Olaf Ludwig wird 60

Sprinter mit Stammplatz auf den Siegerpodesten

Von Manfred Hönel

Foto zu dem Text "Sprinter mit Stammplatz auf den Siegerpodesten"
Olaf Ludwig, hier bei einem Workshop mit Schulkindern im Jahr 2013, wird am heutigen 13. April 2020 60 Jahre alt. | Foto: Cor Vos

13.04.2020  |  (rsn) - Die geplante Geburtstagsfeier fällt ins Wasser. Corona nimmt keine Rücksicht. “So werde ich mit meiner bulgarischen Lebenspartnerin Olga Lazarova und meiner 83-Jährigen Mutter den Geburtstag in aller Stille am Ostermontag feiern. Wahrscheinlich schwinge ich mich auch aufs Rad und drehe meine alte Trainingsrunde. Da erinnert es sich leicht an meinen alten leider schon verstorbenen Trainer Werner Marschner und die alten Kumpel, die mir zu fast 20 Jahren internationaler Radkariere verholfen haben“, blickt Olaf Ludwig, der heute 60 Jahre alt wird, auf einen Osterspaziergang der besonderen Art.

Die Kinder Madlen (40), Steven (37) und Romina (26) blieben alle drei in Stolberg oder der Umgebung von Aachen, wo Ludwig mit seiner ehemaligen Ehefrau Heike 20 Jahre gelebt hatte. Wegen der Krise muss er sich mit elektronischen Glückwünschen seiner Kinder begnügen.

Ludwigs Blick fällt auf ein Foto an der Wand. Auf dem Siegerpodest stehen Lance Armstrong, Miguel Indurain und Olaf Ludwig. “Das Foto stammt von der WM 1993 in Oslo. Ich habe damals nicht gewonnen, aber nach einer Unwetterfahrt einen Platz auf dem Podest erobert. An dieser Bronzemedaillen hängen viel Schweiß und Schmerzen“, kramt er in Erinnerungen.

Den ersten Sieg feierte Ludwig übrigens im Juni 1972 im Alter von zwölf Jahren bei der Kreisspartakiade in Gera, den letzten 1997 beim ersten Sechstage-Rennen im damals neu erbauten Berliner Velodrom. Der Sprint-König erinnert sich noch genau an seinen 67. und damit letzten Profitriumph: “Schon als Jugendlicher bin ich in Berlin auf der damaligen Winterbahn in der Werner-Seelenbinder-Halle gestartet. Unser verstorbener DDR-Cheftrainer Wolfram Lindner legte Wert auf ein umfangreiches Bahnprogramm. Wintertraining auf Mallorca war im DDR-Radsport kein Thema." 

Popularität durch die Friedensfahrt

Seine unglaubliche Popularität im deutschen Osten und unter den Radfans auch in der Bundesrepublik erlangte Ludwig durch die Friedensfahrt. Es überrascht deshalb nicht, wenn er sagt: “Ich finde es ziemlich schade, dass es dieses große weltbekannte Rennen nicht mehr gibt. Ich verbinde viele, schöne Erinnerungen an die Friedensfahrt. Schon der Name ist für meine Begriffe mehr als nur die Bezeichnung für ein Radrennen. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an 1982 denke. Ich besaß damals vor dem Zeitfahren in Neubrandenburg, es war die vorletzte Etappe, ich hatte kaum noch Chancen auf einen Sieg, trotzdem versuchte ich im Kampf gegen die Uhr, alles aus mir herauszuholen. Tatsächlich gewann ich und verdrängte den Russen Zahid Zagretdinow auf den zweiten Rang. Die 190 Kilometer im Gelben Trikot von Neubrandenburg nach Berlin waren dann eine einzige Triumphfahrt durch ein kaum unterbrochenes Zuschauer-Spalier des Jubels. So was vergisst man nicht.“

Mit 36 Etappen-, zwei Prolog und zwei Gesamtsiegen schwebt Ludwig weit über der Konkurrenz. Ihm am nächsten kommt der Tscheche Jan Vesely mit 19 Tageserfolgen. “Von jedem Land also Polen, Tschechien und der DDR bewahre ich einen Satz der Trikots auf. Den Rest habe ich verschenkt und dem Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen übergeben“, verrät er. Ein Satz, das waren: Gelb (Einzelführender), Blau (Mannschaft), Rosa (Vielseitigkeit), Grün (Berg), Violett (aktivster Fahrer), Weiß (Punktbester). Mutter Sieglinde pflegt die Trophäen der Landstraße. Die alleinerziehende Mutter ist ziemlich stolz auf ihren Sohn. Vater Rolf war bei einem Verkehrsunfall 1977 um Leben gekommen.

Nicht im Schrank, sondern sicher im Tresor bewahrt Ludwig die olympische Goldmedaille von 1988 auf. Das olympische Gold besitzt für den Thüringer mehrfache Bedeutung, wie er betont: “Ich war auf der Bahn im Punktefahren eingebrochen. Unsere Funktionäre im olympischen Dorf sahen mich plötzlich nicht mehr. Trainer Lindner nominierte mich trotzdem.“ Die Strecke in Richtung Grenze zu Nordkorea bezeichneten die Rennfahrer als mittelschwer. Es ging in die letzte Runde. Vor dem Hauptfeld rollte eine elfköpfige Spitzengruppe, darunter auch Djamolidin Abduschaparow aus der Mannschaft der UdSSR. “Wenn du eine Medaille willst, musst du jetzt den Hinter heben, dachte ich“, so Ludwig.

Die Journalisten am Ziel bereiteten sich schon auf einen russischen Sieg vor. Einen Kilometer vor dem Ziel schloss Ludwig zur Spitze auf. “In dem Moment schoss der Westdeutsche Bernd Gröne vorn raus. Ich schaltete auf das große Kettenblatt. Ich hatte mir das von Alfons wegen der leicht abschüssigen Zielgerade extra montieren lassen. Mit aller Kraft haute ich in die Pedale, sofort war ich an Bernd vorbei und merkte, dass er mit Silber durchaus zufrieden war,“ schaut Ludwig zurück und meint: “Im Dorf wurde ich gefeiert und plötzlich sagten die Funktionäre, sie hätten schon immer Vertrauen in mich gesetzt. So ist das Leben.“

Auf Platz drei sprintete mit Christan Henn ein dritter Deutscher, wie Gröne aus der Bundesrepublik. “Der blanke Wahnsinn. Zwei Jahre später fuhren wir in einer Mannschaft“, sagt der erste deutsche Olympiasieger im Straßenrennen, dem zwölf Jahre später Jan Ullrich als nächster olympischer Gold-Gewinner folgte.

Beim Tour-Debüt zwei Etappensiege und das Grüne Trikot

In Berlin jagten im Januar 1990 Bahnspezialisten aus ganz Deutschland um die 171 Meter lange Piste der Winterbahn im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Olaf Ludwig fehlte. “Ich schaute mich nach einem Profirennstall um. Die Szene war uns schließlich ziemlich unbekannt“, berichtet Ludwig, der schließlich beim Team Panasonic des niederländischen Manager Peter Post unterkam. Kaum zu glauben, aber wahr! Am 2. Februar stand er zum ersten Mal bei einem Profirennen am Start. Es war den 1. Etappe der Ruta del Sol in Spanien. Wer gewann? Olaf Ludwig. Von den sechs Etappen der Rundfahrt gewann er drei und landete einmal auf Platz zwei.

Vier Tage vor seinem ersten Start bei der Tour de France 1990 sorgte der Geraer für ein Novum. In Altenkirchen im schönen Westerwald jagte ersten und einzigen DDR-Profimeister-Titel auf der Straße. “Danach ging es zum Start der Tour de France. Ein bisschen mulmig war mir schon: 3504 Kilometer, ein ganz schöner Kanten. Doch es lief richtig gut. Ich gewann nicht nur zwei Etappen, sondern auch das Grüne Trikot des besten Sprinters. Ich habe es einrahmen lassen und in unserem Haus aufgehängt“, berichtet der Rad-Veteran stolz.

Zum dritten Mal stand der Olympiasieger im Trikot des Teams Telekom 1993 in Montpellier ganz oeben auf dem Podest. “Wir haben da die gleich mit Uwe Raab die gleiche Taktik probiert wie früher bei der Friedensfahrt. Uwe Raab fährt für mich den Spurt an und ich ziehe durch. Berauschend empfand ich auch meinen Sieg vor Hunderttausenden Zuschauern auf der Champs Elysees“, erklärt Ludwig.

Doch was Popularität bedeutet, erfuhr er erst, als er in Holland das Amstel Gold Race gewonnen hatte: “Mein Solosieg in Maastricht brachte mir mehr Anerkennung in Holland ein als die anderen Profisiege vorher. Unbekannte Leute schrieben mir, luden mich ein und sprachen mich auf der Straße an.“ Wegen des Dopingskandals beim Team T-Mobile schrammte Ludwig dann aber nur knapp an einer finanziellen Katastrophe vorbei.

Heute organisiert er mit dem früheren Friedensfahrt-Manager Jörg Strenger für Hobby-Radler die Tour Sandanski in Bulgarien , betreut mit Team-Olympiasieger Mario Kummer Hobby-Radler im Robinson-Club, organisiert Radtouren im Sauerland und die Tour de Allee auf Rügen. “Im Moment müssen wir alle die Füße still halten, doch wenn das Corona-Virus vertrieben ist, geht es sofort wieder los“, hofft Ludwig und schickt zum Abschied noch ein Zitat aus seinem Buch "Highlights Friedensfahrt“ hinterher: “Entgegen allen Gerüchten kann ich mir auf die Brust schlagen: Nicht einmal ist mir der Gedanke gekommen, zur Spritze, Pille oder schnellen Pulle zu greifen, denn dann hätte ich eine so lange Laufbahn sicher nicht durchgestanden.“

1992 gewann Olaf Ludwig das Amstel Gold Race:
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