55. E3 Prijs Harelbeke: Cancellara im Pech

Boonen sprintet zum fünften Triumph

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Tom Boonen (Omega Pharma-QuickStep) gewinnt den 55. E3 Prijs Harelbeke vor Oscar Freire (Katusha). | Foto: ROTH

23.03.2012  |  (rsn) – Tom Boonen (Omega Pharma-QuickStep) ist bereit für die Flandern-Rundfahrt. Der 31 Jahre alte Belgier gewann am Freitag die 55. Auflage des E3 Prijs Harelbeke und feierte seinen bereits fünften Sieg bei dem belgischen Frühjahrsklassiker. Zugleich setzte das Omega Pharma-QuickStep-Team seinen Siegeszug fort. Boonens Teamkollege Niki Terpstra hatte am Mittwoch bereits Dwars door Vlaanderen für sich entschieden.

„Ich wollte ein schönes Rennen liefern. Es ging mir nicht nur um das Ergebnis. Das Rennen war auch wichtig für den Kopf und um die Beine an den Anstiegen zu testen. Deshalb habe ich auch einige Attacken gestartet", so Boonen, der den 21. Sieg seines Teams in diesem Jahr einfuhr.

Der zweifache Gewinner der Flandern-Rundfahrt hatte zuvor nach 203 Kilometer durch West-Flandern mit Start und Ziel in Harelbeke im Sprint einer 45 Fahrer starken Spitzengruppe ganz knapp den Spanier Oscar Freire (Katusha) auf den zweiten Platz verwiesen. Dritter wurde der Österreicher Bernhard Eisel (Sky) vor dem Kolumbianer Leonardo Duque (Cofidis) und Het Nieuwsblad-Sieger Sep Vanmarcke (Garmin-Barracuda). Eine erneut erstklassige Vorstellung liefert John Degenkolb (Project 1t4i) ab. Der 23 Jahre alte Erfurter, vor einer Woche bereits Fünfter bei Mailand-San Remo, fuhr diesmal auf den sechsten Platz.

„Ich bin immer noch enttäuscht. Meine Vorstellung war nicht perfekt, aber am schlimmsten ist, dass mein Teamkollege Koen de Kort so schwer gestürzt ist”, twitterte Degenkolb nach dem Rennen. De Kort, am Mittwoch noch Dritter bei Dwars door Vlaanderen, zog sich bei dem Sturz gut 60 Kilometer vor dem Ziel einen Rippenbruch und eine tiefe Wunde am Knie zu, die genäht werden musste.

Ebenfalls unzufrieden war der 36-jährige Freire. „Ich bin ziemlich enttäuscht”, kommentierte der dreifache Weltmeister, der haarscharf seinen dritten Saisonsieg verpasste, das Ergebnis. „Ich habe mich wirklich gut gefühlt und hätte leicht gewinnen können, denn am Ende war ich schneller als Boonen. Aber leider kennt er diese Strecke in- und auswendig, vor allem das Finale, und ich denke, das ist der Grund, warum ich nur Zweiter geworden bin. Boonen ist einen perfekten Sprint gefahren und ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe wegen der letzten Kurve nicht sehen können, dass die Ziellinie schon so nah war und zu spät meinen Sprint angezogen.“

Über seinen dritten Platz konnte sich dagegen Bernhard Eisel sehr freuen. „Auf den letzten 600 Metern hatte ich Krämpfe, andernfalls hätte ich im Sprint vielleicht Boonens Hinterrad halten können”, sagte der Sky-Neuzugang. „So aber konnte ich nicht die volle Kraft auf die Pedale bringen. Ich bin aber absolut glücklich, weil ich am Mittwoch noch gar nicht wusste, ob ich heute würde starten können. Es sah nämlich so aus, als ob meine Klassikersaison vorbei wäre“, so der 31-jährige Steirer, der mit Knieproblemen zu kämpfen gehabt hatte.

Großes Pech hatte Titelverteidiger Fabian Cancellara (RadioShack-Nissan). Der Schweizer wurde nach einer Attacke am Oude Kwaremont durch einen Defekt gestoppt und stürzte kurz darauf auch noch. Zwar kämpfte sich der vierfache Zeitfahrweltmeister wieder in das Feld zurück, doch im Sprint fehlte Cancellara dann die Kraft, um seinen dritten Sieg in Folge einfahren zu können.

„Heute war ein Pechtag. Zum Glück habe ich nicht so viele davon”, nahm Cancellara seine Pleitenserie relativ gelassen. „Ich bin schon früh im Rennen gestürzt, aber mir nichts weiter getan. Danach hatte ich zwei Plattfüße unmittelbar hintereinander. Tony Gallopin hat mich wieder zurückgebracht, aber das war nur das Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte.“ Tatsächlich kam ausgerechnet im Kwaremont der nächste Defekt – platter Vorderreifen – und kurz darauf traf ein Rabobank-Fahrer Cancellara von hinten und brachte ihn zu Fall. „Bei so viel Pech ist es schwer, um den Sieg zu kämpfen“, sagte der Allrounder weiter.Der Schweizer musste sich mit Rang 22 begnügen, Danilo Hondo (Lampre) kam als zweitbester Deutscher auf Platz 29.

Die Belgier Nico Sijmens (Cofidis), Gert Dockx (Lotto Belisol), Sébastien Delfosse (Landbouwkrediet) und Kevin Hulsmans (Farnese Vini), der mit den Italienern Luca Ascani und Oscar Gatto noch zwei Teamkollegen ans einer Seite hatte, der Slowene Gregor Gazvoda (Ag2R), der Däne Michael Mørkøv (Saxo Bank) und der Franzose Damien Gaudin (Europcar) bildeten die Ausreißergruppe des Tages, die rund sechs Minuten Vorsprung herausfahren konnte.

Als es in der zweiten Rennhälfte über die insgesamt 13 Hellingen ging, schrumpfte der Vorsprung der Spitzengruppe aber stark zusammen. Auch ein Sturz im Feld rund 70 Kilometer vor dem Ziel brachte die Verfolger nicht aus dem Konzept, so dass der Abstand kurz darauf weniger 1:50 Minuten betrug.

Am Taaienberg 56 Kilometer vor dem Ziel attackierte Hulsmans aus der Spitzengruppe heraus, während Boonen keine Minute später mit seinem Angriff das Feld auseinander fuhr. Dem Belgier konnten nur Cancellara, Hoste, Vanmarcke, Paolini und Leukemans folgen. Kurz darauf schlossen Degenkolb, Boasson Hagen, Pozzato, Ballan, Sagan, Oss, Tossato, Stannard, Ballan und weitere Fahrer zur Boonen-Gruppe auf, die schnell mehr als 30 Sekunden auf das Feld herausfahren konnte und auch nur noch 40 Sekunden hinter der Spitze lag.

Als das Tempo in der ersten Verfolgergruppe wieder zurückging, attackierte Cancellaras Teamkollege Tony Gallopin, gefolgt vom Belgier Leif Hoste (Accent Jobs). Der Belgische Meister Philippe Gilbrt (BMC), der sich schon zuvor meist am Ende des Feldes aufgehalten hatte, gab 44 Kilometer vor dem Ziel auf. Derweil waren nach dem Kruisberg die beiden Verfolgergruppen wieder zusammen gelaufen.

Im bis zu 20 Prozent steilen Paterberg zog Hulsmanns Teamkollege Gatto auf und davon, im Feld war es wieder Boonen, der attackierte und die restlichen Ausreißer noch vor der Spitze des nur 362 Meter langen Anstiegs einsammelte. In den 2,2 Kilometer langen und bis zu 11 Prozent steilen Kwaremont ging Gatto mit fast 40 Sekunden Vorsprung, während sich dahinter die Gruppe erst wieder organisieren musste. Es war dannGreg Van Avermaet (BMC), der als erster den Kwaremont in Angriff nahm. Danach trat Cancellara an, der sich bis dahin zurückgehalten hatte. Doch gerade, als der Schweizer eine Gruppe mit Boonen, Sagan, Vanmarcke und Pozzato initiiert hatte, fiel der vierfache Zeitfahrweltmeister mit einem Defekt zurück und musste einen Fahrer nach dem anderen an sich vorbeiziehen lassen.

Es kam aber noch schlimmer für Cancellara, denn kurz darauf stürzte er in einer Kurve. Doch der Berner schaffte – mit neuem Rad ausgestattet – immerhin wieder den Anschluss an das Hauptfeld, aus dem sich Chavanel, der Slowene Simon Spilak (Katusha) und der Kasache Dmityi Muravyew (Astana) auf die Verfolgung von Gatto gemacht hatten. Der wurde 25 Kilometer vor dem Ziel ebenfalls von einem Defekt gestoppt und musste Chavanel und Muravyew  – Spilak war am Knokteberg zurückgefallen - an sich vorbeiziehen lassen.

 Als es gut 20 Kilometer vor dem Ziel über die Schelde ging, waren dahinter Cancellara und der Rest des Feldes wieder zur Boonen-Gruppe zurückgekommen. Am 900 Meter langen und neun Prozent steilen Tiegemberg, dem letzten der 13 Hellingen, hatten Chavanel und Muravyew gut eine halbe Minute Vorsprung auf das von Liquigas und Farnese Vini angeführte Feld, aus dem heraus zunächst Stijn Devolder und kurz darauf Pozzato attackierte. Auch wenn das Spitzenduo gut zusammenarbeitete, war das Tempo der Verfolger doch zu hoch, so dass Chavanel und Murayew sieben Kilometer vor dem Ziel wieder eingefangen waren.

Auf den letzten Kilometern hinein nach Harelbeke konnten sich trotz mehrerer entschlossener Attacken von Stijn Devolder (Vacansoleil-DCM) und Dwars door-Gewinner Niki Terpstra (Omega Pharma-QuickStep) keine Fahrer mehr aus der großen Spitzengruppe lösen, so dass es zur Ankunft einer fast 50 Fahrer starken Gruppe kam. In einem langgezogenen Sprint behielt Boonen knapp die Oberhaupt vor Freire und war danach in seiner Heimat der gefeierte Mann.

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