Müllers Ronda-Filippinas-Tagebuch

Gerade rechzeitig noch zu Sinnen gekommen

Von Robert Müller

Foto zu dem Text "Gerade rechzeitig noch zu Sinnen gekommen"
Robert Müller nach der 1. Etappe der Ronda Filippinas | Foto: Robert Müller

10.02.2019  |  (rsn) - Hallo aus Roxas City, Panay, Philippinen! Die heutige Etappe führte über 180 Kilometer von der Süd- an die Nordküste Panays, wie gehabt mit einer Bergwertung, schlechten Straßen und viel Wind, der meist von rechts vorne kam. Am Morgen herrschte etwas Stress, weil das Verladen des Gepäcks in die LKWs eine halbe Stunde vorgezogen wurde. Dafür kam es dann erst zwei Stunden nach dem Zieleinlauf im Hotel an und ich konnte mich bis dahin nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleiden, aber halb so wild. Meine Vorausahnungen von gestern bestätigten sich zum Glück und leider. Zum Glück, weil es mir deutlich besser ging und leider, weil mein Teamkollege Jordi doch nicht starten konnte.

Ich startete aus der ersten Reihe und als das Rennen nach acht Kilometern Neutralisation freigegeben wurde ging ich gleich die Startattacke mit, denn meine Beine fühlten sich wieder normal an. Nach zwei Tagen des Leidens konnte ich wieder aktiv am Renngeschehen teilnehmen und das tat ich auch, indem ich auf den ersten 20 Kilometern fröhlich attackierte, was das Zeug hielt. Beinahe wäre ich dabei in der achtköpfigen Spitzengruppe gelandet, doch obwohl mich das Rennfieber wieder gepackt hatte, kam ich gerade noch rechtzeitig wieder zu Sinnen. Denn bei dem starken Wind und angesichts der Länge der Etappe hätte ich mir in der Gruppe auf jeden Fall schon wieder komplett den Zahn gezogen und das musste wirklich nicht sein.

Also sortierte ich mich, als das Rennen in halbwegs geordneten Bahnen verlief, hinter Mancebo ein und genoss es, dass meine Systeme wieder ordentlich funktionierten. Abgesehen von meinem Hintern schmerzte nichts und ich konnte normal essen und trinken, herrlich. Die Position direkt hinter Mancebo und seinem japanischen Team, welches den Abstand kontrollierte wie es sich als Mannschaft des Gesamtführenden gehört, verteidigte ich über die gesamte Etappe, denn es war eine der allerbesten im Feld. Ich hatte auf der Windkante hinter ihm stets noch ein bisschen Platz um versetzt fahren zu können und musste so weit vorne im Feld nach den Kurven und Baustellen nie hart antreten.

Keine Probleme an der Bergwertung

Außerdem konnte ich so über lange Zeit einen Fahrer beobachten, den ich als kleiner Nachwuchsfahrer immer im Fernsehen bei der Tour und Vuelta gesehen hatte. Damals gefiel mir an ihm vor allem, dass man ihm ansah, wenn er am Limit war, da er dann den Kopf schief hielt und auf dem Rad herum wackelte. Heute fuhr er auch etwas unruhig und stand oft auf, um den Hintern zu lüften, ich würde mittelschwere Sitzprobleme diagnostizieren. Er verpflegte sich meistens nach alter Schule mit Silberlingen und holte ein paar Mal für seine vier Teamkollegen Flaschen. Als der Abstand zur Spitze 80 Kilometer vor dem Ziel bei sechs Minuten lag, stieg er sogar selbst bei der Führungsarbeit mit ein.

Die Bergwertung bereitete mir diesmal keine Probleme, einzig das Hinterherattackieren des philippinischen Navy Teams nervte. In der Spitzengruppe waren sie nämlich nur mit einem Fahrer vertreten, das einheimische Team Go for Gold jedoch mit zwei und das passte ihnen gar nicht. Es hatte sich somit nämlich ein Fahrer zu viel ohne Genehmigung in die Hoheitsgewässer der Navy begeben und das durfte nicht sein. Sie nutzten jede Welle und auch die Bergwertung nach 60 Kilometern, als der Abstand schon über vier Minuten betrug, um aus dem Feld heraus zu attackieren und ließen es nicht bleiben, bis sich einer von ihnen mit einem Begleiter absetzen und tatsächlich nach vorne fahren konnte.

Mancebos Team übertrieb es dann nach meinem Geschmack etwas mit der Nachführarbeit und verkleinerte den Vorsprung deutlich zu früh auf knapp über eine Minute. Zum Glück erkannten sie es selber und ließen die Zügel wieder lockerer und er wuchs wieder auf zwei Minuten an. Diese Phase nutzte ich zum Flaschen holen und sah dabei das einzige Mal an diesem Tag den Großteil des Feldes. Auf den letzten 25 Kilometern herrschte dann eher Schiebekante und das Tempo war sehr hoch. Die Gruppe wurde 15 Kilometer vor dem Ziel eingeholt und der Massensprint vorbereitet, wobei es wegen des hohen Tempos fast keine Attacken gab. Ich konnte meine Position bis zwei Kilometer vor dem Ziel behaupten, wurde dann jedoch rechts und links von einigen Zügen überholt, auf die ich aber nicht aufspringen konnte.

Highspeed-Sprint auf der langen Zielgeraden

Auf der langen Zielgeraden herrschte Rückenwind und es gab einen Highspeed- Sprint, was eine Angelegenheit für die eher schwereren Jungs war, wozu mein indonesischer Teamkollege Projo auch gehört. Den ganzen Tag hatte ich ihn nicht gesehen, doch kurz vor dem Ziel preschte er rechts an mir vorbei und sprintete auf den dritten Platz, ein schöner Erfolg für uns. Ich kurbelte im Sitzen hinter Mancebo, der Neunter wurde, ins Ziel und hatte mich eigentlich auf dem zehnten Platz gesehen, stand dann jedoch als Elfter im Ergebnis, egal. Wichtig für mich ist, dass es sich wieder nach Rennen fahren anfühlt und mein Körper wieder funktioniert.

Obwohl ich den Großteil der Etappe nur im Feld gesessen hatte, hinterließen die inklusive Neutralisation fast fünf Stunden Fahrzeit auf den mittlerweile gewohnt schlechten Straßen bei großer Hitze doch ihre Spuren, besonders an meinem Hintern. Allerdings war ich im Ziel nicht annähernd so kaputt wie an den letzten beiden Tagen. So groß unsere Freude im Team über den Podiumsplatz war, umso bedauerlicher war der Sturz meines Teamkollegen Gabriel aus Singapur, der sich zwar zum Glück nicht ernsthaft verletzt hatte, das Rennen aber trotzdem aufgeben musste. Somit sind wir für die restlichen beiden Etappen nur noch zu viert, aber durchaus schlagkräftig, wie man heute gesehen hat.

Unser neues Hotel, in dem wir zwei Nächte bleiben, ist übrigens ein sehr schönes Beachresort direkt am Strand und mit einem See auf der anderen Seite direkt vor der Terrasse unseres Bungalows. Außerdem gibt es noch einen schönen Pool, man hat also alles was man braucht, See, Meer und Pool. Das Meer musste ich natürlich gleich testen und es ist warm, der Sand sehr fein und es geht angenehm flach ins Wasser. Ich bin wieder einmal begeistert, dass ich durch den Radsport an solche schönen Orte komme und schon voller Vorfreude, wenn es in zwei Tagen noch besser wird.

Morgen stehen 147 Kilometer mit wieder einer Bergwertung an und vielleicht versuche ich es dann einmal ernsthaft, in die Gruppe des Tages zu kommen.

Morgen gleiche Stelle, gleiche Welle

Gez. Sportfreund Radbert

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