Das Pressegespräch (fast) im Wortlaut

Grabsch und Lang finden Doper „zum Kotzen“

27.09.2007  |  Das schlagzeilenträchtige Interview vor dem WM-Zeitfahren in Stuttgart mit Sebastian Lang und Bert Grabsch möglichst nah am Wortlaut.

Mit welchen Erwartungen treten sie in Stuttgart an?
Sebastian Lang: „Ich habe große Ziele, nachdem ich 2006 in Salzburg Fünfter wurde. In diesem Jahr lief alles perfekt und ich merkte, dass ich kontinuierlich mit den Besten mithalten kann. 2007 war es genau umgekehrt. Es war ein richtiges Scheißjahr. Nicht nur aus persönlichen Gründen sondern auch wegen der ganzen Dopingproblematik. Ich bin jetzt nur froh, dass ich hier bin. Ich werde alles geben und vor allem sauber fahren.“
Bert Grabsch: „Ich hoffe, dass ich meine Form von der Vuelta konservieren konnte. Ich denke einfach, dass ich gut drauf bin. Wenn alles gut läuft, glaube ich schon, dass ich eine Topplatzierung einfahren kann.“

Entspricht die Streckentopografie in etwa dem Profil der Vuelta-Zeitfahretappe,die Sie gewonnen haben?
Grabsch: Nicht direkt, Spanien war ein Highway, aber mit Gegenwind, auf dem man viel Kraft brauchte. Stuttgart ist aber auch so ein Kraftkurs, der uns entgegen kommt. Man muss aber nicht runterschalten. Ich meine vorne.“

Wer zählt zu den Favoriten?
Grabsch: Ich denke, Topfavorit ist Fabian Cancellara. Den zu schlagen ist ganz schwer, aber auch er kann mal einen schlechten Tag haben. Danach kommen acht Fahrer, die für Medaillen in Frage kommen können. Zum Beispiel Gutierrez. Es wird schon ein spannendes Rennen.“

Wie haben Sie sich vorbereitet?
Grabsch: „Die Tour lief nicht ganz so gut, ich hatte mir bei der Dauphine etwas eingefangen. Dachte, bei der Tour läuft es besser, doch es wurde nicht besser. Ich bin auf einem Niveau geblieben, zum Schluss sogar etwas abgestürzt. Dann habe ich etwas Ruhe gehalten und bin bei der Vuelta an den Start gegangen. Dort wusste ich, dass ich richtig gut war. Trotzdem hat es mich überrascht, wie gut es lief. Ich muss sagen, die ganze Doping-Problematik kommt mir zu Gute. Dass alles so einen Fortschritt gemacht hat. Auch wenn noch einiges fehlt. Ich bin auch schon bei der Vuelta Vierter oder Fünfter geworden und habe mich gewundert, dass mich Bergfahrer auf flacher Strecke überholt haben. Das war diesmal nicht mehr so. Das ist schon ein klarer Vorteil in diesem Jahr. Die Kontrollen wirken, wenn auch noch etwas fehlt. Wir sind auf einem guten Weg.“

Wie schätzen sie in Stuttgart die Strecke ein, besonders bei Regen?
Grabsch: Ich habe bei Kälte oder Regen keine Probleme, das habe ich lieber als Hitze. Regen muss nicht unbedingt sein. Die Abfahrten sind gefährlich, auch wenn es nicht so viele Kurven gibt.“

Herr Lang, Sie sagten, Sie hätten ein Scheißjahr auch wegen der Dopingproblematik gehabt und dachten schon ans Aufhören. Wann haben Sie den beschlossen, es geht weiter?
Lang: Das war, als ich erfuhr, dass ich Vater werde. Ich habe die freudige Nachricht von meiner zukünftigen Frau bei der Sachsentour erhalten. Das ist schon eine ganz besondere Erfahrung. Wenn man das als Mann gesagt bekommt, ändert sich doch etwas. Ich freue mich riesig darüber. Da hat sich alles andere hinten angestellt."

Wie war das Trainingslager, das sie mit Michael Rich verbrachten?
Lang: „Ich bin nach der Polen-Tour zu ihm hin. Wir sind nie länger als vier Stunden gefahren. Die aber sehr intensiv. Wir haben Motortraining gemacht. Er hat mir gezeigt, dass er auch Intervalle fährt und wie er sie fährt, und dass er auch Intervall-Training am Berg macht, was ja untypisch ist. Normal setzt man sich ja nicht aufs Zeitfahrrad und fährt die Berge hoch und runter.“

Warum haben Sie sich so schlecht gefühlt?
Lang: „Ich hatte schon überlegt, 2008 das Rad an den Nagel zu hängen. Eigentlich viel zu früh. Aber das lag an der Verletzung, an der Dopingproblematik. Ich würde gern weiterfahren. Wenn ich aber sehe, dass sich am Radsport nichts ändert. Wenn ich mitbekomme, dass es weiter völlig unnatürliche Leistungen geben wird, habe ich keinen Bock darauf, das weiter mit zu machen und mich verarschen zu lassen durch Aussagen anderer Sportler, die erwischt wurden und dann behaupten, dass das nur ein Ausrutscher war. Das kotzt mich einfach an. Da will ich nicht mehr dazugehören.“

Sie sind doch schon länger dabei! Haben Sie nie etwas gemerkt?
Lang: „Da war ich zu naiv gewesen. Die ersten zwei, drei Jahre muss ich mit verbundenen Augen Profi gewesen sein. Ich habe das nicht realisiert. Ich bin aber auch froh, dass ich mit Gerolsteiner ein seriöses, ordentliches Team habe, wo das nicht passiert.“

Was sagen Sie zu den vielen Dopingfällen und den vielen Kontrollen?
Lang: Ich finde toll, dass sich die verschiedenen Institutionen langsam absprechen. Letztes Jahr hatte ich ja selbst einen Kontroll-Marathon hinter mich gebracht, als ich in sieben Tagen acht Mal überprüft wurde. Warum macht man nicht Proben von Slowenen, Ukrainern und anderen? Ein deutliches Zeichen, dass überlegt wird, wann und wo und bei wem die Kontrolle gemacht wird ist, dass so viele auffliegen. Ich hoffe auch für mich, um weiterzufahren, dass immer mehr Idioten auffliegen. Die dürfen dann aber auch nicht wieder zurückkommen und so tun, als ob alles gut sei.“

Sie würden also die Rückkehr von Jörg Jaksche nicht begrüßen?
Lang: Nein, auf keinen Fall. Er ist jemand, der ein Verbrechen begangen hat, Er sagte mir vor vier Jahren bei der Tour de Romandie, dass er mich auch noch mit Fieber am Berg abhängt. Warum soll ich mich freuen, dass ich mit ihm noch mal Rennen fahre?“
Grabsch: Dass er nur ein Jahr Sperre bekommen hat, ist ein Witz. Er hätte lebenslang bekommen müssen. Er hat mehr als zehn Jahre gedopt. Und jetzt soll er als Kronzeuge nur ein Jahr gesperrt werden. Das ist zu wenig.“

Sie haben den Radsport jetzt für sich wieder entdeckt und machen länger als 2008 weiter?
Lang: „Ich werde es 2008 sagen. In der neuen Situation als Vater kann ich mir sogar gut vorstellen, am Wochenende mit meinem Kind zu spielen und der Vaterrolle nachzugehen und nicht irgendwo in Europa unterwegs zu sein."

Wie haben Sie die Zeiten erlebt?
Lang: „Durch die Doper ist viel Selbstbewusstsein weg gegangen. Das ist das schlimmste daran. Diese Unbeschwertheit in den ersten Jahren, wo ich munter drauflos attackierte und mir einen guten Namen erarbeitete, ist weg. Mittlerweile gehst du zu einem Rennen und bist frustriert, weil du gar nicht mehr weißt, wem du noch trauen kannst. Man traut nur noch den Leuten, die man kennt.“

Bettini verweigerte die Unterschrift unter die Verpflichtungserklärung der UCI?
Lang: "Es gibt auch Leute, die den DNA-Test verweigern. Wer nichts zu verbergen hat, kann ihn doch machen. Er ist zwar für Verbrecher gemacht. Die Daten werden doch nicht verbreitet. Wen interessiert es, wie meine DNA aussieht?“

Wie erleben Sie das Publikum hier in Stuttgart?
Grabsch: „Sehr gut, wir wurden beklatscht. Ich hoffe, dass wir schöne und saubere Wettkämpfe hier in Stuttgart erleben.“

Wie sehen Sie die Dopingbekämpfung?
Lang: Im Ausland, in Spanien ist es so, dass politisch weggesehen wird. Hier in Deutschland können wir stolz darauf sein, dass sie so akribisch begangen wird.“

Wie ist Ihre Einstellung zum Start von David Millar?
Grabsch: "Er hat seine Sperre abgesessen und darf wieder fahren, Das ist okay. Damals gab es den Ehrenkodex noch nicht.“

Herr Lang, Sie sind bei der Polen Rundfahrt 200 km vorne weg gefahren?
Lang: "Das war schon Training für die WM. Ich habe an diesem Tag mit der Brechstange probiert, wegzufahren. Ich wollte alleine im Wind fahren und nicht wieder 180 km im Feld und warten, dass die letzten 60 km schnell gefahren wird.“

Was sagen Sie, dass Erik Zabel hier starten darf?
Lang: „Das ärgert mich. Einige vom Team Telekom, die ausgepackt haben, verzichten. Udo Bölts ist von sich aus zurückgetreten für die jüngere Generation. Das finde ich toll. Das hat Charakter. Erik enttäuscht mich. Respekt vor seinen Leistungen. Ich kann nicht verstehen, warum er für sich selbst nicht entscheidet, zurückzutreten, um dem Radsport eine Chance zu geben für die Zukunft.“
Grabsch: „Dem schließe mich da an.“

Zabel wird wohl bald für Ihr Team T-Mobile fahren?Grabsch: Das werde ich wohl am Freitag erfahren. Gut, damit kann ich leben. Er hat auch eine zweite Chance verdient.“

Wann kam für Sie, Herr Lang, die Überlegung, 2008 zurückzutreten?
Lang: „Die Entscheidung fiel, als ich während der Tour de France mit dem Fersenbeinbruch zuhause lag, fünf Wochen kein Rad fahren konnte und der Traum von der WM so weit weg war. Da schaltete ich früh das ZDF an, da erfährst du alles über Doping. Da brauchst du keinen Arzt mehr, der dir sagt, was du nehmen musst, das erfährst du alles im ZDF. Irgendwann habe ich den Fernseher nicht mehr angemacht. Da habe ich gedacht, was will ich eigentlich hier? Setze ich eine rote Nase auf und mache als Clown den Zirkus mit oder treffe ich eine andere Entscheidung?“

Was werden Sie nach der Karriere machen?
Lang: „Das glaubt man mir doch nicht. Ich würde gerne Krankenpfleger werden. Ich möchte anderen Menschen helfen. Meine Mutter ist Krankenpflegerin. Ich will einen Beruf haben, bei dem ich jemanden helfe, der leidet. Ich bin keiner, der gerne am Schreibtisch sitzt.“

Haben Sie den Eindruck, dass es im Radsport schon etwas besser geworden ist?
Lang: „Ich glaube an die Zukunft des Radsport, weil es eine schöne Sportart ist. Und man ganz klar sagen muss, dass die jüngere Generation erkannt hat, worum es geht.“

Contador ist erst 24 Jahre alt!
Lang: „Er ist auch eine Spanier, der irgendwo aus einem Dorf kommt, wo er sonst nur Eier pflücken würde, und Sinkewitz hatte noch nie Hirn für mich. Das sind Leute, die wissen gar nicht, was sie machen. Durch Patriks Aktion hätte irgendwo ein Sponsor weggehen können. Die Rennfahrer und die Leute die dort arbeiten, wären arbeitslos geworden und die Familien hätten plötzlich kein Geld mehr gehabt. Das nenne ich verantwortungslos. Wenn er dann öffentlich sagt, das war nur ein Ausrutscher, dann tut mir das nur leid.“

Jüngere Profis haben erkannt, dass der Weg nur so geht?
Grabsch: „Viele sind wachgerüttelt, es gibt ein Umdenken. Es wird nicht von heute auf morgen gehen. Aber es ist möglich, wenn alle an einem Strang ziehen.“

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