Corona-Reisebericht

“Lago, wir kommen“: Einmal Gardasee und zurück

Von Oliver Knott

Foto zu dem Text "“Lago, wir kommen“: Einmal Gardasee und zurück"
| Foto: Oliver Knott

05.07.2020  |  Es gibt Sachen, die wären ohne Corona so vermutlich nicht möglich... Ich hatte ja schon zweimal das Vergnügen, von der bayerischen Heimat aus an den Gardasee zu radeln. Nachdem es im letzten Jahr auf einer ähnlichen Langstrecke nach Dresden ging, stand für dieses Jahr wieder der Lago auf dem Programm.

In dem Moment, als abzusehen war, dass Reisen wieder möglich sein wird,
verkündete ich in einer Rund-Mail mein Vorhaben. Tatsächlich kamen Meldungen zurück, wobei nicht alle Interessenten an dem geplanten Termin am zweiten Juli-Wochenende Zeit hatten. Die WhatsApp-Gruppe "Lago wir kommen“ wurde erstellt.

Zu viert wollten wir es also angehen, das Abenteuer "Lago di Garda an einem Tag", man könnte auch "Alpenüberquerung an einem Tag" dazu sagen. Als sich dann der Wettermann im Radio dazu hinreißen ließ, für die gesamte Woche ein Bombenwetter vorherzusagen, überraschte ich meine Mitfahrer am Sonntag mit dem Vorschlag, gleich am folgenden Donnerstag (25.6.) zu starten.

So kam es, dass sich unsere Truppe
auf sechs Radler vergrößerte, der letzte kam erst am Mittwoch dazu. Am Donnerstag trafen sich Alex, Mona, Clemens, Peter, Stefan und ich um 19 Uhr in Erding, um unser "Reise durch die Nacht“ zu starten. Über Aying - da gab's den erste Espresso - und Warngau ging es an den Tegernsee, wo die erste Pause anstand.

Da es mittlerweile 23 Uhr war, ist die Auswahl an geeigneten Lokalitäten eher beschränkt. Unsere Wahl fiel also auf Mc Donalds, bei dem für alle Geschmäcker was zu finden war. Nach erfolgter Stärkung machten wir uns auf den einsamen Weg zum Achenpass und weiter am gleichnamigen See vorbei, hinab ins Inntal.

Bisher hielt das Wetter, das am Tag vor
unserer Abfahrt noch für einiges Kopfzerbrechen gesorgt hatte. Die Eindeutigkeit, mit dem im Radio ein Hoch angekündigt wurde, war in der aktuellen Prognose nicht mehr vorhanden. Aber das Gewitter am Tegernsee war offensichtlich schon am Abend durchgezogen, denn die Straßen waren zum Teil noch feucht.

Die Inntal-Bundesstraße, der wir bis Innsbruck folgten, hatten wir quasi für uns allein. Nur in der einen oder andern Ortsdurchfahrt sahen wir noch Leute auf der Straße, in Schwaz jubelten uns Party-Heimkehrer zu.

Landjäger, Laugenstange und ein Spezi,
das war dann meine Wahl an einer 24-h-Tankstelle in Innsbruck - um drei Uhr in der Früh eine gute Grundlage, um anschließend den Brenner zu erklimmen. Langsam dämmerte es am Himmel, die ersten Vögel begannen zu zwitschern, was keine zehn Minuten später in einem Konzert aus Amsel, Drossel, Fink und Star mündete.

Um viertel nach fünf war der Brenner geschafft, bei mittlerweile nur noch sieben Grad. Jetzt ging es hinab nach Sterzing, und von dort wieder hoch, auf das gut 2200 Meter hohe Penser Joch. Einfach so unten herum nach Bozen, das wollten wir dann doch nicht. Unsere Sechser-Gruppe, die bisher schön gemeinsam unterwegs war zerfiel nun. Jeder fuhr die 1300 Höhenmeter so wie es für ihn richtig war.

So richtig Tempo bolzen war eh nicht möglich,
nach 250 Kilometer und mit einer Satteltasche, die bis an die Kapazitätsgrenze von sechs Kilo beladen ist. Die Temperatur blieb beständig einstellig, doch mit zunehmendem Aufstieg blitzte die Sonne langsam über die gegenüber liegenden Gipfel hervor

Doch knapp 50 Höhenmeter unter dem Gipfel wurde die Sonne vom Nebel verdeckt; schnell die Jacke überziehen, warm halten. Als wir zu fünft oben waren, entschieden wir uns, zusätzlich zur geplanten Pause in Bozen gleich hier noch einen Stop einzulegen und in der Gaststätte auf unseren sechsten Mann zu warten.

Einen heißen Kakao und eine Schinkensemmel
später (was für eine seltsame Kombi) schwangen wir uns wieder auf die Räder und ließen es die 50 Kilometer hinab nach Bozen rollen. Wobei aufgrund des Gegenwinds von rollen nicht die Rede sein konnte: Treten war angesagt. In Bozen dann das zweite Frühstück, jetzt mit Espresso und Cornetto - angekommen in Italien.

Noch ein wenig frisch machen, Brille gegen Linsen tauschen und ab ging die Post, auf dem Radweg Richtung Süden. Ich kannte die Strecke schon aus meinen beiden früheren Gardasee-Fahrten, meine fünf Begleiter nicht. Es war mittlerweile Nachmittag, der Wind wehte beständig von vorne, die Strecke ist wenig abwechslungsreich, man wechselt immer wieder von der einen Seite der Etsch auf die andere.

Kurzum, wir kamen nicht in der gewünschten
Geschwindigkeit voran, die Moral sank und das Gefühl, dass Rovereto, wo man nach Westen Richtung Gardasee abzweigt, in immer weitere Entfernung rückt, machte sich langsam breit. Da wir aber alle wissen, dass sich Ortschaften selten bewegen, kam es irgendwann soweit, dass wir das Etschtal in Richtung Gardasee verließen.

Um kurz vor 16 Uhr hatten wir ihn dann im Blick, den Gardasee, wenig später waren wir dann wirklich dort. Kaum waren die ersten von uns in den See gesprungen, wurde die WhatsApp-Gruppe in „Lago wir sind schon da“ umbenannt...

Wie kommen wir eigentlich wieder nach Hause?
Diese Frage stellten wir uns dann beim Abendessen. Für mich war klar: per Fahrrad. Eigentlich ging ich davon aus, dass die anderen das auch so sahen. Das Transport-Angebot meiner Frau, das für das ursprüngliche Wochenende bestand, hatte ich mit der Verlegung des Termins ja aufgegeben.

Clemens war der einzige, der sich die Rückfahrtfrage nicht stellen musste: Seine Frau war in den Marken, und fuhr am Samstag zurück in die Heimat, inklusive ihrem Mann. Noch beim Essen wurde versucht, ein Shuttle zu organisieren - vergeblich, keine Plätze frei, oder keine Fahrer zur Verfügung oder andere Hinderungsgründe.

Also wurde auf den Zug umgeschwenkt -
aber das wollte ich doch eher nicht. Da wir nicht wussten, welche Corona-technischen Unannehmlichkeiten auf einen warteten, wollte ich mir das nicht antun. Ich bleib also bei meinem Plan, am Samstag bis Sterzing zu radeln, und dann weitersehen. Als ich vom Frühstück aufstand, um meine sieben Sachen zu packen, war klar: Drei von uns fahren nach Rovereto zum Zug, Peter und ich werden uns über den Monte Bondone Richtung Trient begeben, um anschließend den Radweg nach Norden zu nehmen.

Doch ersten kommt es anders, und zweitens als man denkt. In meiner Abwesenheit hatten die anderen beschlossen, die Rückreise ebenfalls per Rad anzutreten - allerdings nicht über den Monte Bondone, sondern via Lago di Tenno und Lago di Molveno zurück ins Etschtal, auf den ungeliebten Radweg. Minimum-Ziel für die anderen sollte heute Bozen sein.

Wie sich die Tage unterscheiden können: 
Gestern noch gegen den Wind ankämpfend, heute mit Rückenwind Bozen entgegen. So kamen wir rasch voran und waren um 15 Uhr schon fast mit unserer Pause in Bozen fertig. Da war dann auch klar, dass das heutige Ziel eher Sterzing als Bozen heißen wird. Unsere Zimmer wollten wir aber noch nicht buchen, denn die Wettervorhersage war immer noch auf leicht gewittrig und so hielten wir uns die Option offen heute ein paar Kilometer früher Schluss zu machen.

Den Brenner zum Frühstück gab es dann am Sonntag. Vor zwei Tagen hätte ich keinen Cent darauf gesetzt, dass wir an diesem letzten Tag unseres Ausflugs noch gemeinsam auf dem Rad sitzen würden. Doch so kurbelten wir unsere letzten Meter auf italienischem Boden, bevor wir in Matrei auf die alte Römerstraße abbogen.

Nach der Abfahrt fuhren wir die ersten Kilometer
bis Schwaz auf dem Radweg, um dann auf die Bundesstraße auszuweichen. Wir wollten Strecke machen, zügig vorankommen, vor den prognostizierten Gewittern an unserem Ziel, dem "Winklstüberl" ankommen. In Kufstein gabelten wir Peter wieder auf, den wir in Tirol verloren hatten.

Voller Elan ging es über Thiersee hinauf zum Urprung-Pass - um dann vorbei an Bayerischzell die letzten Kilometer bis ins Cafe "Winklstüberl" zurückzulegen. Nicht ohne einen gewissen Stolz über das Vollbrachte machten wir uns über Kuchen, Nudeln, Kaffee, Radler, Schorle und alles sonstige her. Immerhin haben wir an einem verlängerten Wochenende die Alpen zweimal überquert.

Die WhatsApp-Gruppe hat auch schon
wieder einen neuen Namen: „Lago 2021“. So schnell kann man Leid und Schmerz verdrängen – eine Rennradler-Eigenschaft?
Wir sehen uns, am Lago 2021...

Euer Oliver

 

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