Atlas-Überquerung Team 8bar - 840 km, 12 000 hm - acht Tage - Teil 2

"Eine perfekt geplante Tour wird selten zum Abenteuer..."

Von Stefan Schott

Foto zu dem Text "
| Foto: 8bar-bikes.com

14.05.2016  |  Am Morgen des dritten Tages ging es zuerst knapp 20 km auf einer stark befahrenen Straße bergauf. Es gab keine Alternative, da nur dieser Weg über den Kamm führte.

Doch durch die gute Straßenbeschaffenheit kamen wir zügig
voran und erreichten noch vor Mittag den Gipfel des Tizi-n’Tichka-Passes, auf 2260 m Höhe. Wegen des eisigen Winds hielten wir uns nicht lange auf, und fuhren nach einer kurzen Pause weiter.

Nun ging's auf einer wenig befahrenen Nebenstraße weiter, und wir wurden mit feinstem Schotter belohnt. Wir durchquerten marokkanische Dörfer, die nach alter Tradition komplett aus Lehm gebaut waren.

Ein Highlight des Tages war eine alte, marode Festung,
Kasbah genannt, die bereits teilweise eingestürzt war. Am Abend hatten wir erstmals die geplanten 100 km pro Tag, geschafft - von unseren geplanten Gesamt-km waren wir jedoch immer noch weit entfernt.

Am vierten Tag führte die Route an der südlichen Seite des Atlas-Gebirges entlang. Da wir einiges an Kilometern gut zu machen hatten, entschieden wir uns, den heutigen Tag komplett auf gut fahrbaren Straßen zurückzulegen. So pumpten wir mehr Druck in die Reifen, und dann ging es auch schon los.

Auf der N10, die wir wegen der unendlichen Weiten
und langen Geraden „Morroccean Route 66“ tauften, kamen wir gut voran. So war die Devise "Team-Time-Trial", und wir setzten uns das Ziel maximal alle 50 km Pausen einzulegen.

Als wir am späten Nachmittag nach 120 km die N10 verließen, entschlossen wir uns, noch so weit wie möglich an den Atlas heranzufahren, um am folgenden Tag frisch gestärkt das Gebirge erklimmen zu können.

Am Morgen des fünften Tages ging der Anstieg also direkt los.
Wir starteten in der Dades-Schlucht, die für ihre spektakuläre Serpentinen-Auffahrt bekannt ist. Uns war klar, dass der heutige Tag eine Herausforderung werden würde, und die Karte zeigte eine stetige Steigung bis Kilometer 70.

Die Landschaft wurde immer karger, die Luft dünner, und es wurde zudem merklich kälter. Schließlich wechselte die Straße von Asphalt zu Schotter. Es wurde immer steiler, und wir kamen nur noch langsam auf dem losen Untergrund voran.

Am späten Nachmittag erreichten wir mit 2895 m
den höchsten Punkt des Tages, und auch den höchsten Punkt unserer Tour. Es war eiskalt und windig, dasThermometer zeigte minus 2° C an. Zelten war mit unserer leichten Ausrüstung also keine Option.

Bis zur nächsten Ortschaft waren es noch 25 km, und es fing bereits an zu dämmern. Wir mussten uns also beeilen, falls wir nicht in völliger Dunkelheit bergab auf Schotter unterwegs sein wollten. Mit Vollgas ging es weiter.

Leider waren wir wohl doch etwas zu schnell:
Ich hatte aufgrund eines Durchschlags den ersten Platten, und damit ersten technischen Defekt unserer Tour.

Als wir im Ort ankamen, war es bereits stockdunkel. Zum Glück fanden wir schnell eine Unterkunft. Da wir uns immer noch auf 2300 m befanden, und es nachts  unter 0° C kalt war, war unser Zimmer mit einem Holzofen ausgestattet. Diese Gelegenheit nutzen wir, um unsere Bekleidung zu waschen, und danach am Ofen zu trocknen.

Am nächsten Tag ging es auf einer Hochebene
das Atlas-Gebirge entlang. Wir befanden uns den ganzen Tag über 2000 m, und genossen die Stille. Da es hier keine Autos, wenige Tiere und nur selten Bäume oder Pflanzen gab, die Geräusche verursachten, war es ungewöhnlich, fast schon beängstigend still, .

Die wenigen Menschen die hier leben, gehören dem Berber-Volk an, das zu den Ureinwohnern Marokkos zählt, und durch ihr traditionelles bodenlange Kapuzengewand erkennbar ist. Da es hier wenig Zivilisation gibt, waren wir nahezu den ganzen Tag auf Schotterwegen unterwegs, und am Ende der Tages-Etappe ging es in eine lange Abfahrt.

Der Morgen des 7. Tages begann mit einem 15 km
langen Anstieg. Danach schien es laut Karte nur noch kleinere Anstiege zu geben. Doch auch die hatten es in sich, und es war ein ständiges Bergauf und Bergab. Kurz vor einem Gipfel ging es noch mal richtig steil bergauf.

Wegen einer Baustelle an der Steigung kamen uns zahlreiche LKWs entgegen. Wir waren heilfroh, als wir endlich oben ankamen und wussten, dass es die letzten 10 km nur noch bergab ging. Im Vergleich zu den Vortagen hatten heute zwar keine langen Ansteige auf dem Programm gestanden. Durch das ständige auf und ab hatten wir mit 2385 m trotzdem ganz schön Höhendifferenz, und den Tag mit den meisten Höhenmetern zurück gelegt.

Obwohl wir in den letzten Tagen täglich über 100 km
absolviert hatten, waren es noch immer knapp 160 km bis nach Marrakesch. Wir waren nicht sicher, ob wir das an einem Tag bei den teils schlechten Straßenverhältnissen schaffen konnten.

Am Morgen mussten wir erst mal einen 10  km langen Anstieg bewältigen, danach war es überwiegend flach. Leider hatten wir starken Gegenwind, und wir kamen gerade mal mit gut 20 km/h voran. Als wir um 13 Uhr eine Pause einlegten, hatten wir erst 70 km geschafft.

Dann ging es gestärkt auf einer stärker befahreneren Straße
weiter. Alle paar Kilometer kam ein Schild, das die Entfernung nach Marrakesch anzeigte: 68, 51, 47…

Der Wind hatte nachgelassen, und wir mobilisierten unsere letzten Kräfte. Schließlich kamen wir am späten Abend in Marrakesch an - zurück in der Zivilisation. Das bekamen wir allerdings sofort zu spüren: Die Straßen waren durch den dichten Verkehr und die Menschenmassen total überfüllt, der Geräuschpegel kam uns extrem hoch vor. Zumindest empfanden wir das nach einer Woche in der Stille so...

Unser Resümé: Sobald man die Touristenpfade verlässt,
sind die Leute unheimlich nett und gastfreundlich: Kinder rennen auf die Straße, um zu winken, Autofahrer hupen zum Gruß.

Wir dachten anfangs, dass es wohl besser gewesen wäre, die Tour mehr im Detail zu planen. Im Nachhinein waren es aber genau die Umwege die Highlights unserer Reise:

Wir hätten sicherlich nicht freiwillig einen 15-km-Fußmarsch
über felsiges Gelände eingeplant. Doch nur so hatten wir Dörfer passiert, die sonst nur mit dem Esel erreichbar sind, und Leute kennengelernt, die fernabder Zivilisation leben.

Eine perfekt geplante Tour wird selten zum Abenteuer - aber genau das wollten wir. Wenn ihr also eure nächste Tour plant, dann plant nicht zu viel, und erlebt ein Abenteuer, das ihr nie vergesst...

Stefan Schott ist Gründer und Inhaber der Berliner Fixie- und Rennrad-Schmiede "8bar".
Weiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößern
JEDERMANN-RENNEN DIESE WOCHE
  • Keine Termine