Exklusiv-Interview zum Karriereende

Hondo: „Radsportler sein ist auch eine Lebenseinstellung"

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Danilo Hondo (Trek) beendet am Saisonende seine Karriere. | Foto: Cor Vos

22.09.2014  |  (rsn) - Am 4. Oktober beendet Danilo Hondo (Trek) im Rahmen des Charity Bike Cups ins Ditzingen seine knapp 20-jährige Karriere als Rad-Profi. Im Exklusiv-Interview mit radsport-news.com spricht der 40-Jährige über seine größten Erfolge, seine Dopingsperre und seine Zukunftspläne.

Herr Hondo, mit Jens Voigt und Ihnen beenden zum zwei deutsche Profis Ihre Karrieren, die den internationalen Radsport in den letzten beiden Jahrzenten mit geprägt haben. Während Voigt mit dem Stundenweltrekord abtritt, konnten Sie nach einem schweren Sturz Ihren letzten großen Traum vom WM-Gold nicht realisieren. Wie fühlen Sie sich?

Hondo: Es ärgert mich schon sehr, dass meine Karriere mit einem Handbruch enden muss. 20 Jahre nach meinem WM-Titel auf der Bahn, den ich in der Mannschaftsverfolgung holte, war es ein Traum von mir, bei der WM in Ponferrada im Mannschaftszeitfahren mit einer neuerlichen Goldmedaille abzutreten. Ich hatte eine sensationelle Form und hatte meinen Startplatz sicher. Nun musste ich aber eine Woche Gips tragen und hoffe, dass ich mit einem starken Tapeverband bei meinem Abschiedsrennen am 4. Oktober einigermaßen mitrollen kann. Aber es geht ja für mich auch nicht darum, einen neuen Stundenweltrekord aufzustellen.

Wie geht es bei Ihnen nach Ihrem Abschiedsrennen weiter?

Hondo: Ich möchte dem Radsport auf jeden Fall nah bleiben. Es gibt einige Gespräche. Ich stehe ich mit meinem aktuellen Arbeitgeber, dem Team Trek, aber auch mit anderen Mannschaften in Kontakt. Auch einige Fahrer haben mir gesagt, dass sie gerne mit mir zusammen arbeiten würden. Die Geschichte mit dem eigenen Team ist auch noch nicht vom Tisch, auch wenn ich zuletzt nicht mehr so oft darüber gesprochen habe. Aber die Rahmenbedingungen sind in Deutschland leider noch nicht so, wie sie sein sollten. Zu guter Letzt ist es auch möglich, im Event- oder Consulting-Bereich etwas auf die Beine zu stellen.

Sie sind mit zehn Jahren zum Radsport gekommen, waren fast 20 Jahre als Profi aktiv. Haben Sie Angst vor der radsportlosen Zeit?

Hondo: Es ist klar, dass es ein komplett neues Leben wird. Das Radfahren war schließlich 30 Jahre mein Lebensinhalt. Ich sehe das, was jetzt ansteht, aber eher als eine spannende Herausforderung. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich nicht satt fühle und auch noch hätte ein, zwei Jahre weiterfahren können. Denn auch mit meinen 40 Jahren war ich noch auf einem sehr hohen Niveau.

Warum dann die Entscheidung, das Rad an den Nagel zu hängen?

Hondo: Es gab Gespräche mit verschiedenen Teams, aber die Mannschaften wollten eben auch jungen Fahrern eine Chance geben, was absolut nachvollziehbar ist. Letztlich war dann auch kein Angebot dabei, das mich vollends ausgefüllt hätte. Es ist aber auch okay, dass jetzt Schluss ist. Ich habe bei dieser Entscheidung ein gutes Gefühl.

Blicken wir auf Ihre lange Karriere zurück. Was war Ihr persönlich größter Erfolg?

Hondo: Da muss man differenzieren. Auf der einen Seite gibt es zählbare Ergebnisse wie Etappensiege bei großen Landesrundfahrten oder der WM-Sieg auf der Bahn. Dazu kommen Teilnahmen an den Olympischen Spielen und allen anderen großen Rennen im Radsport-Kalender. Aber auch nach meiner Zwangspause (Dopingsperre aus dem Jahr 2005, d. Red.) wieder zurückzukommen sehe ich als Erfolg an. Insgesamt bin ich nicht unzufrieden, wie meine Karriere verlaufen ist.

Was hat sich im Radsport im Laufe Ihrer aktiven Zeit am meisten geändert?

Hondo: Heute haben es die jungen Fahrer einfacher, Profi zu werden. Früher musste man sich erst hochdienen, die Plätze im Profi-Peloton waren begrenzt. Insgesamt ist das Niveau aber gestiegen. Da herauszustechen ist deutlich schwieriger, als es noch zu Beginn meiner Karriere war. Ein weiterer Unterschied ist auch, dass die Rennen heute zumeist einfacher zu lesen sind, da viele Teams die gleiche Taktik fahren. Gerade durch die Funkverbindung gibt es kaum mehr erfolgreiche Ausreißversuche. Dadurch fehlt es vielen Fahrern aber auch an taktischem Vermögen, da sie teilweise schon in der U23 mit dieser Unterstützung fahren. Der Funk hat sicher seine guten und schlechten Seiten. Ich finde, dass man auch als Sportler selbst Entscheidungen treffen muss. Ich selbst war zum Beispiel froh, wenn der Funk mal ausgefallen ist.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das Zeug zu einem starken Rennfahrer haben?

Hondo: Ich habe schon von vornherein gute Voraussetzungen mitgebracht und trotz des Parallelprogramms auf der Bahn auch auf der Straße früh Erfolge gefeiert. Im ersten Jahr beim Team Telekom habe ich mit Andreas Klöden viel arbeiten, viel von vorne fahren müssen. Da sind wir gar nicht in die Verlegenheit gekommen, darüber nachzudenken, ob aus uns gute Rennfahrer würden. Unser damaliger Teamchef Walter Godefroot kam damals zu uns und meinte, er wüsste nicht, ob wir gut genug für die Profis seien. Da haben wir uns schon gefragt: Was sollen wir noch tun? Im zweiten und dritten Profijahr stellten sich dann aber die ersten Erfolge ein und das hat mir einen richtigen Schub gegeben. Spätestens nach meinen Giro-Etappensiegen im Jahr 2001 wusste ich, dass ich konkurrenzfähig war.

Wie haben Sie die Zeit beim Team Telekom empfunden?

Hondo: Ich habe es als „Traumschiff Telekom“ bezeichnet. Es war eine tolle Mannschaft mit einem fantastischen Zusammenhalt. Mit Jan Ullrich und Erik Zabel hatten wir zwei starke Leader, mit dieser Situation musste man sich arrangieren und dadurch habe ich sicherlich auch das eine oder andere Ergebnis liegen lassen. Eventuell habe ich das Team etwas zu spät verlassen, um früher auf eigene Rechnung fahren zu können.

Dies konnten Sie dann beim Team Gerolsteiner, für das Sie ab 2004 fuhren. War der Wechsel der richtige Schritt?

Hondo: Absolut. Ich habe gemerkt, dass ich eine Führungsrolle brauche, und auch ein Team braucht einen starken Leader. Ich denke, ich habe zu dieser Zeit den Spagat, ein Team anzuführen und zugleich auch für die Ergebnisse einzufahren, sehr gut hinbekommen.

Im Jahr 2005 wurden Sie Zweiter bei Mailand-San Remo, wurden zuvor aber bei der Murcia-Rundfahrt positiv auf Carphedon getestet und letztlich für zwei Jahre gesperrt. Sie haben das Vergehen stets geleugnet. Wie beurteilen Sie das aus heutiger Sicht?

Hondo: Zunächst einmal muss man sagen, dass ich ein „Teil der Situation" war. Ich habe mich nicht genug geschützt, nur so kam letztlich die Verunreinigung einer zu mir genommenen Nahrung zu Stande, auf die ich den positiven Befund zurückführe. Natürlich war das ein herber Einschnitt in meiner Karriere, ich war damals in den Top Ten der Weltrangliste, bin bei den großen Rennen um den Sieg mitgefahren. Ich war dort, wo ich hingehörte. Ich habe mich aber auch klar zum Thema Doping positioniert und jegliche illegale Leistungssteigerung stets abgelehnt.

Nach dem positiven Test entwickelte sich ein Hin und Her wegen der Länge Ihrer Sperre. Erst ein Jahr Sperre, dann zwei Jahre Sperre, dann Aufhebung der Sperre und dann sogar eine Verlängerung der Sperre, da die zwischenzeitlichen Renneinsätze nochmals hintendran gehängt wurden. Wie sind Sie damit zurecht gekommen?

Hondo: Es hat natürlich einiges an Nerven gekostet. Aber ich bin ein positiv denkender Mensch. Ich habe mir immer gesagt: So darfst du nicht enden. Während andere Fahrer schnell wieder von ihren Dopingsperren zurückkamen, wurde mit mir unheimlich hart umgegangen. Ich habe aber nicht aufgegeben. Will man ein Problem aus der Welt schaffen, dann muss man es angehen.

Bekommt man über die Jahre hinweg ein Gefühl dafür, wer im Feld dopt?

Hondo: Das ist schwer zu sagen. Gerade Leistungssprünge müssen nicht unbedingt auf Doping hinweisen. Es gibt Phasen, da läuft es bei einem einfach nicht, und dann schlägt plötzlich das Training an. Letztlich weiß jeder nur für sich, ob er sauber fährt oder nicht. Zu sagen, dass überhaupt nicht mehr gedopt wird, das wäre sicherlich geheuchelt.

Sie fuhren in Ihrer Karriere nicht nur für Top-Teams wie Telekom und Gerolsteiner, sondern nach Ihrer Sperre auch für kleinere Mannschaften wie Lamonta und PSK Whirlpool. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Hondo: Gerade bei Lamonta hatte ich eine tolle Zeit, wir hatten ungeheuer viel Spaß. Das Leistungsvermögen der Jungs war sicherlich begrenzt, aber sie hatten dann auf einmal einen Leader, für den sie sich aufopfern konnten und so hätte ich am Ende durch meine zahlreichen Siege beinahe noch die UCI-Europe Tour gewonnen. Aber auch die Zeit in Tschechien will ich nicht missen.

Auf die große Radsportbühne kehrten Sie 2010 mit dem Team Lampre-Merida zurück…

Hondo: An der Seite eines Alessandro Petacchi zu fahren, der über 200 Rennen gewonnen hat, war eine tolle Sache. Es war schon immer einmal mein Ziel, für ein italienisches Team zu fahren. Insgesamt muss ich sagen, dass ich bei meiner Teamwahl, auch mit dem Team Radioshack und dem Nachfolger Trek, immer ein gutes Händchen hatte. Es gab kein Team, bei dem ich mich nicht wohlgefühlt habe.

Und nun beenden Sie nach fast 20 Jahren Ihre Profikarriere. Wie haben Sie so lange durchgehalten?

Hondo: Der Radsport war für mich ein Traumberuf, den ich immer sehr gern ausgeübt habe. Ich habe schon früh meine Leidenschaft für den Radsport entdeckt, bin mit 13 ins Sport-Internat. Die Begeisterung konnte ich mir bis heute bewahren. Letztlich ist Radsportler sein auch eine Lebenseinstellung. 


Mit Danilo Hondo sprach Christoph Adamietz.

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