton - Scott: Vier Tour-Etappensiege als Saison-Highlights

(rsn) - Am Ende einer Saison, in der die GrandTour-Kandidaten Simon und Adam Yates sowie Esteban Chaves die großen Klassementhoffnungen nicht erfüllen konnten, zieht Mitchelton - Scott dennoch ein p

08.09.2019Van Aert sitzt erstmals seit Tour-Aus wieder auf dem Rad

(rsn) - "Guess what?! :)" - so betitelte Wout Van Aert am Sonntagmorgen eine Aktivität auf Strava. Und ja, ratet mal: Der Belgier saß erstmals seit seinem schweren Unfall im Einzelzeitfahren der Tou

06.09.2019Van Aert: OP-Fehler verlängerte die Zwangspause

(rsn) - Die Rechtskurve aus dem Tunnel unter dem Parc du Chateau heraus in die Rue d´Etigny, kurz vor der 1.000-Meter-Marke im Einzelzeitfahren der Tour de France in Pau: Maximilian Schachmann (Bora

16.08.2019Bardet wird in dieser Saison keine Rennen mehr bestreiten

(rsn) - Nach einer trotz des Gewinns des Bergtrikots enttäuschend verlaufenen Tour de France hat sich Romain Bardet (AG2R) dazu entschlossen, 2019 keine Rennen mehr zu bestreiten. "Gemeinsam mit dem

02.08.2019Van Aert: Nach zwei Operationen vor langer Rehabilitation

(rsn) - Nach zwei Operationen an seiner Oberschenkelwunde ist unklar, wann Wout Van Aert (Jumbo - Visma) wieder ins Peloton zurückkehren wird. Das teilte sein Team bereits vor einigen Tagen mit. Am D

02.08.2019Tour-Sieger Bernal kehrt nach der Clasica in seine Heimat zurück

(rsn) - Noch konnte Tour-de-France-Sieger Egan Bernal sein Gelbes Trikot seinen Fans in der Heimat nicht präsentieren. In der zu Ende gehenden Woche bestritt der Kolumbianer noch drei Kriterien in Be

02.08.2019Deceuninck - Quick-Step: Tour-Rückblick im Video

(rsn) - Mit drei Etappensiegen und 14 Tagen das Gelbe Trikot in den eigenen Reihen blickt Deceuninck - Quick-Step auf eine erfolgreiche Tour de France zurück. In einem selbst erstellten Video lässt

01.08.2019Greipel: “Die schlechteste Tour meiner Karriere“

(rsn) – André Greipel (Arkéa – Samsic) hat auf seiner Facebook-Seite seine neunte Tour de Frace bilanziert und betonte dabei, dass diese für ihn absolut nicht zufriedenstellend verlaufen ist.

Weitere Radsportnachrichten

19.01.2026Tudor Down Under: Ohne große Erwartungen, aber mit Lust auf Australien

(rsn) – Für das Tudor Pro Cycling Team beginnt die Saison 2026 so früh, wie bisher noch keine in der jungen Geschichte des Schweizer Rennstalls: Erstmals ist eine Delegation der Mannschaft nach Au

19.01.2026Wüsten-Rundfahrt bestätigt Evenepoel-Start und stellt Strecke vor

(rsn) – Im Zuge ihrer Streckenvorstellung hat die UAE Tour (2.UWT, 16. bis 22. Februar) auch die Teilnahme von Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) an der zweiten WorldTour-Rundfahrt de

19.01.2026Czapla nach Down-Under-Nachwuchstrikot mit viel Selbstbewusstsein

(rsn) – Nachdem sie das Trikot gleich am ersten Tag erobert hatte, wollte sie es unbedingt verteidigen. Und nach drei Etappen Tour Down Under lässt sich sagen: Mission erfolgreich abgeschlossen. Ju

19.01.2026German Cycling bennent EM-Aufgebot für Konya

(rsn) - German Cycling hat sein Aufgebot für die kommenden Bahn-Europameisterschaften vom 1. bis 5. Februar bekanntgegeben, Bei den 2026er Titelkämpfen, die erstmals im türkischen Konya ausgetragen

19.01.2026WorldTour-Auftakt Down Under mit vielen Namen, aber ohne klaren Favoriten

(rsn) – Die Tour Down Under (2.UWT) war schon immer ein Sekundenspiel. Selten lagen mehr als 20 davon zwischen ihrem Sieger und dem Zweitplatzierten, häufig deutlich weniger. Und ähnlich oft waren

19.01.2026Tour Down Under: Rückblick auf die letzten zehn Jahre

(rsn) - Die Tour Down Under bildet Ende Januar traditionell den Start in die WorldTour-Saison. Die 26. Austragung der Rundfahrt durch den Bundesstaat South Australia startet am 20. Januar und führt Ã

19.01.2026Erstes Radrennen in Indien seit 2013

(rsn) - Mit der morgen beginnenden Pune Grand Tour (2.2) wird erstmals seit 2013 wieder ein UCI-Rennen in Indien durchgeführt. Für das bevölkerungsreichste Land der Welt mit mehr als 1,4 Milliarden

19.01.2026Reusser und Lippert als klare Leader, Ferguson und Ostiz für die Zukunft

(rsn) – Zwei Jahre nach dem Karriereende von Annemiek van Vleuten darf man die Neuaufstellung beim Frauenteam des spanischen Traditionsrennstalls als geglückt bezeichnen: Aus der Mannschaft, die ja

19.01.2026Rüegg bezwingt UAE im 1-gegen-3 und gewinnt Tour Down Under

(rsn) – Noemi Rüegg (EF Education – Oatly) hat die Schlussetappe der Tour Down Under Women (2.WWT) in Campbelltown gewonnen und sich damit zum zweiten Mal in Folge auch den Gesamtsieg bei der ers

18.01.2026Van der Poel hat den Omloop im Hinterkopf

(rsn) – Möglicherweise wird Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) zum openingsweekend am 28. Februar sein Debüt beim Omloop Nieuwsblad geben. “Ich habe es im Hinterkopf, aber noch nich

18.01.2026Highlight-Video des Cross-Weltcups von Benidorm

(rsn) – Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) ist auch beim Weltcup in Benidorm in einer eigenen Liga unterwegs. Der siebenmalige Cross-Weltmeister setzte sich in Spanien früh von seinen

18.01.2026Van der Poel mit zwei Fingern in der Nase und einem Rad in der Luft

(rsn) – Vor zwei Jahren kassierte Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) beim Weltcup in Benidorm seine letzte Niederlage, am Sonntag ließ er in der spanischen Sonne nichts anbrennen. Der