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26.08.2009 | (rsn) - "Leser fragen - Profis antworten" heißt die Serie auf Radsport News, in der jeden Monat ein Radprofi den Lesern Rede und Antwort steht. Im August erklärte sich Tony Martin (Columbia HTC) dazu bereit. Der 24 Jahre alte Eschborner absolvierte im Juli eine bemerkenswerte Tour-Premiere, trug fast zwei Wochen lang das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers und belegte am Mont Ventoux einen hervorragenden zweiten Platz. Hier sind ihre Fragen und Tony Martins Antworten:
Timm Bauer fragt: Glauben sie, dass sie nach Ihrem beeindruckenden Tour-Debüt nächstes Jahr möglicherweise als Kapitän Ihres Teams die Tour de France bestreiten dürfen?
Martin: Ich denke, dass ich als mögliche Alternative in der Gesamtwertung nächstes Jahr bei der Tour an den Start gehen werde. Schon aufgrund seiner Erfahrung wird aber Kim Kirchen wie gehabt als Nummer eins starten. Ich hoffe, dass ich die Form dieses Jahres bestätigen und dann drei Wochen vorne mitfahren kann.
Felix Brecht fragt: Inwieweit kann bei dir oder anderen Fahrern den Grad der Erschöpfung - Stichwort: Etappe zum Mont Ventoux bei der Tour 2009 - am Gesicht erkennen?
Martin: Ich denke, es ist sehr schwer, seinen Gegner einschätzen zu können. Ein verzerrter Gesichtsausdruck ist für mich kein sicheres Anzeichen von Erschöpfung, da jeder Fahrer unter hoher Belastung anders aussieht oder auch schauspielern kann. Aufschlussreicher ist da schon eine unsaubere Fahrweise, wenn der Oberkörper immer mehr hin und her wackelt und fehlende Kraft in den Beinen ausgeglichen werden soll.
Benedikt H. fragt: Ich habe Dich dich in deiner etwas schwächeren Phase am Col du Grand St. Bernard aus vollem Halse „hochgeschrien“. Nimmst Du so etwas im Rennen überhaupt wahr und was geht dir bei solch einer „Tunnelblickphase“ durch den Kopf?
Martin: Es kommt ganz auf die Belastung an. Sicherlich bekommt man in jeder Phase des Rennens die tolle Atmosphäre am Rand mit. Das macht für mich die Tour so einzigartig und motiviert ungemein. Einzelne Fans registriert man allerdings nur in 'entspannten' Rennsituationen. Es hat mich besonders gefreut, dass auch viele deutsche Fans dort waren und mich unterstützt haben. Auch auf diesen Weg möchte ich mich dafür nochmal bedanken.
Daniel Greiner und Lukas Bossart fragen: Welche Durchschnittswerte für Herzfrequenz und Leistung hattest Du im Aufstieg zum Mont Ventoux ? Wie hoch waren die Spitzenwerte?
Martin: An Bergen wie dem Mont Ventoux fahre ich zwischen 300 und 400 Watt. Die Herzfrequenz kommt nach drei Wochen auch nicht mehr so hoch. Sie liegt bei ca. 170 Schlägen die Minute.
Thilo Kühn fragt: Welche Übersetzung bist Du Du am Ventoux gefahren gefahren und wie hoch war die Trittfrequenz?
Martin: Am Mont Vontoux bin ich vorne 53/39 und hinten 11/25 gefahren. Ich wollte bewußt kleine Gänge fahren, damit ich auf eine Tempoverschärfung flexibel reagieren kann. Deshalb habe ich gerade an den Steilstücken des Berges den fünfundzwanziger benutzt. Die Trittfrquenz liegt bei 80 bis 90 Umdrehungen.
Frage: Mit wie vielen Jahren hast du angefangen, Radsport zu betreiben?
Martin: Ich habe mit 15 Jahren mit dem Radsport begonnen. Damals hat mich mein Vater trainiert und ich bin zunächst eine kleine Rennserie auf dem Parkhaus eines Einkaufszentrums gefahren.
Scott Nawroth fragt: Mit welchen Trainingsmethoden und Trainingsarten hast du es geschaft, dich innerhalb zwei Jahren von einem guten Zeitfahrer weiter zu einem guten Bergfahrer zu entwickeln?
Martin: Im Training habe ich kaum etwas umgestellt. Ich denke, der Knackpunkt war die diesjährige Tour de Swiss, in der ich im Kampf um das Bergtrikot gesehen habe, dass ich auch mit den Gesamtwertungsfahrern mithalten kann. Ich war auch vorher nicht schlecht in den Bergen, habe aber nochmal zwei Kilo verloren und hatte nach der Schweiz einfach das nötige Selbstvertrauen.
Sebastian Ohrmann fragt: Wie sieht denn streckentechnisch dein Training aus, wenn du zuhause trainierst? Ist es nicht gerade mit dem GA-Training etwas schwierig in der Eschborner Gegend?
Martin: Ich fahre viel im Hintertaunus, wo der Verkehr nicht so stark ist. Ganz leicht ist dieses Gebiet nicht, wenn man total flach fahren will. Mittlerweile habe ich aber ganz angenehme Strecken gefunden, wo ich jedes Training realisieren kann. Zudem weiche ich ab und zu nach Erfurt aus, wo ich mich aus früherer Zeit optimal auskenne.
Max Maschmann fragt: Ich würde gerne wissen, ob und wenn ja, an welchen Bergen sie im Taunus trainieren, da sie ja recht nah am Taunus wohnen?
Martin: Ich fahre des öfteren den Feldberg hoch. Wenn ich richtig lange Berge fahren will, mache ich ein Trainingslager und fahre Alpenpässe von mehr als 10 Kilometern ab.
Moritz Scheidl fragt: Hast du einen eigenen Trainer oder gestaltest du dein Training selbst? In welchen Belastungsbereichen trainierst du denn während der Saison?
Martin: Mein Trainer ist Sebastian Weber vom Team Columbia HTC. Ich habe aber auch eigene Vorstellungen, wie mein Training aussehen soll. Deshalb fließen unsere beiden Ideen in die Planung ein. Desweiteren hole ich mir ab und zu Rat bei meinem alten Trainer Jens Lang, der mich sehr gut kennt. Hauptsächlich trainiere ich zwischen den Rennen im GA-Bereich, d.h. zwischen 200 und 250 Watt.
Jan Poredos fragt: Welche Geschwindigkeit müssen sie als Sprintanfahrer für Cavendish erreichen?
Martin: Das kommt ganz auf die Strecke, Wind, Position und Führungslänge an. Wenn ich auf flacher Strecke den Sprintzug auf den letzten Kilometer - oder noch weiter – bringe, fahre ich ca. 55km/h. Der letzte Anfahrer sollte dann schon 60 km/h oder mehr auf dem Tacho haben.
Markus Burkow fragt: Da sie ja das ganze Jahr über in Europa und auch ab und an in der restlichen Welt unterwegs sind, würde mich interessieren, inwie weit Radsportler "etwas von der Welt sehen"? Gibt es Lieblingsregionen oder -städte? Und wie bleibt die Kommunikation mit der Heimat gewährleistet?
Martin: Zeit für Sightseeing bleibt maximal im Trainingslager. Die meist kurzen Aufenthalte reichen aber dafür aus, einen Eindruck der jeweiligen Kulturen und Besonderheiten der einzelnen Länder zu bekommen. Sehr gerne bin ich in der Schweiz wegen der schönen Natur und guten Straßen, die für einen Radsportler immer wichtig sind. Für den Kontakt nach Hause gibt es kaum Alternativen zum täglichen telefonieren. Wenn es möglich ist, kommen mich meine Freundin und meine Familie auch mal beim Rennen besuchen.
Heinrich Außerlechner fragt: Aus welchen Grund soll man nicht aus dem Sattel gehen? Wenn man etwa eine Attacke auf den Bergen hinauf probiert, kommt man ja nie von der Gruppe weg, wenn man im Sattel bleibt…
Martin: Das ist von Fahrer zu Fahrer unterschiedlich. Ich denke, dass das Treten aus dem Sattel ergonomischer ist, da nicht der ganze Körper zum Einsatz kommt. Wenn man bei einer Attacke am Berg das Tempo schnell erhöhen will, ist es dennoch die beste Methode, aus dem Sattel zu gehen. Dies hat man bei der diesjährigen Tour ja auch des öfteren bei Contador & Co. sehen können.
Franz Huber fragt: Haben Profis, die ja ungemein lange auf dem Sattel sitzen, Sitzbeschwerden? Können sie Hobbyfahrern spezifische Insider-Empfehlungen geben?
Martin: Ganz wichtig ist die richtige Wahl des Sattels. Den muss man aber individuell für sich herausfinden, da jeder Fahrer anderes ist. Manche mögen einen harten, andere einen weichen Sattel. Ganz wichtig ist zudem die Verwendung einer Gesäßcreme auf dem Sitzpolster bei jeder Ausfahrt. Auch hier gibt es individuelle Vorlieben.
Fritzer fragt: Was machst du am liebsten in deiner Freizeit, wenn du mal nicht Rad fährst?
Martin: In meiner Freizeit umgebe mich am liebsten mit meiner Freundin, meiner Familie und meinen Freunden, die ich aufgrund der vielen Reisen nicht so oft um mich habe. Wir gehen dann gemeinsam aus, z.B. ins Kino oder Restaurant, kochen zusammen oder verbringen einfach nur Zeit miteinander.
Thomas Völkel fragt: Du sagst, dass du dich im kommenden Jahr anders auf die Tour vorbereiten wirst. Wie sieht die Planung konkret für andere Rundfahrten aus und werden wir dich auch bei einigen Klassikern sehen?
Martin: Ich werde nächstes Jahr noch mehr in den Bergen trainieren und auch intensiveres Intervalltraining machen. Wie auch dieses Jahr werde ich an den Ardennenklassikern teilnehmen.
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