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24.11.2023 | (rsn) - Jan Ullrich hat im Rahmen der Vorstellung seiner Doku-Serie "Jan Ullrich – Der Gejagte" tatsächlich endlich vor Publikum 'Ja' gesagt. Ja, er habe gedopt. Es sind die Worte, die man ihm als Radsport-Fan damals 2006 oder 2007 so sehr wünschte – und die man spätestens 2013 erwartet hätte, als er im Magazin Focus die Zusammenarbeit mit dem spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes zum Zweck des Eigenblutdopings gestand, die Einnahme verbotener Substanzen aber weiterhin leugnete.
Jetzt, im November 2023, ist auch EPO kein Tabu-Thema mehr – und die große, breite Medienlandschaft steigt voll drauf ein! Ullrich erhielt am Mittwoch und Donnerstag wieder eine Aufmerksamkeit, die leider andere, hoffentlich 'saubere', deutsche Radprofis in den letzten 17 Jahre mit ihren Erfolgen nur selten erreichten. Das an sich ist schon schade und ein Schlag ins Gesicht der aktuellen Generation – wofür Ullrich zwar aktuell nichts mehr kann, historisch aber eben doch auch mit der Hauptgrund ist.
"Ja, ich habe gedopt" - heute, im November 2023, ist das doch eigentlich vor allem eins: völlig egal! "Erzähl' mir was neues", würde man am liebsten rufen.
Doch dieser endlich ausgesprochene Satz und auch die gesamte Arbeit an der Dokumentation an sich, waren vor allem für einen sehr wichtig: Jan Ullrich selbst. Und für den Menschen muss es einen freuen, diesen im Zuge seiner psychischen Genesung und Selbstreinigung immens wichtigen Schritt endlich gegangen zu sein – und vielleicht auch genau so: vor einem real anwesenden Publikum auf einer Bühne. Keine Chance, sich zu verstecken!
Übel aufstoßen konnte einem das Setting: Eine knappe Woche bevor die vierteilige Doku-Serie auf Amazon Prime Video startet, setzt man den Hauptdarsteller auf eine Bühne fernab aller für seine Person wirklich wichtigen Orte, lädt meinungsbildende oder prominente Gäste ein und lässt die Spiele beginnen. Das ist so der Standard. Macht man halt. Promo-Tour. Könnte auch irgendwer sein. Business as usual. Melkt die Kuh!
Am Montag bereits erschien im Stern ein großes Interview mit Ullrich und er sprach auch dort sehr offen über Doping beim Team Telekom und vor allem seinen Absturz nach dem Karriereende. Aber der Satz, auf den die Öffentlichkeit seit 17 Jahren wartete - oder eben eigentlich schon nicht mehr - der wurde gezielt für die große Amazon-Promo-Bühne am Mittwoch aufgespart. Denn es war ja klar: Der Moment, in dem er das endlich so sagt, der wird für die Aufmerksamkeit und Schlagzeilen sorgen. Schon pervers, wie orchestriert.
Man muss sich schon fragen: Ist es eigentlich ironisch oder tragisch, dass Jan Ullrich in diesem intimen Moment, in dem er sich vor Publikum ehrlich öffnet, schon wieder ferngesteuert und das Vehikel zum Geldverdienen für andere ist? Genau diese Fremdbestimmtheit, die ihn vor 27 Jahren zu zerstören begann?
Die Anwesenheit einiger Personen bei diesem Event – speziell der Mutter von Marco Pantani – war toll. Ich war nicht in München und kann das Gesagte oder die Emotionen vor Ort nicht richtig einschätzen. Dazu empfiehlt sich ein Text vom Kollegen Andreas Schulz auf eurosport.de. Ullrichs dort zitierte Aussagen klingen gut, klingen gesund und auch reflektiert. Er scheint zu wissen, wo er steht, wie vor allem das hier glauben macht: Er sei "gesund und clean – aber geheilt?", ließ Ullrich offen.
Die Person Jan Ullrich im Jahr 2023, sie ist ein großes Mahnmal in Sachen Doping – und es ist sehr schön, dass es ein lebendiges ist, nicht eines wie Marco Pantani. Und an dieser Stelle geht es eben nun um mehr, als nur um Ullrichs persönliche Heilung, sondern doch auch wieder um die Öffentlichkeit und den Radsport.
Vorsichtig sollte Ullrich nämlich jetzt damit sein, was er aus dieser Position macht. "Irgendwann soll man das auch mal ad acta legen, es ist so lange her! Ich würde gerne wieder was im Radsport machen, ich habe so viel Erfahrung und würde gerne etwas zurückgeben", soll Ullrich in München gesagt haben.
Die Frage aber ist: Gibt er nicht aktuell viel mehr zurück als er es tun würde, wenn er wieder direkt im Profiradsport eine Rolle einnähme? Würde es der Abschreckungsfunktion, die seine Person im Bezug auf Doping für junge Sportler und Sportlerinnen hat, nicht eher schaden, wenn auch er wie Lance Armstrong wieder richtig tief eintauchen und Teil der Materie Profiradsport werden würde? Würde das nicht suggerieren: Egal was ihr tut, am Ende könnt ihr doch wieder gutes Geld in der Szene verdienen – also macht, was ihr wollt!?
Eines ist doch klar: Egal wo Ullrich engagiert würde, es wäre wegen seines großen Namens, der auf gedopt erzielten Erfolgen basiert – egal übrigens, ob es dabei um Chancengleichheit ging oder nicht: Doping ist Doping. Von diesem Namen würden also andere dann wieder profitieren wollen, nicht von etwaiger Expertise in Sachen modernem Material, Ernährung oder Trainingswissenschaft. Da haben sehr viele andere Menschen, die nicht schon vor 17 Jahren aufgehört haben, doch viel, viel mehr aktuelles Know-How.
Es ist aberwitzig, dass am Tag nach dem Kino-Geständnis bereits Journalisten-Kollegen bei Bora – hansgrohe nachfragten, ob Ullrich für den deutschen WorldTour-Rennstall ein Thema sei. Natürlich ist er das nicht!
Nicht falsch verstehen: Jan Ullrich ist herzlichst willkommen! Es ist sehr schön, ihn wieder bei Rennen wie den Deutschen Meisterschaften in diesem Jahr in Bad Dürrheim zu sehen – als Gast! Für Radsport-Fans hätte es im Jahr 2023 aber keine Doku-Reihe und auch kein "Ja, ich habe gedopt" mehr gebraucht, um so zu empfinden. Das taten sie auch vorher schon!
Das hier, lieber Jan, das hast Du für Dich, Deine Familie und Deine Gesundheit getan – und hoffentlich eben nicht für die Branche oder andere Wirtschaftsunternehmen!
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