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16.02.2022 | (rsn) - Vor gut fünf Jahren feierte wohl eine der intelligentesten Erfindungen der Menschheitsgeschichte ihren 200sten Geburtstag: das Fahrrad. Viele Jahrzehnte durch den Aufschwung des Automobils in den Städten verdrängt, setzt es nunmehr wieder zum großen Siegeszug an. Denn für die Entwicklung klimaneutraler Verkehrslösungen ist das Fahrrad eindeutig das Fahrzeug der Zukunft.
Untadelig sein ökologischer Fußabdruck, genügsam sein Begehr nach Platz und Raum und unbestritten sein gesundheitsfördernder Aspekt für die Bevölkerung. Auch wird längst nicht mehr nur von Radwegen gesprochen: Bike- oder Cycling-Highways sind die neuen verkehrsplanerischen Begriffe. Überbreite Radwege, die intelligente Verbindungen zwischen Städten und deren peripheren Räumen schaffen sollen, und das ausschließlich für Radler.
Und so wundert es kaum, dass das Fahrrad und mit ihm auch seine Industrie seit langem wieder auf einer Erfolgswelle strampelt und moderne Mobilität mit viel Lifestyle verbindet. Dass es in vielen Städten folglich hipper ist, mit einem stylishen Fixie oder Retro-Rennrad unterwegs zu sein als mit einem Auto, erklärt sich dann von selbst. Kopenhagen, wo 2022 der Grand Départ der Tour ausgetragen wird, gilt dabei vielen als Mekka des städtischen Radfahrens. Über 50 Prozent des beruflichen und schulischen Verkehrs werden mit dem Rad zurückgelegt, Delegationen aus der ganzen Welt schauen vorbei, um zu lernen. Die Stadt gibt gerne Auskunft und Know how weiter. “To Copenhagenize a city“ heißt das dann, oder auf gut Deutsch: Eine Stadt radfit machen.
Doch viele Städte ziehen nach und wetteifern um den Ruf der fahrradfreundlichsten Stadt Europas: Paris, Amsterdam, London, Barcelona, Berlin oder Utrecht, die im Moment wohl progressivste Region in Sachen Fahrrad. Rund 200 Millionen Euro werden dort in die Radinfrastruktur investiert. Zwei von vielen Gemeinsamkeiten dieser Städte: Die Stadtregierungen setzen voll auf das Zukunftspotenzial des Fahrrades und Großveranstaltungen wie Radweltmeisterschaften oder Grand Tours gaben und geben zusätzlichen Rückenwind für diese Investitionen. Zudem hat der Straßenradsport noch einen ganz besonderen Trumpf in der Rückentasche: Das Rennrad ist die Königsklasse eines jeden Radherstellers. Aus edelsten Materialen gebaut und auf Leichtigkeit und Geschwindigkeit getrimmt, verkörpert es die schönste Form des Radfahrens.
Alles auf den Tisch, alles hinterfragen, ganz ohne Tabus
Doch welche Rolle können die Union Cycliste Internationale (UCI), die Teams und die Veranstalter in dem dringend notwendigen Transformationsprozess zur Rettung unseres Klimas spielen?
Die UCI hat den Aktionsrahmen der Vereinten Nationen (UNO) “Sports for Climate Action Framework“ unterzeichnet und war auch Teilnehmerin am UN-Klimagipfel 2021 in Glasgow. Deren maßgeblichste Zielsetzungen: die Klimaneutralität bis zum Jahr 2030, der Profiradsport etabliert sich zu einer der umweltfreundlichsten Sportarten der Welt und das Fahrrad wird zum primären Verkehrsmittel in den Städten. Die ASO schickt bei ihrer Tour de France einen großen Teil der Skoda-Flotte mit alternativen Antriebssystemen auf die große Schleife und das Team Movistar möchte als erste Mannschaft in der WorldTour zu 100 Prozent nachhaltig in die Pedale treten.
Gute Ansätze! Auch wenn viele der erforderlichen Maßnahmen im Prozess zu einer der umweltfreundlichsten Sportarten noch offen sind. Oberstes Gebot dabei, alles auf den Tisch, alles hinterfragen, ganz ohne Tabus: Die vielen Begleitfahrzeuge, die Transfers, die Flugkilometer bis hin zur Ökobilanz der eingesetzten Materialen für Räder und Textilien. Nur um mal ein paar Beispiele zu nennen.
Vor allem aber fehlt eine starke Kampagne. Sie formuliert die Ziele und wie sie selbige erreichen will. Und sie macht die leuchtende Strahlkraft des Radsports sichtbar. Damit werden Allianzen geschmiedet und neue Partner angesprochen: Industriebetriebe mit grünen Technologien und Unternehmen mit kreativen zukunftsfähigen Lösungen gegen den Klimawandel. Ihnen kann der gesamte Radsport eine große Bühne bieten. Mit viel Sinn, großer Aufmerksamkeit und einem hohen Return auf ihren Einsatz.
Zu viele Barrel Geld aus vergangenheitsorientierten Geschäftsmodellen
Denn ein Blick auf die aktuelle Sponsorenliste der großen Teams konterkariert das Bild von der umweltfreundlichsten Sportart. Zu viele Barrel Geld fließen aus den vergangenheitsorientierten Geschäftsmodellen mit fossilen Energieträgern in die Budgets der Teams. Ganz oben Ineos (Ineos Grenadiers), milliardenschwerer britischer Chemiekonzern, der drittgrößte der Welt. Liefert wichtige Grundbausteine der petrochemischen Industrie für die Produktion von Plastik. Das Unternehmen setzt dabei massiv auf Fracking-Gas. Der konzerneigene Geländewagen Grenadier vertraut für sein motorisches Fortkommen gänzlich auf Benzin und Diesel.
Auch die Länder Kasachstan (Team Astana), die Vereinigten Arabischen Emirate (Team UAE) und Bahrein (Team Bahrein Victorious) verdanken ihren Reichtum nicht dem Anbau von Getreide und Obst, sondern dem schwarzen Gold, das in großen Mengen aus ihren Böden sprudelt. Die russische Gazprom (Team Gazprom - RusVelo) ist das weltweit bedeutendste Erdgasförderunternehmen und die französische TotalEnergies (Team TotalEnergies), die zukünftig die Beine von Peter Sagan & Co. betankt, zählt zu den größten Mineralölunternehmen Welt. Wird hier auf Kosten des Radsports Greenwashing und ein velozipeder Ablasshandel im großen Stil betrieben?
Fazit: Auch wenn der CO2-Fußabdruck des Radsports im Vergleich zu den wahren großen Sündern klein erscheinen mag, muss er sich seiner Vorbildwirkung bewusst sein. Das Potenzial an Chancen ist groß. Der Straßenradradsport zählt weltweit zu den beliebtesten und publikumswirksamsten Sportarten und wird praktisch ganzjährig rund um den Globus betrieben. Die medialen Reichweiten sind hoch und das Sponsoring ist im Vergleich zu anderen großen Weltsportarten noch überschaubar. Reichlich Fantasie also, um beim Kampf gegen den Klimawandel als einer der großen Fahnenträger im Wind voranzufahren.
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