Tour of the Gila – Tagebuch: 5. Etappe

Schlimme Stürze und ein cleverer Etappensieger

Von Stefan Rothe

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Stefan Rothe

Foto: Stefan Rothe

04.05.2009  |  (rsn) - Ich sitze hier gerade im Café vom Flughafen in El Paso,Texas, und warte auf meinen Heimflug nach Austin nach einer langen und ereignisreichen Woche. Für den letzten Tag der Rundfahrt hatten sich die Organisatoren wirklich was Schweres einfallen lassen. Insgesamt ging‘s 170km durch die „Gila Mountains“ und für die verbleibenden 145 Fahrer galt es mehr als 3000 Höhenmeter zu überwinden.

Teamkollege Mike fuhr bei dieser Etappe letztes Jahr auf Platz neun, doch die Qualität der Fahrer war natürlich nicht so hoch wie dieses Jahr mit Armstrong & Co. Die ersten 80km liefen relativ ruhig und wir „versteckten“ uns im Peloton vor Wind und Stürzen. Da gab es leider einige richtig schwere. Zuerst erwischte es einen Fahrer vom Team OUCH, der mit dem Hubschrauber abtransportiert wurde. Taylor Phinney, amtierender Weltmeister in der Einverfolgung, kam auch zu Fall, konnte aber weiter fahren. Eine Ausreißergruppe mit elf Fahrern hatte sich mittlerweile vom Feld gelöst und das U23-Livestrong-Team fuhr Tempo. Unterdessen gab‘s den zweiten Sturz; Meinen Freund Scott Nydam von BMC hatte es in der Ausreißergruppe richtig schwer erwischt. Als wir im Feld vorbeikamen, lag er reglos in der Mitte der Straße. Da gab es einige Diskussionen im Peloton...das letzte „Update“ besagte, dass er sich den Schädel gebrochen hatte und ebenfalls per Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde. Schrecklich!

Das Rennen lief aber weiter und nach 90km ging es das erste mal richtig bergauf, ein 11km Anstieg der 2. Kategorie. Livestrong machte noch immer Tempo und ich war die letzten paar Kilometer schon am Limit. Das Feld wurde immer kleiner und letztendlich sind ca. 50 Fahrer zusammen über den ersten Berg gekommen. Ich muss wohl der 51. Fahrer gewesen sein...

Doch auf der steilen, kurvenreichen 10km Abfahrt ließ es sich in einer kleinen Gruppe viel besser „abfahren“ als in der großen Gruppe. Mit 90 Sachen gings bergab und ich war schnell wieder an Mike’s Seite. Danach nochmal zurück zum Auto, um ein paar Gels und Flaschen für uns beide zu holen. Wichtig war, dass Mike alles hatte, was er brauchte, um am Hinterrad von Levi & Lance zu bleiben… Beim nächsten Anstieg der 1. Kategorie musste ich dann aber reißen lassen, während Chris Horner vorn volles Tempo fuhr. Jetzt konnte ich meinen Rhythmus fahren und wollte nur noch das Ding zu Ende bringen. Da war ich aber nicht ganz alleine, mit Floyd Landis war ein anderer Tour-„Sieger“ in meinem kleinen Grupetto. In der letzten Verpflegungskontrolle gab ich meinem Team-Direktor mein Funkgerät ins Auto und sagte ihm, er brauche sich nicht mehr um mich kümmern und solle nach vorn zu Mike fahren.

Die letzten 30 Kilometer gings dann im Grupetto Richtung Ziel, wobei wir noch einen Anstieg der 2. Kategorie überwinden mussten. Am Ende des letzten Anstiegs dachte ich “Mensch, ich sehe nicht recht“, als ich zwei Cola-Dosen und Wasserflaschen am Straßenrand sah. Das war perfekt, zusammen mit einem U23-Fahrer von GARMIN habe ich mir die geteilt.

Nach knapp fünf Stunden hatte ich es dann auch geschafft und erreichte das Ziel. 20Minuten vorher hatte der Amerikaner Phil Zajiceck für Furore gesorgt, als er Armstrong und Leipheimer im Finale mit Cleverness im Sprint besiegte.

Mike wurde 20. am Tag und 28. in der Gesamtwertung. Nicht ganz so gut wie im letzten Jahr, aber das Feld war ja auch um Einiges besser besetzt mit den Astana-Boys, die sich nur für den Giro „einrollen“ wollten.

Achja, Dopingkontrollen gab es auch. Zum ersten Mal in der 23-jährigen Geschichte der Rundfahrt war die US Anti-Doping-Organisation „USADA“ (Unites States Anti Doping Association) jeden Tag vor Ort und testete fünf Fahrer. Natürlich auch Levi und Lance. Das ist jedoch nicht die Regel: Die Kosten für Anti-Dopingkontrollen bei nationalen Rundfahrten wie z.Bsp. der Tour of the Gila sind sehr hoch (2500 Dollar pro Tag) und müssen durch den Veranstalter finanziert werden. Dank SRAM und deren Sponsoring war das hier aber kein Problem und wir wünschen uns, dass hier alles „sauber“ lief. Ich hoffe Euch hat das kleine Tagebuch der letzten fünf Tage gefallen.

Viele Grüße,

Stefan

Stefan Rothe, 27, ist Deutscher und kam vor sechs Jahren mit Hilfe eines (Rad) Sport-Stipendiums in die USA, um Sportwissenschaften zu studieren. Rothe fuhr von 1995 bis 2002 für den Dresdner Sportclub 1898 e.V. als Junior und in der U23. Nach Universitätsabschluss arbeitet er jetzt als Radsporttrainer in Austin, Texas und ist selbst aktiver Rennfahrer. In den vergangenen Jahren war er mehrfach der erfolgreichste Amateurfahrer (Category 1) im US-Bundesstaat Texas und konnte auch bei nationalen Rennen in USA Erfolge vorweisen. Zur Zeit bestreitet er die Tour of the Gila im Pro/1-Rennen fuer das Tri-Star Team und berichtet für Radsport News in einem Tagebuch von dort.

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