L’Etape du Tour mit dem Team Alpecin

15 000 Jedermänner vor den Profis auf dem Weg nach Val Thorens

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| Foto: Steffen Rohlfing (SIMIAN Video)

22.07.2019  |  Während das Peloton der Tour de France die Gipfel der Pyrenäen erklimmt, sind die Jedermänner den Profis bereits weit voraus. Bei L’Etape du Tour – der Tour de France für Hobbysportler – bestritten 15 000 Teilnehmer gestern schon die letzte Alpen-Etappe 2019.

Unter den Teilnehmern waren auch die Fahrer des Team Alpecin, die hier ihr Saison-Highlight bestritten. Um 17/45 Uhr überquerte mit Selma Yarkin die letzte Teilnehmerin des Team Alpecin den Skiort Val Thorens und damit das Ziel der L‘Etape du Tour. Es ist der Moment, in dem alles abfällt. Tränen der Freude, der Erleichterung, des Leidens.

Selma: „Nach 100 Kilometern war ich platt, aber der letzte Anstieg stand noch bevor. Ich hatte zwar noch gute Beine, aber die Hitze hätte mich fast gekillt. Jetzt im Ziel bin ich wahnsinnig stolz und happy.“ Vor ihr hatten bereits zehn weitere Team-Mitglieder die Herausforderung gemeistert, um auf 2380 Metern Höhe den sportlichen Triumph miteinander zu feiern.

Doch von Beginn an: 4/30 Uhr, nach kurzem Frühstück startete das Team Alpecin vom Quartier in Valmorel zum Start nach Albertville. In der ehemaligen Olympiastadt warteten mit Ihnen 15.000 Teilnehmer auf den Startschuss der 29. Austragung der Etape du Tour, in diesem Jahr identisch mit der 20. Etappe der Tour de France. Diese führt über 135 Kilometer und das Peloton muss dabei 4563 Höhenmeter überwinden.

Doch das sind nur die harten Fakten: Der Veranstalter ASO legt besonderen Wert auf professionelles Ambiente und so ist das Jedermann-Rennen der Tour de France auf ähnlich hohem Niveau wie das Profirennen. Der Charme der Tour lockt dadurch auch viele Hobbysportler aus dem Ausland an. Das Teilnehmerfeld bestand in diesem Jahr zu mehr als 30 Prozent aus internationalen Teilnehmern, die aus 71 Ländern stammten. Das Gros stellte Großbritannien, wie auch Michael Rammel, Nick Mayer und Marie-Louise Kertzman, drei Teilnehmer des Team Alpecin.

„Die L‘Etape du Tour als Hero-Event für das Team Alpecin auszuwählen, beruht natürlich auf der Nähe zur Tour de France. Die Teammitglieder bekommen hier all das geboten, was auch die Radprofis erwartet. Und das internationale Teilnehmerfeld deckt sich hervorragend mit unserem internationalen Ansatz, den wir nun im zweiten Jahr fahren“, so Jörg Ludewig, der die Tour de France als Ex-Profi bestens kennt. Als Sportlicher Leiter mit Profierfahrung weiß „Lude“ genau wovon er spricht. Den Team Alpecin Mitgliedern steht er quasi seit Beginn der Jedermann-Idee im Jahr 2006 für Rat und Tat zur Seite.

Um 7 Uhr fiel der Startschuss

Als um 7:00 der Startschuss für die erste Gruppe ertönte, war die Anspannung auf dem Höhepunkt. Nach kurzer Einrollphase begann der erste Kletteraktüber den Cormet de Roselend. Auch wenn der erste Anstieg im Roadbook nur mit einer Länge von 20 Kilometern angegeben wurde, mussten die Teilnehmer bereits wenige Kilometer nach dem Start in die Vertikale. Diese knapp 40 Kilometer lange Kletterpartie auf den ersten Gipfel des Tages verlangte den Fahrern bereits einiges an Energie ab. „Der Roselend hat schon einiges an Körnern gekostet. Die Szenerie abseits der Straße mit zerklüfteten Felsen, kristallklare Bergseen und krass grüne Hochalmen haben aber für einiges entschädigt“, sagt Basti Picker, der erst seit wenigen Jahren auf dem Rennrad sitzt. Der Aachener Maschinenbaustudent bestritt mit der L‘Etape erst sein drittes Jedermannrennen, hat aber Feuer gefangen. Vom 1968 Meter hohen Gipfel des Cormet de Roselend, der 2019 bei der Tour de France zum zwölften Mal auf dem Programm steht, erfolgte eine schnelle und 19 Kilometer lange Abfahrt hinunter nach Bourg Saint Maurice. „Wir kannten die Abfahrt bereits vom Recon am Tag zuvor, aber auf abgesperrten Straßen in einem Rennen hinunterzufahren, hat natürlich seinen ganz besonderen Reiz“, sagte Marco Peeters, ein 31-jähriger Niederländer aus dem Team Alpecin.

Auch wenn das Profil der Etappe im Roadbook auf den folgenden rund zehn Kilometern flach erschien, so ging es ständig leicht auf und ab. „Richtig flach fahren und im Windschatten einer Gruppe verstecken, war eigentlich das ganze Rennen hinweg nicht möglich“, sagte David Volkmann. Erschwerend hinzu kam, dass am zweiten Anstieg des Tages die Sonne bereits hoch stand und diesen Abschnitt in einen Brutofen verwandelte. Über 30 Grad im Schatten zeigt das Thermometer an. „Die Hitze verlangt einem schon einiges ab“, sagt Maximilian Immer, der seine erste Saison auf dem Rennrad bestreitet.

Ein endloser Kampf mit der Geduld und dem eigenen Körper

Nach bereits 100 anstrengenden und schweißtreibenden Kilometern mussten die Fahrer in den finalen Anstieg nach Val Thorens. 34 Kilometer, 5,5 Prozent durchschnittliche Steigung – ein Anstieg der schwersten, der sogenannten Hors Categorie. Schier endlos erscheinend, vorbei an einigen Dörfern, grüßten links und rechts schneebedeckte Gipfel, die noch vor zwei Monaten zum Skifahren eingeladen hatten. Die Gemütslage beschreibt der Brite Michael Rammel: „Ein endloser Kampf mit der eigenen Geduld und dem Körper. Ich hatte das Gefühl, das der Anstieg nie aufhört. Du spielst auch mit dem Gedanken aufzugeben, das Gefühl es hört nicht auf, aber der Gedanke an die Ziellinie hält einen aufrecht“.

Der Erste im Ziel war der Sportliche LeiterJörg Ludewig nach 5:04 Stunden. Aber auch an Ex-Profi „Lude“ gingen die Strapazen nicht spurlos vorbei. „Wenn ich an meine Zeit als Profi zurückdenke, kann ich mich an keinen Anstieg erinnern, der mich so viele Körner gekostet hat, wie dieses Finale hoch nach Val Thorens. Nicht nur die Länge des Anstiegs, sondern auch die dünne Luft bringen den Körper an die Belastungsgrenze“, so der dreimalige Tour-de-France-Finisher.

Wenige Meter vor der Einfahrt in den Skiort gab es für die Fahrer des Team Alpecin noch mal eine Extra-Motivation. Wie bei den Profis der Tour, war der Name jedes Teilnehmers aufwendig auf die Straße gesprüht. „Als ich meinen Namen auf der Straße gesehen habe, wusste ich, die Quälerei hat sich gelohnt. Da wollte ich nur noch vor Freude losschreien“, ließ Teamfahrerin Selma Yarkin ihren Emotionen freien Lauf.

Wie auch bei der Tour de France, lagen bei der L‘Etape du Tour für Hobbysportler Freud und Leid eng beieinander. Nicht alle Hobbysportler konnten ihre Ziele erreichen. Ein Stein auf der Abfahrt vom Cormet de Roselend machte alle Hoffnungen auf das Finish für Vanessa Pfohmann zunichte. Die 27-jährige Allgäuerin stürzte. Sie zog sich eine tiefe Schnittwunde zu, die genäht werden musste. Annabel Pragst gab am Fuße des Anstiegs nach Val Thorens das Rennen erschöpft auf – Hitze und Höhemeter waren zu viel. Das Rennen gar nicht antreten konnte die Britin Marie-Louise Kertzman, die an einem grippalen Infekt litt. Trotz dieser Schicksalsschläge feiert das Team gemeinsam die Erfolge und Leiden der L’Etape.

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