Albasini über seine Hassliebe zur Mur de Huy

“In eine Kreissäge zu greifen, braucht mentale Überwindung“

Von Christoph Adamietz

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Michael Albasini beim Fleche Wallonne 2012 | Foto: Cor Vos

21.04.2020  |  (rsn) - Hätte die Corona-Pandemie nicht alle Räder zum Stillstand gebracht, würde am Mittwoch der Fleche Wallonne anstehen. Der kleinste der drei Ardennenklassiker endet an der Mur de Huy, einem der spektakulärsten Anstiege des Rennkalenders. Einer, der mit der nur 1,4 Kilometer langen, aber bis zu 20 Prozent steilen “Mauer“ bestens zurechtkam, war Michael Albasini (Mitchelton – Scott). Acht Mal landete der Schweizer beim Fleche Wallonne in den Top Ten, zwei Mal davon sogar auf dem Podium. Nur ein Sieg war ihm nicht vergönnt.

“Kurze, abrupte Steigungen konnte ich schon immer schnell hochfahren. Das liegt wohl an meiner Physiologie“, erklärte Albasini gegenüber radsport-news.com, weshalb er an der “Mur“ zu den stärksten zählte. Dabei nutzte 39-Jährige eine Nische, die sich ihm mit dem Fleche Wallonne bot. “Oft war es so, dass Amstel (Gold Race) und Lüttich(-Bastogne-Lüttich) die großen Ziele meiner Teamkapitäne waren. Meist sind sie den Fleche gar nicht oder nicht voll gefahren. So hatte ich da jeweils meine Chance und nach den ersten paar Resultaten war ich plötzlich Fleche-Spezialist“, sagte Albasini.

Den Schlussanstieg von Huy beschrieb er als “speziellen Mix aus Bergankunft und Sprint“. Er selbst sei zwar weder auf dem einen noch dem anderen Terrain ein Spezialist, “aber in der Schnittmenge kann ich mich da behaupten“, nannte Albasini sein Erfolgsgeheimnis.

Zwar entscheidet sich an der Mur der Fleche Wallonne, aber auch, wenn die Ausreißer letztlich immer chancenlos waren, so hat die “Vorgeschichte des Rennens“, wie Albasini sagte, durchaus ihren Einfluss auf das Schlussresultat. “Mal hatten Bergspezialisten Vorteile, mal waren die endschnelleren Fahrer im Vorteil. Bei der perfekten Mischung und wenn ich optimal (in den Schlussanstieg) reingekommen bin, konnte ich aufs Podium fahren, ansonsten reichte es für die Top Ten“, sagte Albasini.

Besonders wichtig sei es, so frisch wie möglich zum Schlussanstieg zu gelangen. “Das ist sicher der Schlüssel zum Erfolg. Da es aber ein recht hektisches und nervöses Rennen ist, bei dem es viele wichtige Abschnitte gibt, an denen man gut positioniert sein muss, ist dies gerade die Schwierigkeit“, berichtete der Allrounder.

“Mythos, Bierfahne, Schmerz“

Eminent wichtig sei es, sich möglichst schon am Fuße der “Mur“ in der Pole Position zu befinden. “Die Steigung ist sehr schmal, man ist schnell blockiert, wenn man zu weit hinten ist“, begründete er. Um sich die Kraft im Schlussanstieg bestmöglich einzuteilen, setzte sich Albasini dabei Referenzpunkte. “Ich wusste, dass ich bei den beiden Kehren ganz vorne sein musste, ohne dabei zu überdrehen. Ich musste jeweils die kurze Rampe direkt danach abwarten, um meinen Sprint zu eröffnen, ansonsten würde es mich hinstellen. Der weiße Schrein auf der rechten Seite war zum Beispiel auch ein Referenzpunkt für mich. Je nachdem, wie grau ich an dem Punkt war, wusste ich, wo die Reise hingehen würde“, fügte er an.

Zwei Mal hätte die Reise fast auf der obersten Stufe des Treppchens geendet. 2012 musste Albasini sich nur Joaquim Rodriguez geschlagen geben, drei Jahre später siegte Rekordmann Alejandro Valverde, der das Rennen bis dato fünf Mal für sich entscheiden konnte, vor Julian Alaphilippe und Albasini. “Alejandro ist Bergspezialist wie auch Sprinter. In Kombination ist er da beinahe unschlagbar“, erklärte der Routinier.

Auch wenn er zahlreiche Spitzenergebnisse einfahren konnte, so empfindet Albasini eine Art Hassliebe für den Schlussanstieg von Huy. “Die Mur ist ein spezieller Anstieg im Radsport. Ich habe mich immer gefreut, da mitten drin zu sein. Auf der anderen Seite hat mir keine Steigung mehr Schmerzen bereitet als diese. Ich war jeweils 60 bis 80 Meter vor dem Ziel komplett übersäuert, da beendet man normalerweise jegliche Belastung. Diese letzten Meter zu ertragen ist das Schwierigste, weil du weißt, dass sie kommen“, erläuterte Albasini die physischen wie die psychischen Komponenten des brutalen Schlusskilometers.

“Über den Punkt hinauszugehen, das klappt nicht jedes Mal. Absichtlich in eine Kreissäge zu greifen, das braucht eben mentale Überwindung“, lieferte Albasini ein treffendes Bild für die Torturen an der Mur, die er in drei Worten beschrieb: “Mythos, Bierfahne, Schmerz.“

 

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