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08.07.2013 | Erst nimmt Team Sky die Konkurrenz komplett auseinander, dann fällt das Team in sich zusammen. Wie lässt sich das erklären - und wie geht's weiter?
Wow – was für ein Wochenende: Wer am Samstagabend dachte, die Tour sei entschieden, der nächste Sky-Doppelsieg sicher und sich deshalb die Etappe am Sonntag schenkte, dürfte seinen Augen mit Blick auf den Ausgang der zweiten Pyrenäenetappe kaum getraut haben. Und am Ruhetag lässt sich nun trefflich spekulieren, wer am Ende der Tour die Nase vorne haben wird.
Von der Ultra-Dominanz….
Samstag, 16:53: Was Chris Froome und seine Mannen bei der ersten Bergetappe der Jubiläumstour zeigen, lässt einen kopfschüttelnd und (ver)zweifelnd zurück. Die Konkurrenz hat nicht den Hauch einer Chance, die Abstände sind enorm, die Tour scheint entschieden. Erster Verfolger von Froome ist sein Edelhelfer Richie Porte, dann erst kommen Contador und Co.
Kurz bin ich dankbar, dass Bradley Wiggins die Tour nicht fährt, sonst schien mir ein Dreifachsieg für Sky in Paris nicht zu verhindern…Dazu zeigen die beiden Sky-Asse eine Leistung, die einen die Stirn noch stärker runzeln lässt: Froome kurbelt den Schlussanstieg fast so schnell hoch wie Lance Armstrong 2001.
Sofort keimt der Verdacht, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen - verständlich. Ich halte da nicht dagegen, aber wenn jetzt alle Welt Antoine Vayer und seine Methoden zitiert, die wir hier vor der Tour vorgestellt haben, sollte man auch eines nicht unterschlagen: Froome fährt mit einem speziellen Kettenblatt des Herstellers Osymetric – das einen Gewinn von 20 bis 30 Watt bringen soll. Sage nicht ich, sondern Vayer in einem Artikel schon zur letzten Tour…
Und wer erwähnt, dass Froome nach Ax-3-Domaines schneller als Ullrich 2003 hochfuhr, muss die ganze Wahrheit sagen: Dazu gehört, dass der Berg davor diesmal langsamer erklommen wurde – und dass die Fahrer diesmal frischer waren: Denn bisher wurde das Etappenziel immer erst angesteuert, wenn zuvor schon die Alpen erklommen wurden und nicht am Ende der ersten Tourwoche.
Und, auch zu bedenken mit Blick auf die arg schwächelnde Konkurrenz: Immer wieder gibt es Fahrer, die mit der ersten Bergetappe und dem Wechsel vom „Streckenschlag“ in der Ebene in den Klettermodus Probleme haben. Besonders, wenn es wie diesmal nach 150 flachen Kilometern direkt in einen der allerschwersten Berge der Tour geht. Tags darauf zeigten sich etliche „Opfer“ des Samstags schon wieder weitaus stärker.
… zum Super-Gau
Sonntag, 12:31: Bin ich im falschen Film, fragt sich der Zuschauer, der in die Etappe zappt – und sicher auch Froome. Noch sind 120 Kilometer zu fahren – und kein Helfer mehr an seiner Seite. Wann gab es das zuletzt, dass ein Gelbes Trikot so früh so isoliert war, während sein ärgster Rivale Alejandro Valverde noch fünf Teamkollegen an seiner Seite hat?
Die Verschwörungstheoretiker, die Stunden zuvor sicher waren, dass Sky mindestens so verdorben wie US Postal sei, müssen umdenken. Eventuell ist auch dort manches menschlicher als es ins schwarz/weiß-Schema passt. Porte zahlt nach einem Traumtag die Rechnung, Vasili Kiriyenka fliegt nach verzweifelten Helferdiensten für Porte aus der Karenzzeit, Peter Kennaugh stürzt, Geraint Thomas (schon vergessen?) quält sich mit einem angebrochenen Becken. Und plötzlich steht Froome vor der schweren Aufgabe, sich als Solist behaupten zu müssen (was er sehr souverän macht).
Die Krux bei Team Sky ist: Wenn das Team perfekt läuft, was oft der Fall ist, schreit alles Skandal. Zeigt das Team aber Schwächen oder zumindest nicht die erwartete Dominanz, wird das nicht als entlastender Aspekt aufgegriffen. Dabei hat Sky sich etwa in den Klassikern dieses Jahr viel schwächer als gedacht präsentiert, hat Tirreno-Adriatico (mit Froome) noch an Vincenzo Nibali verloren und musste im Baskenland Nairo Quintana den Gesamtsieg überlassen.
Was ich sagen will: Sky wirft an guten Tagen Fragen auf, die sehr berechtigt sind. Aber dann muss man auch das ganze Bild sehen. Denn schließlich ist auch klar, dass der Rennstall von Personal und Umfeld her doch eher ein Real Madrid des Radsports als, sagen wir mal, der FC Augsburg des Pelotons ist. Sprich: Dass diese Truppe Topleistungen zeigt, ist per se normal und zu erwarten – wenn Team Sojasun plötzlich die Tour dominiert, wäre ich deutlich skeptischer.
Freibrief nein, Fairness ja
Damit will ich der Truppe von Dave Brailsford alles andere als einen Freifahrtschein ausstellen. Doch um es klar zu sagen: Organisiertes Systemdoping à la US Postal würde mich bei Sky massiv überraschen. Das einzelne Fahrer auf eigene Faust Schweinereien betreiben, ist nie auszuschließen und ich würde mir bei Sky auch mehr von der einst versprochenen Transparenz wünschen. Aber alle Betriebsgeheimnisse offenzulegen ist eine Forderung, der kein Team der Welt nachkommen kann.
Vergessen wir nicht: Als Sky nach dem Armstrong-Urteil alle Mitarbeiter zum Sauberkeits-Schwur bat und durch die "zero tolerance"-Politik wichtige Stützpfeiler wie Michael Rogers, Sean Yates oder Bobby Julich verlor, gab es für diese harte Linie auch Kritik. Diese teile ich sogar, nun aber dem selben Team übelste Machenschaften vorzuwerfen ist ein Stück weit seltsam.
Und was mir zu denken gibt: Während man sich fast schon in Stammtischmanier Gedanken über die Sauberkeit von Team Sky macht, letztlich aber doch sehr weit von den internen Vorgängen weg ist, sind echte Insider mit ihrem Urteil sehr viel vorsichtiger.
Paul Kimmage, sicher einer der härtesten Kritiker der Betrügereien im Radsport, hat sich noch am Samstagabend sehr vorsichtig zu Froome und Sky geäußert. Im irischen Radio beteiligte er sich nicht an den wütenden Vorwürfen, sondern stellte dem gebürtigen Kenianer ein nuanciertes Zeugnis aus. Die klaren, offenen Worte Froomes auf alle Dopingfragen haben Eindruck beim Iren hinterlassen.
Auch David Walsh, mit Kimmage einer der wenigen, die sich jahrelang offen gegen Armstrong gestellt haben und keinen Grund haben, irgendetwas zu verniedlichen, sieht bei Sky keinen Grund zu üblen Unterstellungen. Und der Engländer ist näher dran am Team als irgendein anderer Journalist bei dieser Tour – ohne dabei als Lohnschreiber Gefälligkeitsjournalismus zu betreiben. Schließlich hat auch David Millar unterstrichen, dass er an die Sauberkeit der Leistungen der Rivalen glaubt. Man kann schlechtere Fürsprecher haben, das zumindest ist klar.
Spannung bleibt garantiert
Wie geht’s jetzt weiter, welches Gesicht wird die Tour ab morgen zeigen? Samstags-look oder Sonntags-Kleid?
Ich würde Sky, und das tue ich aus Prinzip nicht gerne, diesmal dringend zur Armstrong-Taktik raten. Sprich: Weg mit dem Gelben Trikot, denn das geschwächte Team reibt sich sonst bis zu den Alpen auf. Also sollte man es wie der Texaner machen, der immer wieder gerne eine ungefährliche Gruppe ziehen ließ um so einem anderen Team die Führungsarbeit auf den langen Etappen zumindest bis zum Ventoux zu überlassen.
Allerdings müssen da auf der 10. Etappe die Sprinterteams mitspielen, die sich die Chance auf einen neuen Tagessieg ungern nehmen lassen wollen. Und: Der Vorsprung muss richtig groß sein, sonst holt sich Froome im Zeitfahren dann Gelb gleich wieder. Außerdem sollte man schnell versuchen, Allianzen zu schmieden und Verbündete zu finden.
Das ist nicht so schwer, denn das Ziel der anderen Topfahrer ist es ja nicht, einzig und allein Froome zu entthronen und stattdessen Valverde siegen zu sehen, sondern für sich das optimale Ergebnis herauszuholen. Das kann der Etappensieg am jeweiligen Tag sein, das Bergtrikot, die Mannschafts- oder Nachwuchswertung, der Zwischensprint oder die Bergpunkte.
Wer bei Eurosport die Vuelta 2012 mit dem wilden Schlagabtausch zwischen Joaquin Rodriguez, Contador, Valverde und Froome gesehen hat, ahnt, worauf wir uns im Idealfall freuen können.
Schließlich, nur mal so als Gedankenspiel: Ich bin kein spezieller Fan von Froome und wünsche mir nichts mehr als einen Tour-Sieger, der nicht massiv von Verdacht umgeben ist. Aber die Vorstellung, Alejandro "Piti" Valverde und sein tief im alten, extrem fragwürdigen Radsport verhaftetes Team gewinnen die Tour, ist mir irgendwie auch nicht die lieberer Variante…
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