Rekordfahrt vom Nordkap nach Kapstadt - Tagebuch

Cape to Cape: Mit Eskorten und Nil-Wasser durch die Wüste

Von Jonas Deichmann

Foto zu dem Text "Cape to Cape: Mit Eskorten und Nil-Wasser durch die Wüste"
die wüste Sahara | Foto: Philipp Hympendahl

17.10.2019  |  Der Münchner Extrem-Sportler und Abenteurer Jonas Deichmann hat einen neuen Weltrekord im Visier: 18 000 km mit dem Rennrad, vom Nordkap in Norwegen bis zum südlichen Ende Afrikas, ohne Unterstützung, zusammen mit dem Fotografen Philipp Hympendahl.

Das will Deichmann in weniger als 75 Tagen schaffen, einen ganzen Monat schneller als der bisherige Rekord. Jonas wird durch Finnland, Russland und den Nahen Osten bis nach Ägypten radeln, bevor es quer durch Ostafrika weitergeht, bis hinunter nach Kapstadt.
Und wie bei seinem Eurasien-Rekord führt Jonas wieder für RSN ein Tagebuch. Hier Teil fünf seiner Aufzeichnungen:

Tag 26: Sonnenaufgang in den Bergen
Letzter Tag im Iran. Wir machen uns im Dunkeln auf den Weg und erleben einen der eindrucksvollsten Sonnenaufgänge, als die Sonne auf der leeren Wüstenstraße über die Berge scheint. Wir klettern 40 km auf einen Pass auf 2000 Metern Höhe, und fahren den größten Teil des Nachmittags ab. Die Temperaturen sind wieder gestiegen und macht das Radfahren schwierig. Nach 250 km erreichen wir Shiraz, das Ende unnserer heutigen Etappe. 6000 km, ein Drittel der Strecke geschafft! Wir sind sehr aufgeregt, nach Afrika zu kommen...

Tag 27: Endlich in Afrika!
Entspannter Transfer-Tag nach Kairo. Schlafen bis acht Uhr, eine Stunde Frühstück. Wir packen unsere Fahrräder ein, unser iranischer Freund Hossein bringt uns zum Flughafen. Nach einem Zwischen-Stop in Sharjah landen wir um Mitternacht in Kairo und radeln direkt aus der Stadt heraus, um dem Verkehr zu entgehen. Endlich in Afrika!

Tag 28: Polizei, Lastwagen und Gefängnis
Unsere ägyptische Freundin Helmy begleitet uns die ersten Kilometer, bis wir die Nil-Route erreichen. Die Straßenverhältnisse sind schrecklich - und der Verkehr auch. Die Route folgt dem Nil, steigt aus dem Tal an, bis in die Wüste. Wir werden an einer Polizei-Kontrolle angehalten und müssen eine Stunde warten. Sie wollen uns zwingen, auf einen Lastwagen umzusteigen - was natürlich nicht geht.

Ich rufe Helmy an; sie verhandelt, dass wir mit einer Eskorte fahren dürfen. 50 km später werden wir wieder angehalten. Dieses Mal wollen sie uns in ein Hotel abseits unserer Route bringen. Wieder hilft Helmy, und handelt eine Übernachtung in einer Gefängniszelle für uns aus.

Tag 29: Polizei-Eskorten - und eine Nacht in der Moschee
Wir haben schrecklich geschlafen; die Polizei war die ganze Nacht über laut mit dem Funk beschäftigt. Zumindest können wir um 4/30 Uhr starten, nach Wasser und Pommes, die sie uns zum Frühstück gebracht haben. Wir haben den ganzen Tag Eskorten; sie wechseln an jedem Kontrollpunkt. Glücklicherweise hatte unsere ägyptische Freundin Helmy ein paar nette Worte mit der Polizei gewechselt, und sie sind super-freundlich und top-organisiert. Ein Polizeiauto samt Besatzung steht immer schon bereit, wenn wir ankommen, und wir können sofort weiterreisen. Null Probleme bis zum Abend.

Am Morgen mit starkem Rückenwind durch die Wüste, durchschnittlich 45 km/h, bis wir wieder im Nil-Tal sind, wo der Wind schwächer wird. Nach 308 km erreichen wir eine kleine Stadt, in der wir schlafen wollen. Die Polizei bringt uns zum Bahnhof statt zu einem Gästehaus. Wo sollen wir übernachten? Es dauert eine halbe Stunde, bis ich Helmy erreiche und sie auf eine Entscheidung drängt. Jetzt begleiten sie uns zur örtlichen Moschee, in der wir schlafen dürfen. Die Haushälterin ist unglaublich freundlich und bringt uns ein leckeres Abendessen. Es tut gut, nach der gestrigen Gefängniszelle ein anständiges Nacht-Quartier zu haben.

Tag 30: Schlafender Kommandeur, Tee mit dem Bürgermeister
Um fünf Uhr morgens Start; es eskortiert uns wieder die Polizei und folgt uns entlang des Nils. Nach 30 km erreichen wir den ersten Kontrollpunkt, an dem sie wechseln wollen. Leider schläft Mahmoud, der Kommandeur des Checkpoints, und niemand wagt es, ihn zu wecken. 50 Minuten später können wir dann mit einer neuen Eskorte weiterfahren. Wir radeln nur ein paar Kilometer bis zu einem weiteren Kontrollpunkt - mit einem ähnlichen Problem.

Wir haben genug; ich rufe wieder unsere Freundin Helmy an. Ihr Eingreifen klappt, und wir radeln den ganzen Tag reibungslos weiter. Vor Luxor wendet die Polizei-Eskorte plötzlich, wir dürfen alleine weiterfahren - ein touristischer Hotspot, der anscheinend als sicher eingestuft ist. Wir fahren entlang des Nils zum Dorf Al Aydah, wo wir eingeladen werden, in der Moschee zu schlafen. Der Polizei-Major und der Bürgermeister kommen, um mit uns Tee zu trinken. Wunderbare Gastfreundschaft...

Tag 31: Lebensmittelvergiftung in der Sahara
Philipp wacht mit Symptomen einer Lebensmittelvergiftung auf. Wir fahren los, in die Sahara. Er fühlt sich schwach, aber wir radeln weiter, um noch vor Mittag nach Assuan zu kommen. Nach zwei Stunden halten wir an der Hütte eines Einheimischen. Er gibt uns Wasser, Philipp ruht sich im Schatten aus. Aber er fühlt sich zu schwach zum Weiterradeln und fährt per Taxi nach Assuan, in ein Krankenhaus.

Ich komme gegen Mittag in großer Hitze nach Assuan und habe echte Probleme. Ich trinke vier Liter auf 60 km und fahre zu Philipp ins Krankenhaus. Leider ist die Polizei schon im Krankenhaus; sie machen sich immer viele Sorgen um Touristen. Aber niemand hat sich wirklich um Philipp gekümmert; die Polizei will nur, dass ich ein Papier unterschreibe, aus dem hervorgeht, dass sie sich richtig verhalten haben.

Ich bringe Philipp in ein Hotel, wo er sich ausruhen kann. Wir haben auf dem GPS die Position markiert, an der ausgestiegen ist, damit er mit dem Taxi zurückfahren und von dort aus weitermachen kann. Es wird zwei bis drei Tage dauern, bis er sich von der Lebensmittelvergiftung erholt hat. Wir fahren wieder in die Sahara. Ruhetage sind nicht eingeplant, da Körper und Geist abschalten. Harte Tage vor uns...

Tag 32: Ohne Philipp, mit Nil-Wasser
Einer der schlimmsten Tage, die ich je auf dem Rad hatte. Philipp beschloss am Morgen auszusteigen. Es geht ihm physisch zwar besser, aber die Aussicht, die Sahara zu durchqueren, machte seine Entscheidung klar, nachdem er zwei Tage gelitten hatte. Nun war ich alleine in der Wüste. Irgendwann geht mir das Wasser aus, ich leide bald unter Dehydration. Schließlich nehme ich Nil-Wasser von einem Einheimischen an. Ich bekomme schnell Magenprobleme und leide den ganzen Nachmittag schwer in der unbarmherzigen Sahara.

Nach 230 km werde ich an einem Checkpoint von der Polizei angehalten. Ich möchte weiter nach Argen an der sudanesischen Grenze, aber sie lassen mich nicht. Ich muss mein Zelt am Checkpoint aufschlagen. Es gibt kein Essen. Ein furchtbarer Tag: Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen und es ist laut, weil die Polizisten ständig in ihr Funkgerät brüllen. Schlafen unmöglich. Wenn ich zur Toilette gehen kann, folgt mir immer jemand. Wenn ich zwei Meter in eine andere Richtung gehe, ruft jemand sofort „Stop“. Eigentlich fühle ich mich wie ein Gefangener. Immerhin: Ich bin nur noch 100 km vom Sudan entfernt, und freue mich darauf, die Grenze zu passieren.
 
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