30. Mai - Faaker See - 135 km, 2150 hm

Paco Wrolich: Geburtstag auf dem Rad

Von Wolfgang Preß

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| Foto: kaernten.at

06.06.2014  |  (Ra) - Wenn man 40 wird, ist das ja nicht irgendein Geburtstag im Leben. Um den 40. auf dem Rennrad zu verbringen, dazu muss man schon ein echter Radl-Fanatiker sein. So wie Paco Wrolich - in Kärnten nicht nur Radsport-Idol, seit seinen Profi-Tagen in den Teams Gerolsteiner und Milram, sondern seit einigen Jahren auch Radsport-Beauftragter des Landes, der sich um neue Rennrad-Runden ebenso kümmert wie um die Probleme der Biker mit den Bauern.

Rückblende: Freitag, 30. Mai, acht Uhr, Latschach am Faaker See.
Vor “Pacos Taverne” steht ein Reisebus mit Rad-Anhänger. Paco himself springt aus der Tür, begrüßt die ankommenden Rennradler. Geburtstag? Er nimmt kurze Glückwünsche lachend entgegen, und meine Frage, ob er heute nichts besseres zu tun habe, kontert er: “Wos gibt's denn bessas ols bei so am scheenan Wetta aufm Radl zum sitzn?”

Allerdings sitzen wir erstmal eineinhalb Stunden im Bus, um nach San Daniele zu kommen. Von dort soll es über die Pässe Uccea und Predil zurück an den Faaker See gehen. Die “Drei-Länder-Tour” ist der Rennrad-Abschluss der Kärntner “MaiRad”-Tage, die am 1. Mai mit einer Tour vom Faaker See ans Meer begonnen haben. Wer war wohl dabei?

Genau - Paco Wrolich. Der bekommt dann doch noch
ein ordentliches Geburtstags-Ständchen, in einer Trattoria in Majano, kurz vor San Daniele, wo wir am Parkplatz die Räder ausladen. Es gibt Prosecco für alle knapp 15 Mitfahrer, dazu Cappucino für die meisten, und natürlich Pane mit dem örtlichen, bekannt leckeren Schinken. Wir heben unser Glas auf Pacos Wohl, krähen leicht schräg das übliche Lied, und bald danach geht's los, auf seine Geburtstags-Tour.

Nach eine Schleife durch das hübsche Schinken-Städtchen kommen wir in die schönen Hügel des Friaul, wo der Weizen schon recht reif auf den weiten Feldern steht, am Rand romantisch von viel rotem Mohn und etlichen schmalen Zypressen begleitet.

Unsere Truppe ist bunt gemischt -
von top-fitten Amateur-Club-Fahrern bis zu gereiften Freizeit-Rennern (einschließlich mir;-) ist alles dabei. Vorn wird gern immer wieder mal Tempo gebolzt, aber Paco lässt sich netterweise, und trotz Geburtstag, regelmäßig zu uns ergrauten Hobby-Tretern zurückfallen. So können wir die Löcher dann doch meist bald zufahren.

Aber wir sind ja auch nicht auf einem Rennen, wie Paco dankenswerterweise immer wieder mal den Führenden näherbringt. Wir wollen ja auch ein bißchen was von der Gegend sehen, und die ist hier wirklich recht hübsch: Es geht das grüne Tal der Uccea entlang, durch nette Dörfer wie Tarcento Richtung Slowenien - die hellen Felswände der Karawanken stets im Hintergrund.

In Lusevera beginnt dann so langsam der Anstieg
zum Uccea-Sattel, noch gemächlich mit unter fünf Prozent, aber doch beständig. Kilometer um Kilometer kurbeln wir uns hoch. Die Jugend ist enteilt, aber Paco fährt tapfer mit uns.

Angenehm wenige Moppeds sind unterwegs (ist ja auch Freitag, nicht Wochenende); nur so mancher slowenische Nobel-Geländewagen stört unser friedliches Getrete, wenn die – oft auch noch telefonierenden – Fahrer trotz genug Platz auf der Straße mit wenig Seitenabstand und hoher Geschwindigkeit überholen.

Schließlich erreichen wir den Sattel,
slowenisch Sedlo Učja, samt Grenze auf gut 700 Metern, mit schöner Aussicht auf die Bergketten des italienischen Gran Monte und des slowenischen Stol. Die Abfahrt führt uns auf guten Straßen bis bis zu 70 km/h ins Tal, wo in Bovec die Mittagspause ansteht.

Paco, der ja zur slowenischen Volksgruppe in Kärnten gehört, bestellt gleich mal perfekt in Landessprache Lasko und Cockta für (fast) alle: ein feines Bier aus der Region, und dazu die slowenische Version von “Red Bull”. Die schmeckt ähnlich gewöhnungsbedürftig wie das Original, aber ich hoffe, dass sie mir für den anstehenden Predil-Pass entsprechend Flügel verleiht.

Die Toast-Bestellung hab ich nämlich irgendwie verpasst,
und als ich sie nachholen will, ist schon Bezahlen und Aufbruch angesagt. Na gut, dann eben unterwegs einen Riegel, denke ich, als wir durch das hübsche Soca-Tal rollen, munter plaudernd in Zweier-Reihen.

Kurz vor dem Anstieg dann eine Polizei-Kontrolle, und wir werden allen Ernstes rausgewunken. Ratlose Gesichter im Peloton. Gut, dass wir den Muttersprachler Paco dabei haben: Wir dürfen nicht in Zweier-Reihen fahren, übersetzt er.

Der erst recht streng guckende Ordnungsmann
wird entspannter, als er Pacos Ausweis kontrolliert. Den Namen kennt er dann doch, und am Geburtstag will er auch nicht so sein: Er belässt es bei einer kostenfreien, mündlichen Verwarnung, und wünscht uns “a good ride”.

Die Straße steigt nun deutlich an, vorbei am Fort Kluze, einer alten Verteidigungs-Anlage aus Habsburger Zeit, und führt auf einer 60 m hohen Brücke über die Koritnica-Schlucht, durch den Ort Log pod Mangrtom ins Tal hinein.

Mittlerweile sind wir bei deutlich über fünf Prozent

konstanter Steigung, dazwischen immer wieder Rampen mit über zehn Prozent. Die jungen Burschen sind längst weg, und auch Paco will an seinem Geburtstag nicht ständig hinterher trödeln. So kurble ich allein weiter in meinem Tempo, und spüre bald das fehlende Mittagessen. Von meinen Riegel bekomme ich ob der anhaltenden Steigung nur ein paar Bissen hinunter.

Als ich nach etwa der Hälfte des 13-km-Anstiegs die Kehren erreiche, setzt Platzregen ein. Muss das jetzt auch noch sein? Doch damit nicht genug: Ein entgegenkommender BMW-Motorradler hat die Kurve unterschätzt, und rutscht auf der nassen Fahrbahn weg.

Sein Mopped schlittert auf mich zu; ich gebe Gas,
bin aber auf der steilen Kurven-Innenseite zu langsam. Die Maschine erwischt noch mein Hinterrad, und fegt mich aus dem Sattel. Immerhin war ich so langsam, dass ich eigentlich nur umfalle; Rad und meiner einer bleiben unbeschädigt – im Gegensatz zur BMW.

Ein Zündkerzenstecker des Oldtimers ist verbogen, die Kerze darunter abgebrochen. Ich helfe dem Fahrer beim Aufrichten – wie ich kommt er aus München, wie ich nun am Kennzeichen sehe. Kurios: Zwei Münchner räumen sich an einem slowenischen Pass ab…

Der Regen platscht weiter mit unverminderter Heftigkeit

vom dunklen Himmel. Der kleine Unfall hat meine Lust aufs Weiterfahren gegen Null geschraubt, und mein Magen knurrt deutlich. Ich stelle mich unter eine große Tanne, und verdrücke den restlichen Riegel.

Das Unwetter hält an. Als ich mich nach über einer Viertelstunde durchgerungen habe, mich mit meiner dünnen Windweste weiter durch den Platzregen nach oben zu kämpfen, biegt unser Begleitfahrzeug mit Guide Sigi um die Kurve.

Manchmal kommt so ein Unwetter doch zur rechten Zeit,

denke ich, als Sigi mein Rad in den großen Kofferraum des Sharan lädt, und ich mir auf dem Beifahrersitz im Trockenen gierig einen Riegel der “Kärnten Werbung” einverleibe. So erspare ich mir die letzten drei Kilometer zur Passhöhe auf 1155 m, wo's mit um zehn Prozent nochmal richtig ans Eingemachte geht – der letzte Kilometer sogar mit über zwölf Prozent.

Dort überholen wir die letzten tapferen Kämpfer aus unserer Gruppe; an der alten Grenz-Station am Sattel wartet der pudelnasse Rest schon sehnsüchtig auf die trockenen Klamotten im Auto.

Bald geht's auf die rasante Abfahrt durchs Raccolana-Tal,

mit vier Kehren und einem unbeleuchteten, aber nur kurzen Tunnel. Die Straße ist anfangs noch recht nass, trocknet jedoch weiter unten schon langsam ab, so dass wir es gut fliegen lassen können. Da kann ich als alter Rennradler mit meinen fast 40 Jahren Fahrpraxis endlich vorn mithalten;-).

Unten kommt die Sonne wieder durch, und wir werfen an dem hübsch gelegenen, dunkelgrünen Lago del Predil, wo etliche Kite-Surfer ihre Runden ziehen, die Windjacken ins Begleitfahrzeug. Durchs alte Bergbau-Dorf Cave, wo bis in die 80er Jahre noch Blei abgebaut wurde, rocken wir weiter nach Tarvisio.

Dort treffen wir auf den gut ausgebauten “Alpe-Adria-Radweg”,
und leicht wellig brettern wir durchs Kanal-Tal wieder Richtung Österreich. Ich halte mich mit Mühe in der Wind-Staffel der jungen Racer – merke nach vielen Kilometern Kampf aber doch, dass das Tempo für mich zu hoch ist. Schließlich ist es noch ein gutes Stück bis zum Tour-Ende in Latschach.

Paco und einer seiner Radclub-Kameraden nehmen mich geduldig ins Schlepptau, und bei Maglern geht's über die Grenze nach Kärnten. Es bleibt weiterhin wellig, und nach über 110 Kilometern und mehr als 2000 Höhenmeter wird's für mich nun langsam zäh.

Weil ich dann Arnoldstein mit Finkenstein verwechsle,
und mich kurz vor dem Ziel wähne, geht meine Stimmung den Bach runter, als ich hinter dem Ort meinen Irrtum bemerke – und auf einem Schild sehe, dass wir noch über 20 Kilometer vor uns haben. Ich schimpfe vor mich hin, und Paco meint nur trocken: “Jaja, des is Rennradeln…”.

Aber jedes Tief geht vorbei, wenn man einfach weitermacht. Eine gute halbe Stunde später kommt der Kreisverkehr mit dem riesigen Holz-Motorradler in Sicht - eine Reminiszenz an das alljährliche Biker-Treffen am Faaker See. Die fiese leichte Steigung bis Latschach nehme ich nicht mehr wahr, und fahre direkt in den hübschen Garten von “Pacos Taverne”. Dort sitzt der Rest der Truppe schon bei einem kühlen Lasko-Bier und fachsimpelt; der Grill verführerisch duftet.

Pacos Vater Josko, der die Wirtschaft

und die dazu gehörenden Ferienwohnungen betreibt, wird heute von seinen beiden netten Töchtern unterstützt, und die Ältere drückt mir nun ein frisches Bier in die Hand: Ahh, lecker – schon ist das Glas leer. Der Nachschub lässt nicht lange auf sich warten.

Als später dann die Nudeln serviert werden, läßt Paco es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich zu bedienen – an seinem 40. Geburtstag. Sollte es heute nicht eher umgekehrt sein, frage ich ihn, doch er winkt nur ab.

"So isser, der Kärntner, und vor allem

der Kärntner Slowene", meint einer von Pacos Club-Kameraden. Die anderen nicken. Darauf erheben wir unser Glas, und wünschen Paco nur das Beste: Auf die nächsten 40 Jahre - mindestens…

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